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Veröffentlicht: 04.02.2017, 13:57 Uhr

„Spiegel“-Cover zu Trump Der Präsident als Killer

Die Zeitschrift „Spiegel“ zeigt Donald Trump, wie er in der Pose eines IS-Mörders die Freiheitsstatue köpft. Das sorgt für den gewünschten Eklat und sagt viel aus – über Trump, vor allem aber über seine Gegner.

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© dpa, reuters Spiegel-Titel provoziert mit Karikatur von Trump

Das Titelbild sei „atemberaubend“, schreibt die „Washington Post“. Und in der Tat hält der eine oder andere beim Blick auf das Cover des neuen „Spiegel“ vielleicht den Atem an. Da steht Donald Trump und hat die Freiheitsstatue geköpft. Das Blut tropft, mit der Rechten reckt der Präsident das Haupt von Lady Liberty in die Höhe, in der Linken hält er eine blutverschmierte Machete. „America First“ steht lapidar am Bildrand, was wohl heißen soll: Amerika hat sich der neue Präsident als erstes vorgenommen, danach ist der Rest der Welt dran: Trump tötet Freiheit, Menschenrechte und Demokratie.

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In seiner bösen Symbolik könnte das Bild eine Zuspitzung der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ sein, wobei diese zumindest besser zeichnen würde. Der Donald Trump, den der Künstler Edel Rodriguez aufs Papier geworfen hat, steht da in der Pose, in der sich die Mörder der Terrormiliz IS oder besser „Daesh“ inszenieren, wenn sie wehrlose Menschen köpfen – nihilistische Vernichtung, Mordlust, Barbarei, religiös verkleidet, massenmedial verbreitet.

Die Pose des Terrors

Die Pose des Henkers ist das Bild des Terrors, darauf hat es der „Spiegel“ abgesehen, das hat die „Bild“-Zeitung gleich erkannt, mit dem berüchtigten IS-Terroristen Dschihadi John in Verbindung gebracht und den FDP-Politiker und Vizepräsidenten des EU-Parlaments, Alexander Graf Lambsdorff, um eine Stellungnahme gebeten. „Geschmacklos“ nennt er das Cover: „Der Titel spielt in ekliger Weise mit dem Leben von Terroropfern. Er sagt mehr über die ,Spiegel'-Redaktion aus als über Trump.“

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Der Zeichner Edel Rodriguez hingegen nennt sein Bild „striking“, was „verblüffend“, „bemerkenswert“ und „markant“ bedeutet, aber selbstverständlich auch „schlagend“, womit Rodriguez sprachlich im Bild bleibt. In seinem Brief zur „Lage“ an diesem Samstagmorgen beschreibt der „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer dieselbe passend zum Titelbild seiner Zeitschrift: „Seit rund zwei Wochen ist Donald Trump nun Präsident der Vereinigten Staaten, und es tut körperlich weh, die Erkenntnisse dieser ersten Tage hinzuschreiben: Der Präsident der USA ist ein pathologischer Lügner. Der Präsident der USA ist ein Rassist. Er versucht den Staatsstreich von oben, er will die illiberale Demokratie oder Übleres etablieren, er will die Gewaltenteilung aushöhlen.“

„Enthauptung eines heiligen Symbols“

Dass der Titel genau das Aufsehen erregt, das er herbeiführen sollte, freut den „Spiegel“-Chefredakteur selbstverständlich, und so verweist er auf das Interview, das Edel Rodriguez der „Washington Post“ gegeben hat. Er wolle nicht in einer Diktatur leben, sagt er, und: „Es handelt sich um die Enthauptung der Demokratie, die Enthauptung eines heiligen Symbols. Und selbstverständlich wird mit der Enthauptung Isis in Verbindung gebracht.“ So handele es sich um einen „Vergleich“ zwischen dem „Islamischen Staat“ und Trump: „Beide Seiten sind Extremisten, und ich stelle einen Vergleich zwischen ihnen her.“

Das Echo im Netz ließ selbstverständlich nicht auf sich warten, es zeigt sich vor allem bei Twitter. Wer Trump für eine ebensolche Gefahr wie den islamistischen Terrorismus hält, stimmt zu, Trump-Unterstützer sind entsetzt und sehen sich einmal mehr in der Haltung bestätigt, die auch der neue amerikanische Präsident vertritt. Dieser zufolge ist die Presse verlogen, unfähig oder nicht willens, sein Wirken zutreffend zu schildern und zählt zu dem Establishment, gegen das er angeblich antritt.

Zerrbild gegen Zerrbild

Insofern spielt der „Spiegel“-Titel genau das, was Trump braucht: ein Zerrbild von ihm, mit dem er weiter an seinem Zerrbild der Presse arbeiten kann. Denn zu einem lädt der „Spiegel“ in Bild und Text nicht ein – zu einer nüchternen, differenzierten Betrachtung von Trumps Politik. Von der hat sich das Blatt allerdings nicht erst jetzt verabschiedet. Schon der Titel vom 12. November des vergangenen Jahres, in dem Trump als Komet mit Feuerball erschien, der die Erde verschlingt, war von ähnlicher Machart wie der jetzige. Er verkündete „Das Ende der Welt (wie wir sie kennen).“ Der „Spiegel“ wusste also schon kurz nach Trumps Wahlsieg, dass das Ende der Welt naht. Das war eigentlich nicht mehr zu toppen.

Wundern können Reaktionen wie diese den amerikanischen Präsidenten freilich nicht. Er scheint in den ersten Tagen seiner Amtszeit schließlich alles kurz und klein schlagen zu wollen, was die Welt, deren Ende der „Spiegel“ gekommen sieht, zusammenhält. Er kappt die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Kanada und Mexiko, spaltet die EU, fährt einen unklaren Kurs gegenüber Russland, Israel und im Nahen Osten, kündigt Obamacare auf, lässt die Banken vom Zügel, baut eine Mauer, will Muslime nicht mehr ins Land lassen und findet immer noch Zeit, per Twitter herumzupesten.

Das Dumme ist nur: Der grobe Keil, den eine Zeitschrift wie der „Spiegel“ auf den groben Klotz setzt und zur Generallinie des Blattes macht, bringt gar nichts. Er ist nicht originell, wie der Blick auf den Titel der New Yorker „Daily News“ zeigt, auf dem Donald Trump schon Anfang Dezember die Freiheitsstatue enthauptete und sein Amtsantritt in die Nähe von Hitlers Machtergreifung gerückt wurde. Und er ist – da es ihm an der ironischen Brechung mangelt, die ein Magazin wie „Charlie Hebdo“ stets mitliefert – reichlich unterkomplex. Denn hier wird Trump nicht mit Diktatoren oder islamistischen Massenmördern „verglichen“, wie der „Spiegel“-Zeichner Rodriguez das mit Blick auf sein Werk sagt. Er wird mit ihnen gleichgesetzt. Nach der militärischen Formel „Shock and Awe“, also Schrecken und Furcht, scheint Trump durchaus zu handeln. Die Gleichung Trump = Terror ist allerdings zu einfach. Wer sie aufmacht, verrät seinerseits ein zumindest erstaunliches Demokratie-Verständnis und hat sein Pulver als Trump-Kritiker früh und vollständig verschossen.

Glosse

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Der Fleiß der Bienen ist sprichwörtlich. Wenn ihrem Eifer etwas in die Quere kommt, hat das handfeste gesundheitliche Gründe. Ganz anders hingegen die Fleißbienchen des modernen Arbeitslebens: ihnen steht die Ahnungslosigkeit ihrer Kollegen im Weg. Mehr 3 4

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