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TV-Doku „Schicksalsjahre“ : Die unwirkliche Stadt

Beginn des Mauerbaus: Blick auf das Brandenburger Tor vom Osten aus, im Oktober 1961. Bild: rbb/akg-images

Der RBB hat sich ein Mammutprojekt vorgenommen. Er rekonstruiert dreißig Berliner Jahre – vom Mauerbau bis zur deutschen Einheit. Die Archive des früheren SFB und des DDR-Rundfunks fördern Sehenswertes zutage.

          Dreißig Berliner Jahre, „Schicksalsjahre“, hat der RBB aus seinen Archiven, dem des SFB und dem des DDR-Fernsehens geborgen und eine historische Dokumentationsserie der Superlative geschaffen: Samstags zur besten Sendezeit wird, jeweils neunzig Minuten lang, die Welt- und die Stadtgeschichte eines Jahres rekonstruiert.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Ganz neu ist das nicht, erst 2011 zeigte der Sender dreißig Teile, jedoch arg komprimiert, so dass im Nachrichtenformat nicht nur der Alltag etwas unterging. Die neue Serie spiegelt konsequent den Westen im Osten und umgekehrt und jeder kann beobachten, wie sich langsam auseinander entwickelte, was einmal zusammengehört hatte. Bettina Wegner, Peter Schneider, Jürgen Engert, Rosa von Praunheim und viele andere kommentieren das als Zeugen dieser Zeit.

          1961, das Jahr, das alles veränderte, beginnt mit einem Mädchenmord und Kennedys Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, West-Berlins Schutzmacht. Zwar ist die Stadt längst geteilt, in Hüben und Drüben, doch gibt es mehr als Hunderttausend Arbeitspendler und neunzig Checkpoints, schier unkontrollierbar für die argwöhnische Volkspolizei.

          Schöne neue Welt oder Sozialismus im Postkartenformat: Der Berliner Alexanderplatz im Mai 1972.

          Berlin-Gesundbrunnen, heute eines der problematischsten Viertel der wiedervereinten Stadt, war eine cineastische Hochburg mit ihren Grenzkinos, die es den Ost-Berlinern ermöglichte, die neuesten Filme aus aller Welt zu sehen. Nicht nur der Volkspolizist Günter Ganßauge ahnte, dass so nicht weitergehen konnte. „Wir wussten, was rausging und was reinkam“, sagt er. Raus gingen preiswerte Waren, vor allem aber Zehntausende Menschen, die wie Ganßauge ahnten, dass sich das endgültig ändern würde.

          Der Schmuggel blühte und die Tatsache, dass die einen Westmark verdienten und damit den immer beschwerlicheren Alltag im Osten besser bewältigten, befeuerte Neid und Verdruss. Die Pendler sind in den Augen braver SED-Genossen Verräter, Denunziation wird wieder belohnt und eine Ost-Berliner Hausgemeinschaft verlangt empört von ihrer Nachbarin Frau Walter, die Miete in „Westmark“ zu zahlen.

          Der berühmt-berüchtigte Satz von Ulbricht, wonach niemand die Absicht habe, eine Mauer zu bauen, beruhigt im Juni nicht einmal mehr die eigens dafür eingeladene Weltpresse. Trotzdem scheint die Stadt bis zum August ahnungslos zu sein, friedlich eingerichtet in einem Zustand der Unwirklichkeit. Volkspolizist Ganßauge aber erinnert sich stolz, dass die „Sache“ gut geplant gewesen sei. Man habe frühzeitig „große Mengen Stacheldraht“ eingekauft– im Westen! – und „unauffällig“ in Grenznähe gelagert.

          Auf dem Kurfürstendamm liefen noch fröhliche Kellnerinnen mit ihren voll beladenen Tabletts um die Wette, als sich im Osten die „bewaffneten Organe“ zusammenzogen. Und dann war Schluss, über Nacht. Mitten durch eine Millionenstadt zog sich jetzt die Weltengrenze des Kalten Krieges. Es gibt Zufriedene, eher selten, und Verzweifelte jede Menge. Obwohl man in den letzten Jahrzehnten wohl fast alles schon einmal irgendwann hatte sehen können, gelingt es dem RBB, noch einmal dieses fiebrige Jahr zu vergegenwärtigen.

          Jeder kennt die Bilder von den Panzern, die zu beiden Seiten dieser hermetischen Grenze auffuhren, aber nur Historikern dürfte bekannt sein, dass die Westalliierten im Oktober auch am Himmel über dem Alexanderplatz im Osten mit Kampfhubschraubern versuchten, Stärke zu demonstrieren. Wie es wirklich war, ahnt man nach den letzten Bildern: Einsam steht Willy Brandt am Weihnachtsabend 1961 im Schneegriesel vor der monströsen Mauer und spricht zu seinen Berlinern – ganz hohes Pathos, wie nur er das konnte, und trotzdem kein Trost.

          Aber gerade darum wird er später, 1963, wiedergewählt: Neunzig Prozent der West-Berliner waren mit ihm zufrieden, sechzig Prozent wählten die SPD! Es wird sich zeigen, ob die Spannung der ersten Teile durchgehalten wird; neunzig Minuten können auch sehr lang werden mit Jahren, die weniger atemlos und ereignisreich waren als die ersten vor und hinter der Berliner Mauer.

          Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt, von heute an jeden Samstag um 20.15 Uhr im RBB sowie samstags und montags auf Inforadio.

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