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„Spiegel“-Geschäftsführer Mario Frank : Wir investieren siebenstellige Summen

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„Spiegel”-Geschäftsführer Mario Frank setzt auf Wachstum im Internet Bild: Holde Schneider

Mario Frank ist seit Jahresbeginn „Spiegel“-Geschäftsführer. Sein Start war von Machtkämpfen mit der Redaktion begleitet. Im Interview spricht er über den Aufbau neuer Geschäftsfelder, den Einstieg in den Sonntagsmarkt und massive Investitionen in den Online-Bereich.

          Mario Frank ist seit dem 1. Januar Geschäftsführer der „Spiegel“-Gruppe. Sein Start in Hamburg war von Machtkämpfen mit der Redaktion begleitet. Im Interview spricht er über den Aufbau neuer Geschäftsfelder, den Einstieg in den Sonntagsmarkt und massive Investitionen in den Online-Bereich.

          Herr Frank, Sie sind seit Januar beim "Spiegel". Zuvor haben Sie für Gruner + Jahr als Geschäftsführer des Dresdner Druck- und Verlagshauses gewirkt. Sie haben interessanterweise ein Buch über die letzten Tage Hitlers und eines über Walter Ulbricht geschrieben. Für einen Juristen und Verlagsmann ist das doch etwas ungewöhnlich.

          Man kann sich ja trotzdem - auch als gelernter Jurist - für Zeitgeschichte interessieren. Im Ernst: Ich habe eine Dissertation über das Justizministerium der DDR geschrieben und mich dabei mit der Figur des Walter Ulbricht beschäftigt. Und mir ist aufgefallen, dass es damals - vor jetzt ungefähr fünfzehn Jahren - bis auf eine Biographie von Carola Stern aus den sechziger Jahren fast nichts über Ulbricht gab. Ulbricht war nach Hitler der zweitgrößte deutsche Diktator des vergangenen Jahrhunderts. Ein Mensch, der persönlich Todesurteile verhängt, der eine Kirche aus dem Stadtbild gerissen hat - ein Mann mit einer ungeheuren negativen Macht. Das war im westdeutschen Bewusstsein nicht so verankert. Ulbricht war eher ein Stichwort fürs Kabarett, aber er hat länger regiert als vier Bundeskanzler, länger als vier Sowjetführer, er war von 1945 bis 1971 ein unumschränkter Herrscher über einen Teil Deutschlands. Das fand ich so bemerkenswert, dass ich mich mit dieser Negativfigur sehr lange beschäftigt habe.

          Sie waren Geschäftsführer in den neuen Ländern. Helfen Ihnen die dort gemachten Erfahrungen beim "Spiegel"?

          Die Spiegel-Gruppe ist in einer sehr, sehr guten wirtschaftlichen Verfassung. Anders als bei meiner vorhergehenden Aufgabe, in der ich mich um eine Neuordnung des Unternehmens kümmern musste, ist es beim "Spiegel" so, dass man ganz gelassen Evolution betreiben und das Unternehmen weiterentwickeln kann. Das war der Wunsch der Gesellschafter und der Grund, mich anzusprechen. Die Gesellschafter möchten gerne mehr machen, neue Geschäftsfelder beschreiten - die zum "Spiegel" passen. Vor allem das habe ich in Dresden bei der "Sächsischen Zeitung" gemacht. Dort ging es darum, um das Unternehmen herum neue Dinge aufzubauen, die zur Marke passen.

          Braucht der "Spiegel" denn neue Projekte? Stichwort: "line extensions".

          Das sehe ich differenziert. Ich glaube nicht, dass es eine Patentlösung gibt. "Line extensions" können sehr erfolgreich sein, wie zum Beispiel bei der "Bild"-Gruppe, sie können aber auch zu Kannibalisierung führen, wie bei anderen. Das muss jeder Verlag selbst herausfinden. Ich würde schon zu einer "line extension" neigen, wenn wir denn eine wirklich gute Idee hätten. Die aber, sage ich ganz ehrlich, haben wir im Moment nicht. Insofern ist das jetzt eine theoretische Frage. Wir haben uns vielmehr entschieden, zwei Dinge zu tun: Wir werden massiv in den "Spiegel" und massiv ins Internet investieren.

          Warum?

