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Spike Lees Film über „Katrina“ Als die Dämme brachen

29.08.2006 ·  God's own country, abgedriftet in die Dritte Welt: Spike Lee erinnert in einem großartigen Dokumentarfilm daran, was der Hurrikan „Katrina“ mit New Orleans anrichtete. Der Film ist voller Poesie und doch eine scharfe Anklage.

Von Jordan Mejias, New York
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Wir sind dabei, wenn der Jazztrompeter Terence Blanchard seine Mutter Wilhelmina zurück in die zerstörte Stadt bringt. Sie fahren durch ein Trümmergebiet, in dem beide kaum mehr die alte Heimat wiedererkennen. Ihr Haus steht noch, schwer vergittert. Drum herum Wüstenei. Die alte Frau kann die Tränen nicht zurückhalten, als die Haustür aufgeschlossen wird. Drinnen setzt sich das Chaos fort. Worte versagen, unter lautem Schluchzen sucht sie in den Armen des Sohnes Zuflucht.

Wir sind dabei, wenn Kimberly Polk ihre fünf Jahre alte Tochter Serena beerdigt. Serena war in den Fluten verlorengegangen, ertrunken. „Mama, ich falle“, hatte sie gerufen, als sie der verzweifelten Mutter im Traum erschien. Während die Trauergesellschaft Blumen auf den Sargdeckel legt, wankt Kimberly Polk über den Friedhof davon.

Wir sind dabei, wenn Paris Ervin erzählt, wie seine Mutter wiedergefunden wurde. Der Student war vor dem Hurrikan geflohen, seine Mutter war geblieben. Suchtrupps markierten das Haus als leer. Monate später fand die Polizei die Leiche der Frau unter dem umgestürzten Kühlschrank.

Ein ungeheuerlicher Skandal

Vier ununterbrochene Stunden lang wird der Filmregisseur Spike Lee seinen Landsleuten solche Geschichten erzählen, heute abend. Denn genau vor einem Jahr saßen sie auch vor dem Fernseher, um über Bilder einer Naturkatastrophe zu staunen, die sich als ungeheuerlicher, menschengemachter Skandal enthüllte. Die verstörenden Szenen, die im Laufe der nächsten Tage um die ganze Welt gingen, sind bei Lee wieder zu sehen. Ohne stilistische Schlenker begnügt er sich damit, sie aneinanderzureihen. Sie haben nichts von ihrer Brutalität verloren.

Menschen, die von Dächern um ihr Leben winken. Zehntausende, die unter der lecken Kuppel einer Sportarena nicht das versprochene Refugium finden, sondern in diesem Vorzimmer der Hölle auf Tage hin ohne Nahrung, Wasser und hygienische Versorgung bleiben. Leichen, die im Wasser treiben oder, im Rollstuhl, tagelang auf den Straßen herumstehen. Plünderungen von Geschäften und die Geschichten, die sich, nicht ohne rassistischen Unterton, bald um sie ranken. God's own country, abgedriftet in die Dritte Welt.

Unerbittliche Wucht

„Als die Dämme brachen“ hat Lee seinen großen Dokumentarfilm genannt, den der Bezahlsender HBO nun erstmals in gesamter Länge ausstrahlt. Die nahtlose, von keiner Werbung unterbrochene Präsentation ist nicht nebensächlich. Lee hat aus alten Nachrichtenclips und neuen Interviews und Szenen, die er noch bis vor wenigen Wochen in New Orleans drehte, ein Mosaik zusammengesetzt, das erst in der Gesamtschau seine unerbittliche Wucht entfaltet. Stunde um Stunde reihen sich Aussagen von Augenzeugen und rückblickende Kommentare aneinander und verdichten sich zu einem oft herzzerreißenden Dokument.

Von der Distanz des sorgfältig abwägenden Dokumentarfilmers und Geschichtsschreibers ist bei dieser emotional aufgeladenen Version einer „oral and visual history“ nicht viel übriggeblieben. Lee schweigt zwar, aber ergreift doch leidenschaftlich Partei. Auch wenn er nicht in Erscheinung tritt, keinen Kommentar aus dem Off einstreut und Geschichten allein in Bildern und Berichten erzählt, bleibt er immer ganz nah. Und gefährlich.

Raum für Verschwörungstheoretiker

Der Präsident, der bürokratisches Versagen zur Heldentat verklären will, kann bei Lee auf nicht mehr Nachsicht hoffen als der Vizepräsident, dem im Katastrophengebiet ein rauher Empfang bereitet wird. Lee läßt die Mutter des Präsidenten zu Wort kommen, wie sie den nach Houston ausquartierten Menschen gönnerhaft bescheinigt, jetzt gehe es ihnen doch besser als je zuvor, und auch die Außenministerin, die mitten in der Krise bei Ferragamo auf der Madison Avenue Schuhe anprobiert, wird nicht verschont. Sogar Verschwörungstheoretikern, die mit eigenen Ohren gehört haben wollen, wie Dämme gesprengt worden seien, um die Viertel der Wohlhabenden vor den Fluten zu bewahren, gewährt er breiten Raum.

