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Sportjournalismus und Klatsch Die teuerste Nebensache der Welt

10.01.2010 ·  Das Internet macht dem amerikanischen Sportjournalismus zu schaffen. Das zeigt die Story eines berühmten Reporters, der in seinem Blog Gerüchte über den Golfer Tiger Woods verbreitete.

Von Jürgen Kalwa, New York
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Vor wenigen Tagen ist in Atlanta ein angesehener Sportjournalist in den Fängen des Internets hängengeblieben, weil er so altmodisch agierte, wie man es von einem Mann in seinem Alter erwarten würde: Ein Blog sei so etwas wie ein privates Tagebuch mit ein paar Freunden als Lesern, erklärte Furman Bisher, zweiundneunzig Jahre alt und noch immer aktiv - und zwar Hausherr der eigenen Website mit dem Titel „Bisher Unleashed“.

Diese Schutzbehauptung verbreitete der Pensionär arglos, nachdem er kurz zuvor eine Geschichte gebloggt hatte, die er über ein paar Ecken gehört haben wollte und die ziemlich glaubwürdig klang: Es handelte sich um einen haarklein zusammengetragenen Bericht über die Ereignisse im Hause des Golfspielers Tiger Woods in jener Nacht, in der er einen mysteriösen Unfall verursachte und damit ungewollt jenen Skandal lostrat, der den Amerikaner mit Millionen dotierte Werbeverträge und seine Ehe kosten könnte.

Den Text hatte Bisher nicht selbst verfasst, sondern als Empfänger von E-Mail-Kettenbriefen einfach weitergereicht. Er kursiert seit Mitte Dezember vor allem unter Amateurgolfern, die nach einer Erklärung dafür suchen, wieso Elin Woods mit einem Golfschläger zwei Scheiben des Wagens eingeschlagen habe, mit dem ihr Mann vor einen Baum gefahren war. Die Darstellung dürfte komplett erfunden sein, erhielt jedoch in Bishers Blog den Anschein von Seriosität und Glaubwürdigkeit. Nicht nur sah sich die Polizei befleißigt, sich noch einmal mit dem Fall zu beschäftigen. Auch der Agent des Golfprofis reagierte - mit einem Dementi.

Nicht nur die Athleten sprengen den Rahmen

Normalerweise sind die Fehlleistungen eines betagten Journalisten keine Meldung wert. Aber Furman Bisher wurde ungewollt zu einer Symbolfigur für eine Entwicklung, die dem Sportjournalismus noch viele abseitige Themen und noch so manche Gegendarstellung und Abmahnung einbringen wird. Denn der Sportreporter beschäftigte sich etwas unvorsichtig mit einem Spektrum des Medienalltags, das einst allein in den Händen von schlecht beleumundeten Boulevardjournalisten lag. Seitdem Sportler (aber auch Trainer und Agenten und Clubbesitzer) Millionen verdienen und via Fernsehen live und in Werbespots weltweit in die Haushalte strahlen, haben sie einen Bekanntheitsgrad erreicht, der weit über das hinausgeht, was man einst mit dem Spruch abtun konnte: Sport ist die schönste Nebensache der Welt. Die Stars des grünen Rasens und der Rennbahn sind Fixsterne geworden; sie stellen Hollywood-Figuren und populäre Rockmusiker in den Schatten. Ihre Scheidungen, wie im Fall des Basketballstars Michael Jordan oder des Golfprofis Greg Norman, kosten über hundert Millionen Dollar. Ihr Lebenswandel bringt manche, wie die Footballspieler Michael Vick (Tierquälerei) oder Plaxico Burress (illegaler Waffenbesitz), ins Gefängnis.

Aber nicht nur die Athleten sprengen den Rahmen. Inzwischen werden auch amerikanische Sportjournalisten zu Multimillionären. Der am besten bezahlte Autor ist Rick Reilly von ESPN. Sein Gehalt beträgt dem Vernehmen nach zwei Millionen Dollar im Jahr. Auf den Zug der Zeit aufgesprungen sind auch die Verantwortlichen von vergleichsweise neuen Plattformen wie der „Huffington Post“ und TMZ.com, die, obwohl sie eine ganz unterschiedliche Klientel bedienen, sich der Klatschgeschichtendimension des amerikanischen Sports, von der längst auch das Fernsehen lebt, zugewandt haben. Die für politische und medienkritische Inhalte bekannte „Huffington Post“ hat eine eigene Sportseite aufgenommen. Die Gossip-Schleuder TMZ, die jeden Tag im Fernsehen einen Ableger produziert, in dem sich aufdringliche Videoreporter Prominenten in den Weg stellen und sich mokieren, wenn diese nicht kooperieren, sicherte sich die Domain TMZsports.com.

