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Spreewaldkrimi „Die tödliche Legende“ : Die Krone des Schlangenkönigs

Greta (Muriel Baumeister) berichtet Kommissar Krüger (Christian Redl) und Kriminalbiologin Anna (Rike Schäffer), was geschehen ist Bild: Julia von Vietinghoff

Wie im Märchen: Christian Redl als Kommissar Krüger ist dem mysteriösen Spreewaldmörder auf den Spuren. Er ermittelt die Grenzen zwischen Mythos und Realität.

          Drei Mal liegt eine tote Schlange vor dem Haus, drei Mal muss ein Mensch sterben. Am Ende blickt Kommissar Krüger von einer Brücke auf eine gespenstische Flussszenerie: Eine Tote treibt in einem Spreewaldkahn im offenen Sarg auf dem Wasser, gefolgt von einer stummen Trauergemeinde im Fackelschein.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Tote ist die vierte Leiche im jüngsten Spreewaldkrimi, aber sie starb als Einzige eines natürlichen Todes. Die alte Frau hat die Legende vom Schlangenkönig nur erzählt, die anderen aber sind der Gestalt aus dem Märchen tatsächlich begegnet. Als die greise Hebamme von Lübbenau begreifen musste, dass sie mit ihren alten Geschichten, ohne es zu ahnen, drei Menschen den Tod gebracht hatte, zog sie die sorbische Festtagstracht an, legte sich auf ihr Bett und starb. Auch das kein ganz normaler Tod.

          Geheimes Königreich im Spreewaldmythennebel

          “Die tödliche Legende“, die der neue Spreewaldkrimi mit Christian Redl als Kommissar Thorsten Krüger erzählt, geht auf das sorbische Volksmärchen vom Schlangenkönig zurück, dessen Krone einstmals geraubt wurde und ihrem menschlichen Besitzer magische Kräfte und unermesslichen Reichtum bescherte. Seit Jahrhunderten schon lebt der Schlangenkönig im Verborgenen, und so dauert es eine Weile, bis der Kommissar zu ahnen beginnt, dass der Mörder, der durch den Spreewald geistert, ein Reich verteidigt, das nicht von dieser Welt ist, und dass er dabei zugleich sehr diesseitigen Zwecken dient: Es geht nämlich nicht nur um Spreewaldmythennebel und die Krone des Schlangenkönigs, sondern auch um Immobilienansprüche, genauer gesagt, um die Grundstücke, um die einige ehemalige DDR-Bürger gleich zweimal betrogen wurden: das erste Mal, als sie in den Westen gingen, das zweite Mal, als sie nach 1989 ihr früheres Eigentum zurückverlangten.

          Davon ahnt Thorben Althof nichts, als er an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Er ist im Spreewald aufgewachsen, als Schloss Lübbenau ein Kinderheim der SED war. Nun kehrt er als Hotelgast zurück, um den wenigen Erinnerungen an seine Kindheit aufzuhelfen. Dass er für andere eine Bedrohung darstellen könnte, kommt ihm nicht in den Sinn. Rüdiger Vogler spielt Althofs Reise in die Vergangenheit, die zunächst ganz ohne Worte auskommt, mit berührender Eindringlichkeit. Und Muriel Baumeister hat man selten so gut, so konzentriert und präsent gesehen wie hier als Althofs Tochter Greta.

          Motive einer Gesellschaft in unheimlicher Atmosphäre

          Was für ein verwickelter Fall und was für ein raffiniertes Drehbuch! So vielschichtig wird im deutschen Fernsehkrimi selten erzählt, und dabei geht es zunächst denkbar konventionell los. Ein Bauunternehmer ist im Suff ins Wasser gefallen und ertrunken, Althof, der vermeintliche Tourist aus dem Westen, einige Tage zuvor in seinem Hotelzimmer einem Herzinfarkt erlegen. Der als wohlhabend geltende Unternehmer Stein war in Wahrheit pleite, seine Witwe trauert recht sparsam, sein Bruder hingegen ist reichlich suspekt, und ob der alte Vater Stein seine Verrücktheit nur vortäuscht, kann niemand wissen außer dem jungen Pfleger René, der zu den alten sorbischen Geschichten ein ganz besonderes Verhältnis pflegt. Aber schon in den nächsten Szenen zeigt sich, dass dieser Krimi nicht Konventionen folgt, sondern eine eigene Ökonomie und Ästhetik entwickelt, die vor allem mit fabelhaft eingesetzten Rückblenden arbeitet. Sie reichen nicht einfach ein paar handlungsaufhellende Informationsbröckchen nach, sondern etablieren eine Atmosphäre des Unheimlichen: zwielichtig und somnambul, übersinnlich, mythenverliebt und dann auch wieder nüchtern-dokumentarisch.

          Geschickt mischt Thomas Kirchners Drehbuch Märchenelemente und Zeitgeschichtliches, wechselt zwischen Nachkriegs- und Nachwendezeit, lässt mit den Motiven Vertreibung, Enteignung, „Republikflucht“ und Restitutionsverfahren Motive der deutschen Geschichte anklingen, ohne darüber zu vergessen, dass hier ein Fernsehkrimi entwickelt werden soll, der mit Schauspielern wie Ulrike Krumbiegel, Maria Mägdefrau, Ludwig Blochberger und Rolf Hoppe auch in den entscheidenden Nebenrollen glänzend besetzt ist. Wie am Ende Parapsychologie und Psychopathologie, kindlicher Wahnsinn und nackte Rachsucht ineinandergreifen, wirkt dann überkonstruiert, verliert aber dank Redls schwerblütigem Kommissar nie ganz die Bodenhaftung. Redl demonstriert die Kunst, wie man ein sparsam-mürrisches Mienenspiel leuchten lässt, und die Kamera von Theo Birkens macht aus der urtümlichen Landschaft einen faszinierenden Mitspieler.

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