          Warum? Weil wir glauben, dass der Printmarkt schrumpft - das ist seit Jahren so und betrifft nicht vorrangig den "Spiegel". Die Printmärkte in ganz Westeuropa schrumpfen, der "Spiegel" hat sich da ganz hervorragend gehalten. Aber es ist unübersehbar, dass es dort zurzeit kein Wachstum gibt. Im Internet ist es umgekehrt: Da explodieren die Zahlen, auch aufgrund des gesellschaftlichen Strukturwandels. Wer sich darauf nicht einstellt, der wird ein Problem kriegen. Wir nicht: "Spiegel Online" hat im ersten Quartal dieses Jahres sechzig Prozent mehr als im Vorjahr an Anzeigenumsätzen erzielt. "Spiegel Online" wird dieses Jahr einen größeren Anzeigenumsatz verbuchen als das "manager magazin". Man müsste sich schon Augen, Ohren und Nase zuhalten, um diese Entwicklung zu verkennen.

          Wie investieren Sie in den "Spiegel"?

          Wir gehen zunächst sukzessive in den Sonntagsmarkt. Wir glauben, dass der Sonntag sehr wichtig für unsere Leser ist. Der Sonntag ist der Tag, an dem die meiste Zeit für Lektüre aufgewendet wird. Und wir gewinnen vierundzwanzig Stunden an Aktualität. Deshalb werden wir in diesem Jahr drei neue Sonntags-Standorte erschließen. Unser Partner wird die Deutsche Post sein, die uns die Märkte in Hamburg und Düsseldorf in diesem Jahr erschließt. Worüber wir uns sehr freuen. Die Post hat sich dabei übrigens viel flexibler gezeigt als andere Wettbewerber. Außerdem starten wir in diesem Jahr mit einem anderen Anbieter in Dresden.

          Also ist nicht mehr Montag "Spiegel-Tag", sondern Sonntag?

          Erst einmal ist es der Montag. Aber wir sind schon seit einiger Zeit am Sonntag in Berlin, in Frankfurt und in Lübeck. Wir wollen das ausbauen. Der Erfolg Ihrer Sonntagszeitung zeigt ja auch, wie wichtig der Sonntag als Lesetag ist.

          Wie investieren Sie sonst noch?

          Wir werden themenspezifische DVDs produzieren - nicht irgendetwas, sondern zum Titelthema des Magazins. Das war in den ersten vier Fällen, in denen wir es probiert haben, außerordentlich erfolgreich. Wir wollen davon in diesem Jahr sechs und im nächsten Jahr vielleicht acht produzieren. Als Drittes wollen wir eine themenbestimmte Regionalisierung angehen. Also, dass zu einem bestimmten Anlass - wie etwa dem Thema Kulturhauptstadt Essen - wir regional ein zusätzliches Heft produzieren und das dem "Spiegel" beigeben. Wohlgemerkt: redaktionell getrieben, nicht als Anzeigenbeilage.

          Wie steht es ums Internet? Baut "Spiegel Online" aus, kaufen Sie andere Marken?

          Wir stärken "Spiegel Online", bauen vielleicht aber auch andere Marken auf. Der nächste Trend, auf den wir massiv setzen, ist der Aufbau von Bewegtbildern im Internet. Und wir sind an einigen anderen Projekten dran. Es ist denkbar, dass wir Verbindungen mit Start-up-Unternehmen eingehen, die zu uns passen und die wir mit unserem Know-how ergänzen können. Wir nehmen auch den Community-Gedanken auf. Nicht, dass wir jeden mitmachen lassen, wie er will, es wird eine redaktionelle Führung geben. Aber den Mitmacheffekt werden wir fördern.

          Aber werden die „alten“ journalistischen Marken Suchmaschinen- und Onlinegiganten wie Google, Yahoo, Microsoft standhalten?

          Da bin ich ganz sicher. Attraktive journalistische Nachrichtenangebote werden sich halten und sie werden sich weiter etablieren. YouTube zum Beispiel ist ja ein Spielplatz, kein Informationsmedium. Da werden wir auch noch erleben, dass viele kommen und gehen, wie Restaurants, die eröffnen und wieder schließen, weil sie nicht mehr „in“ sind.

          Und wie steht es um "Spiegel TV"?

          "Spiegel TV" ist von unseren drei Standbeinen dasjenige, das am meisten kämpfen muss. Da sind wir eben nur Produzent. Doch wir sind sehr froh, dass wir die Produktionskapazitäten haben, die werden wir nämlich mit Bewegtbildern in den Internetauftritt umlenken.

          Wie wichtig ist die "Spiegel"-Auflage?

