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Spielfilm über Kinderprostitution In der Parallelwelt der Schande

 ·  Die ARD zeigt den Film „Operation Zucker“: Er handelt von Kindern, die als Sexsklaven verkauft werden, mitten in Europa. Zugrunde liegen tatsächliche Ereignisse.

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© Sperl Productions Vergrößern Ihre Eltern glauben, Fee (Paraschiva Dragus) werde es in Deutschland gut ergehen. Sie wissen nicht, dass sie ihre Tochter an die Hölle verkauft haben.

Fee und Bran. Wie poetisch das klingt, irgendwie nach Märchen. Zwei rumänische Kinder, vielleicht zehn Jahre alt. Wie Hänsel und Gretel. Wenn es doch bloß eine Hexe gäbe und alles gut werden könnte wie bei den Grimms. Aber Rainer Kaufmanns (Regie) und Philip Kochs (Buch) Film „Operation Zucker“ nach einer Idee und der Recherche von Gabriela Sperl und Rolf Basedow ist kein Film, bei dem das Wünschen noch hilft.

Zugrunde liegen tatsächliche Ereignisse, wirkliche Strukturen und Netzwerke - existierendes, wohlorganisiertes Verbrechen mitten in Europa. Nüchtern gefilmt, lässt der Film seinen Figuren und den Zuschauern zwar zwischendurch Hoffnung, aber keine Chance. So eingefroren sieht das winterliche Berlin hier aus, dass es gleichzeitig trostlos realistisch und wie die Metapher eines kinderfressenden Molochs wirkt (Kamera Morten Soborg). Die Ernüchterung dieses Films über Kinderhandel und -zwangsprostitution steckt schon in der Stimmung, die seine Bilder vermitteln.

Völlige Verunsicherung

Weitgehend verzichtet die Inszenierung auf die übliche Spannungsdramaturgie, die die Geschichten, auch die üblen, im Fernsehen zugänglich und häufig leicht konsumierbar macht. „Operation Zucker“ ist ein harter Brocken. Schwer auszuhalten. Engagiert und erschütternd. Der Film erzählt, überlegt und sicher seine Mittel einsetzend, ganz nah an den Figuren, vor allem an den Opfern, wie aus den Figuren heraus, mal mit wackeliger Handkamera, mal ob der Unerträglichkeit des hier Verhandelten Distanz suchend. Die Verunsicherung, die dadurch entsteht, ist gewollt und trifft ins Schwarze. „Du kannst dir niemals sicher sein“, so Rainer Kaufmann, sei das Gefühl gewesen, das er erzeugen wollte. Das ist gelungen. „Operation Zucker“ erschafft ein (Bild-)Universum der Verunsicherung. Es ist eine Parallelwelt der Schande.

Fees Familie, Vater, Großmutter und Bruder, leben bitterarm am Waldrand, zum Leben haben sie nur das Nötigste. Bis die Frau kommt, mit einem deutschen Vertrag, mit deutschen Unterschriften und Stempeln, offiziell und schwarz auf weiß. Fee wird in Deutschland die Berufsschule besuchen, sagt ihr Vater, als er sie verkauft. Bran trifft sie bei der Kinderversteigerung, der Perversion einer Castingshow, bei der sich die Kleinen halbnackt in absurden Phantasiekostümen vor den Zwischenhändlern drehen und ihre schmächtigen Körper begutachten lassen müssen, während eine Moderatorin in zuckersüßem Plauderton Märchenwelten besingt, die Unverbrauchtheit ihrer Ware preist und für die „künstlerische“ Darstellung ihrer „Schützlinge“ Applaus fordert. Schon da, der Film ist kaum zehn Minuten alt, möchte man am liebsten abschalten.

Herausragende Kinderdarsteller

Der Kamerablick in Fees (Paraschiva Dragus) verängstigtes, sich unbeteiligt geben möchtendes Gesicht, auf ihren versteiften Körper, auch später, als sie im roten Kleid wächsern wie eine blasse Puppe, mit nach innen gedrehten Füßen auf dem Bett liegt und sich der erwachsene Fleischberg von Mann nähert, der nur ein Handtuch um die Hüften trägt, erspart wenig. „Operation Zucker“ ist so explizit, auch so mutig in seiner Darstellung, wie ein solcher Film im Fernsehen nur sein kann.

Seine Stärke liegt nicht zuletzt in seinen hervorragenden Kinderdarstellern. Paraschiva Dragus’ traumatisiertes Gesicht, das sich kaum eine Regung erlaubt, wirkt durch und durch schutzbedürftig, der Waisenjunge Bran (Adrian Ernst), der einem hochrangigen Politiker zwangsweise zugeführt wird, kämpft erst um seine Freiheit und landet schließlich, zugedröhnt, auf dem Strich. Wie nah an der Wirklichkeit das ist, beglaubigen Dokumentationen wie Rosa von Praunheims preisbedachter Film „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“, der unter anderem verlassene osteuropäische Dörfer zeigt. Das Zuhause der Jungen ist der Berliner Straßenstrich, ihre Freier sind Familienersatz. Die Kinder sind unfreiwillig Sexmigranten.

Solche Filme sollte es nicht geben müssen

In „Operation Zucker“ gilt ein Handlungsstrang dem Kampf der Polizistin Wegemann (Nadja Uhl) gegen diese Verbrechen an Kindern. In der Staatsanwältin Lessing (Senta Berger), die sich eigentlich mit den Möglichkeiten des Justizsystems und den Verfolgungsbehörden arrangiert hat und auf die Rente wartet, findet sie eine Mitstreiterin (und der Zuschauer eine Identifikationsfigur in all der Trostlosigkeit). Lange scheint es, als könne, auch mit Hilfe von Wegemanns Kollegen Hansen (Anatole Taubman) und des ausstiegswilligen Kinderschänderassistenten Ronnie (Stefan Rudolf) der entscheidende Schlag gegen die Täter gelingen.

Begünstigt aber werden diese, die hier die entscheidenden Machtstellen beispielsweise als Richter und Politiker besetzen, durch Gesetzeslage und eine Verhörpraxis, die die Opfer kaum beschützen kann. Auch das zeigt „Operation Zucker“ mit an Grausamkeit grenzender Deutlichkeit.

Bemerkenswert, dass trotz etablierter Stars wie Senta Berger oder Nadja Uhl den Kinderdarstellern, die ihre Sache vorzüglich machen, der erste Platz eingeräumt wird. „Operation Zucker“ macht alles richtig. Man wünscht sich aber, es müsste solche Filme nicht geben.

Operation Zucker läuft an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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14.01.2013, 17:40 Uhr

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