Michael Moore scheint da bisweilen am Horizont aufzutauchen, und doch bildet rabiater Enthüllungseifer nicht den Kern von Lees Dokumentation. Überhaupt geht es ihm kaum um neue Einsichten. Sein Film ist eher ein Rettungsversuch in Form eines eindringlichen Memento, einer Chronologie der Ereignisse, die für die Betroffenen noch unvermindert nachwirken und bei der Mehrheit ihrer Landsleute schon fast in Vergessenheit geraten sind.

Eine scharfe Anklage

Ein endloser Krieg und Terrorängste haben die Leidensgeschichte von New Orleans an den Rand des nationalen Wahrnehmungsradars gedrängt, und nach der politischen und medialen Verwertung des Jahrestags der Katastrophe wird die Stadt wohl wieder allein um ihr Überleben kämpfen müssen. Lee will einen Umschwung herbeiführen. Und so nehmen im Verlauf seiner weithin chronologischen Fernseherzählung die Katastrophe und dann alle folgenden Versäumnisse, das Schneckentempo der Hilfseinsätze und die fortgesetzte Trägheit bei den Aufräumungsarbeiten Gestalt an. Wie New Orleans aber seine Verwüstung überwinden soll, ist auch heute noch eine offene Frage.

Lee hat dennoch nachgefragt, bei Prominenz wie Harry Belafonte, der Rassismus und die Arroganz der Macht beschwört, und Sean Penn, der im Katastrophengebiet gleich selbst mit anpackte. Ingenieure bestätigen ihm, daß die Dämme schludrig konstruiert waren, und der Rapper Kanye West, der Bush vor laufender Kamera vorwarf, ihm seien die Schwarzen egal, darf seinen Vorwurf von damals erläutern. Die Mosaiksteinchen in Lees Film sind so zusammengesetzt, daß dabei eine scharfe Anklage herauskommt. Angeklagt sind alle Amerikaner, die zu Lippenbekenntnissen für New Orleans schnell bereit sind, aber bis heute eine seltsame Unentschlossenheit angesichts der Zerstörung eines Teils ihrer Nation an den Tag legen.

Die Lebenslust ist nicht verloren

Was in New Orleans geschah, hatte Lee schon vor der Sendung ein Verbrechen genannt. Wie dann doch in seinem Film nicht der polemische, sondern ein geradezu poetischer Ton vorherrscht, hat zwei Gründe. Zum einen verläßt sich Lee aufs Einzelschicksal, und zwar mit einem Respekt, der die Dokumentation prägt und beglaubigt. Zum anderen aber erheben die Stadt selbst und das, was von ihr übriggeblieben ist, den Film übers Pamphlet.

Wer New Orleans in den Monaten nach der Katastrophe besucht hat, weiß, daß das betörende Flair dieses in Amerika unvergleichlichen Treffpunkts der Kulturen, daß sein ungeniertes Durcheinander und sein Aroma aus lebendiger Geschichte und Lebenslust noch nicht verloren sind. Lee hat sich vor die Kamera Bewohner geholt, in deren trübsten Berichten noch die brennende Liebe zur ihrer Stadt weiterlebt, zum Paris des amerikanischen Südens, wie der Jazzmusiker Wynton Marsalis ihm vorschwärmt. Ihr Liebesbekenntnis, und sei es dunkel umflort, zieht sich wie ein Leitmotiv durch den Film.

Requiem in vier Akten

Ein Requiem in vier Akten nennt Lee seine Dokumentation, aber er hält sich dabei nicht an die Regeln der Totenmesse. Auch wenn der Hurrikan und die Untätigkeit auf allen Regierungsebenen viel zu viele Tote gefordert haben, wäre es gleichwohl zu früh, ein Requiem für die Stadt anzustimmen. Das tut Lee auch nicht. Klage und Anklage vermischt er zu einer bewegenden Elegie, deren Bilder und Geschichten von der alten und neuen Musik der Stadt noch vertieft und überhöht werden. Bei aller Trauer und Verzweiflung wird die Hoffnung auf ein Leben nach der Sintflut nicht aufgegeben. Lee kennt zu gut den Ritus des Jazzbegräbnisses, das mit den düster eingefärbten Akkorden eines swingenden Trauermarsches beginnt und als ausgelassene Feier des Lebens endet.

An den Bewohnern von New Orleans sollte das monumentale Rettungsunternehmen, das jetzt endlich zu starten wäre, nicht scheitern. Ihnen vor allem gibt der Film eine Stimme, und sie sind es auch, die gegen jede leidvolle Erfahrung weiter hoffen. Lee will sie nicht aus dem Auge verlieren. Er hat ihnen versprochen, nach New Orleans zurückzukehren und den Film fortzusetzen. Er will sie nicht vergessen. Und er könnte so auch ein Beispiel für all seine Landsleute setzen, die zum Vergessen neigen.

Quelle: F.A.Z., 29.08.2006, Nr. 200 / Seite 36
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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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