http://www.faz.net/-gqz-7g89q

„Sportstudio“-Jubiläum : Herzergießungen zur Mitternacht

Siezen im Modus des Duzens: Kathrin Müller-Hohenstein ebnet den Weg für viel Vertraulichkeit zwischen Moderator und Gast Bild: dpa

Trotz einiger Peinlichkeiten hat sich die Jubiläumsausgabe des „Aktuellen Sportstudios“ recht wacker geschlagen. Dass sich die Internet-Gemeinde vor allem über Beckenbauers Strümpfe echauffierte, spricht für sich - und gegen sie.

          Wie es zu gehen pflegt bei Jubiläen, Familien- und Geburtsfeiern: Irgendwer fällt immer aus der Rolle, ist zu aufgekratzt, zu großspurig, zu leutselig, zu sentimental, kurzum: entweder nur ein bisschen oder gleich entschieden peinlich. Und dass die Peinlichkeits-Gefahr gerade zum Ende einer Feier hin wächst, ist angesichts der allgemeinen Enthemmung fast selbstverständlich.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Eben gegen Ende hin bat die Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein bei der Jubiläumssendung zum fünfzigjährigen Bestehen des „Aktuellen Sportstudios“ im ZDF drei Vorzeige-Frauen des deutschen Sports auf die Renommiercouch: die einstige Eisschelllaufkönigin und  jetzige ZDF-Expertin Gunda Niemann-Stirnemann, die Ex-Profiboxerin Regina Halmich und die gerade mit einer weiteren Medaille von den Fechtweltmeisterschaften in Budapest zurückgekehrte Britta Heidemann.

          Und gerade ihr, deren mediales Eigen-Management sonst so perfekt ist und dabei so natürlich wirkt, unterliefen gleich drei dicke Patzer, die für die Zuschauer ganz unerwartet einen Blick hinter die Kulissen erlaubten, dorthin also, wo offenbar eine ziemliche Distanzlosigkeit zwischen Studiogästen und Moderatoren herrscht, in diesem Fall also zwischen Sportlern, die Gegenstand der Berichterstattung sind, und Journalisten, deren Aufgabe diese Berichterstattung ist.

          Zwei Moderatoren-Generationen im Gespräch: Michael Steinbrecher und Dieter Kürten
          Zwei Moderatoren-Generationen im Gespräch: Michael Steinbrecher und Dieter Kürten : Bild: dpa

          Dass Britta Heidemann munter plauderte über ihre jüngsten China-Reisen etwa an der Seite des Bundesaußenministers, konnte als Erfolgsfolklore ohne Weiteres durchgehen. Dass sie dabei aber rasch noch die deutschen Großsponsoren unterbrachte, für die sie bei solchen Anlässen über den gesellschaftlichen Laufsteg geht, war schon grenznah.

          Völlig aus dem Konzept aber brachte sie die arme Moderatorin, indem sie Frau Müller-Hohenstein, die es mit der schicklich-distanzierten Anrede, also „per Sie“, versuchte, umstandslos zurückduzte und dabei von langer Vertrautheit schwärmte. Richtig peinlich wurde es aber erst, als sie sich gleich selbst als Nachfolgerin für „den Michael“ empfahl, also für Michael Steinbrecher, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr als dreihundert „Sportstudio“-Sendungen moderiert hat und nun zum Monatsende aufhört.

          Durch Regina Halmich wurde die Sache keineswegs peinfreier. Auch sie duzte die Moderatorin sofort und konnte sich dann in ihrer ZDF-Panegyrik gar nicht mehr bremsen: Es sei just das „Sportstudio“ gewesen, dem sie aufgrund der vielen Live-Übertragungen ihrer Kämpfe ihre Popularität verdanke – und, eher wichtiger noch, ihre Sponsoren. Marketingagentur ZDF: Ganz so krass haben wir uns das nicht vorgestellt. Aber so ist das eben mit den Herzergießungen zur Mitternacht.