          Sie ist natürlich sehr wichtig. Sie ist entscheidend für die Prosperität unseres gesamten Hauses, vor allem, wenn Sie daran denken, dass es bei den Investitionen, von denen ich gesprochen habe, um siebenstellige Summen geht. Die Bedeutung des "Spiegel" zu halten ist das Wichtigste.

          Ich frage auch, weil kolportiert wurde, Sie hätten gesagt, dass ein Auflagenverlust von zwanzigtausend Exemplaren eventuell weniger schwer wiege als ein neues, erfolgreiches Produkt.

          Was ich gesagt habe, war etwas anderes: Ich habe gesagt, dass, wenn ein neues Printprodukt so erfolgreich ist, dass es zusammen mit dem "Spiegel" ein deutliches publizistisches Mehr und deutlich mehr Leser erreicht, also einen wirtschaftlichen Gesamterfolg für das Haus bietet, ich bereit wäre, Auflageneffekte hinzunehmen. Also: "Stern" plus "Geo" ist mehr wert als der "Stern" mit ein wenig mehr Auflage. So war das gemeint.

          Wie ist es als "Spiegel"-Geschäftsführer? Mit drei Gesellschaftern, Chefredakteur und der starken Redaktion? Das könnte man für einen Minenfeld halten.

          Ob es ein Minenfeld ist, weiß ich nicht. Sie könnten noch als Erschwernis hinzufügen, dass die Vertreter des Hauptgesellschafters alle drei Jahre neu gewählt werden und wechseln können. Das ist in der Tat eine der besonderen Herausforderungen in diesem Job. Früher brauchte ich das Vertrauen von zwei führenden Persönlichkeiten, heute sind es eher sechs, sieben oder acht. Doch das gehört zu meiner Aufgabe, da heißt es: kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren und Vertrauen gewinnen. Denn ohne das Vertrauen der Gesellschafter zum Geschäftsführer und umgekehrt geht nirgendwo etwas.

          Bei den Investitionen haben Sie die Gesellschafter also hinter sich?

          Aber na klar! Sonst würde ich Ihnen das doch gar nicht erzählen, wenn ich das nicht mit den Gesellschaftern "verdrahtet" hätte.

          Wie ist Ihr Verhältnis zur Redaktion?

          Ich freue mich zunächst darüber, in einem sehr intellektuellen Umfeld arbeiten zu dürfen. Das ist richtiggehend eine Freude, weil meine persönlichen Neigungen sich im "Spiegel" abbilden. Von der Redaktion bin ich - anders als es da und dort kolportiert wurde - außerordentlich freundlich aufgenommen worden.

          Bleibt der "Spiegel" auf Dauer unabhängig? Fällt nie in die Hände von Finanzinvestoren oder Großkonzernen?

          Das ist der große Vorteil unserer Gesellschafterkonstellation. Solange es dem "Spiegel" wirtschaftlich gutgeht, wird es keiner "Heuschrecke" gelingen, hier einzusteigen. Die Mitarbeiter werden ihre Anteile nie verkaufen. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass der "Spiegel" in toto in wirtschaftliche Schwierigkeiten kommen könnte. Wir stehen wirtschaftlich blendend da. Und der "Spiegel" hat wirtschaftliche Spielräume, um zu wachsen.

          Mussten Sie lange nachdenken, als Sie das "Spiegel"-Angebot bekamen?

          Nein, darüber habe ich nicht lange nachgedacht. Wenn jemand in Ihrem Büro sitzt und Ihnen das Angebot macht, Geschäftsführer der "Spiegel"-Gruppe zu werden, brauchen Sie nicht lange nachzudenken. Ich habe mit meiner Frau darüber gesprochen. Das war von meiner Seite aus schnell entschieden.

          Haben Sie Kontakt zu Ihrem Vorgänger, Karl Dietrich Seikel?

          Karl Dietrich Seikel hat mich ebenfalls außerordentlich freundlich in dieses Haus hinein begleitet. Wir haben noch vor ein paar Stunden hier zusammengesessen und uns besprochen. Er berät mich und ist für mich unterwegs, um Dinge zu sondieren, die für uns interessant sein könnten. Daraus können Sie entnehmen, dass es keine Dissonanzen gibt und es ein geordneter Übergang war.

          Sie sind eigentlich schon immer "Spiegel"-Leser gewesen?

          Selbstverständlich. "Spiegel" und F.A.Z., seit ich lesen kann, würde ich beinahe sagen.

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