In der Zange

Die Entwicklung wird die Standortbestimmung des klassischen Sportjournalismus beschleunigen, der in den Vereinigten Staaten Leistungen wie den Reportagestil des Magazins „Sports Illustrated“ und den weltweit agierenden Spezialsender ESPN gebar. Zu den Erfolgsphänomenen der Sportmedien gehören aber auch die Vierundzwanzig-Stunden-Talkradio-Programme in den Großstädten. Und jener beachtliche Ausstoß an lesenswerten Büchern über alle möglichen Sportarten und Protagonisten.

Das Milieu, in dem ein Schriftsteller wie Ernest Hemingway seine ersten journalistischen Gehversuche unternahm oder aus dem ein Norman Mailer seine Deutung des amerikanischen Machos ableitete, befindet sich in einer Identitätskrise. Die Faktenlage ist nicht ermutigend. Man nehme das Beispiel der „Washington Times“. Die stellte zum 1. Januar ihren Sportteil ein. Der tagesaktuelle Sportjournalismus der Zeitungen, der einst von Resultaten und Tabellen über Kurzmeldungen bis hin zu langen Lesestücken über die Befindlichkeit von Sportlern ein Reservoir für jede Menge Stoff war, ist in die Zange geraten: Die aktuellen Informationen und Statistiken besorgen sich Neugierige im Internet, wo eine Real-Time-Kultur entstanden ist, die aus allen Rohren schießt. Die ausführlichen Schriftsätze, für die man qualifizierte Reporter am Ort des Geschehens haben und meinungsstarke Kolumnisten beschäftigen muss, die wie Furman Bisher einst das Bild des professionellen Sports prägten, leisten sich selbst angesehene Redaktionen nicht mehr.

Ein Stilwandel im Umgang mit der Materie

Dabei ist das Verlangen nach Geschichten über die berühmten Figuren und ihr Umfeld größer denn je. Die Online-Marktführer Yahoo Sports und ESPN kommen zusammen auf mehr als sechzig Millionen unterschiedliche Nutzer jeden Monat. Der Messdienst comscore rechnet den Bereich Sportinformation in den Vereinigten Staaten auf mehr als 180 Millionen Internetnutzer hoch. Der erfolgreichste Sportblog Deadspin, der von einer Handvoll Textern produziert wird, erreicht 1,3 Millionen Besucher.

Deadspin, das zu dem kleinen Bloggerimperium Gawker Media gehört, und seine schnoddrige Art im Umgang mit dem Thema Sport sind zwar für die Topseiten keine Konkurrenz. Aber seine Schreiber gehören zu einer Generation, die für einen Stilwandel im Umgang mit der Materie sorgt. Blogger legen keinen Wert darauf, sich mit den Athleten zu unterhalten und bei Spielen auf der Pressetribüne zu sitzen. Das alles liefert das Fernsehen auf zahllosen Kanälen und meistens live. Sie interessieren sich vielmehr für die Randgeschichten - geschrieben mit einer Attitüde, die ganz offensichtlich eine wachsende Zahl von Sportfans goutiert. Die sind desillusioniert bis skeptisch und vom Geist der Maschine hypnotisiert, aber auch irgendwie abgeschreckt.

Diese Haltung ist einem alten Fahrensmann wie Furman Bisher fremd. Der schrieb im Gegenteil neulich: Die 45.000 Besucher, die seine durch nichts und niemanden substantiierte Tiger-Woods-Schmonzette begierig gelesen hatten, möchten sich bitte wieder trollen. Der Mann will seine Ruhe haben. Aber für die „Huffington Post“ und TMZ ist die von Deadspin forcierte Blogger-Masche durchaus ein Vorbild. Denn das Privatleben der Athleten und ihre Verfehlungen abseits der Arenen sind ein weites Feld. Wie der Fall Woods zeigt: Der Hunger auf solche Berichte ist ungestillt.

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