          Seine Strümpfe tun nichts zur Sache, aber für seine „Fffitaminspritzen“ stimmen nachdenklich: Franz Beckenbauer im Gespräch mit Mario Götze
          Seine Strümpfe tun nichts zur Sache, aber für seine „Fffitaminspritzen“ stimmen nachdenklich: Franz Beckenbauer im Gespräch mit Mario Götze : Bild: dpa

          Ein Rollenproblem hat inzwischen auch der nicht immer zu seinem Vorteil überlebensgroß gewordene Franz Beckenbauer. Er war etwas früher an der Reihe als die Damen Heidemann und Halmich, allerdings nach ihnen auch noch einmal – beim unvermeidlichen  (und zugegeben: auch unersetzlichen) Uraltritual des Torwandschießens. Dort war er fabelhaft, denn er machte den Clown, stoppelte mithin mehr als er schoss, traf natürlich trotzdem und fast so nonchalant wie einst vom Weißbierglas herab, entschied sich dann aber, den Ball lieber gleich mit der Hand und aus nächster Nähe ins offene Runde des sonst geschlossenen Eckigen zu werfen.

          Den guten und gütigen Großvater des deutschen Fußballs zu geben: diese Rolle steht ihm allerdings nicht. Genau sie spielte er aber in dem von Steinbrecher moderierten Gesprächskreis „der drei Generationen“, zu dem auch Rudi Völler, Mario Götze und das „Sportstudio“-Urgestein Dieter Kürten gehörten. Der Erkenntnisgewinn dieser Runde war mehr als bescheiden. Mario Götze wirkte bei seinem offenbar ersten längeren ZDF-Auftritt sichtlich gehemmt, Völler war, ist und bleibt eben Völler.

          Und Dieter Kürten, mit 375 Einsätzen der Rekord-Moderator, kam einfach nicht weg von seiner Obsession, dass der junge Beckenbauer doch vor seiner Zeit bei den Bayern auch schon beim Stadtrivalen und Erzfeind TSV 1860 München gespielt habe – und dass deshalb der Götze-Wechsel von Borussia Dortmund  zum Erzrivalen Bayern München ja gar nicht so schlimm sei. Kürten liebt das Harmonische seit jeher. Beckenbauer aber, was sehr verzeihlich ist, war nie bei den Blauen, trug aber am Jubiläumsabend unverzeihlicher Weise blaue Strümpfe, was in Zeiten von Facebook und Twitter natürlich sofort zu einem Nachrichtensturm führte, was wiederum nichts als ridikül, aber eben auch internetadäquat ist.

          Weitere Themen

          Brennen für die Kunst

          Viennacontemporary : Brennen für die Kunst

          Die Newcomer mischen mit: „Viennacontemporary“ und „Curated by_vienna“ beweisen eindrucksvoll, dass Wien mittlerweile auch ein wichtiger Umschlagplatz für Gegenwartskunst ist.

          Auch Trittin und Kretschmann verhandeln Koalition Video-Seite öffnen

          Jamaika : Auch Trittin und Kretschmann verhandeln Koalition

          Bei den Grünen wird neben Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann auch der Parteilinke Jürgen Tritten die Bedingungen für eine mögliche Jamaika-Koalition mit Union und FDP verhandeln.

          Topmeldungen

          Merkel nach der Wahl : Die Unerschütterliche

          Angela Merkel hätte, nachdem der Union so viele Wähler davongelaufen sind, Grund genug, ihre Politik zu ändern. Doch die Kanzlerin will das nicht erkennen. Ein Kommentar.
          Emmanuel Macron an der Sorbonne.

          Macrons Europa-Rede : Albtraum für Paris

          Frankreichs Präsident stellt seine Vision für Europa vor. Doch für ihn könnte ein Albtraum wahr werden: In einer Jamaika-Koalition säße die FDP, die unter neuer Führung klar gegen den Irrweg Transferunion Stellung bezieht. Ein Kommentar.

          Die AFD im Bundestag : Die Geister, die Gauland rief

          Eine Spaltung der AfD-Fraktion steht nach dem Austritt von Frauke Petry nicht an. Die Botschaft an die verbliebenen 93 lautet: Eigenmächtige Provokationen sind von sofort an unerwünscht – denn sie sind Chefsache.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.