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Spiegel-Chefs auf Abruf : Erst das Gerücht, dann der Vollzug?

Georg Mascolo (links) und Mathias Müller von Blumencron Bild: Holde Schneider

Die Chefredakteure des „Spiegel“ „sollen“ gehen. So steht es jedenfalls in der Zeitung und wird nicht dementiert. Hier geht es auch um Stil, aber im Kern zeigt sich ein Streit, der die Branche bewegt.

          Seit Freitag Abend vergangener Woche sind die Chefredakteure des „Spiegel“ angezählt. Denn da war im „Hamburger Abendblatt“ zu lesen, Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron „sollten“ abgelöst werden. Doch weder zu diesem Zeitpunkt noch drei Tage später hatten die Gesellschafter des Magazins einen Beschluss gefasst, der die Möglichkeits- zu einer Wirklichkeitsform macht. Gleichwohl sind die beiden Chefredakteure schon durch das „sollten“ öffentlich derart desavouiert, dass man sich schon gar nicht mehr fragen muss, ob ihnen ein Verbleib an der Spitze der Redaktion noch möglich ist. Genau das dürfte das Ziel der Indiskretion gewesen sein: Erst kommt das Gerücht, dann der Vollzug, der ohne die Veröffentlichung vorab wohl viel schwieriger zu begründen wäre. Doch den entsprechenden Beschluss gab und gibt es, wie gesagt, nicht. Dafür aber reichlich Gerüchte über mögliche Nachfolger. Normalerweise sollte die Reihenfolge umgekehrt sein.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Chefredakteure auf diese Weise hinauszukomplimentieren ist eine Stillosigkeit sondergleichen. Doch es ist noch mehr. Es ist ein Zeichen der Ratlosigkeit, die nicht nur beim „Spiegel“ herrscht, sondern in der ganzen Branche. Denn diese muss nach dem Maßstab fragen, an dem die Qualität journalistischer Arbeit zu messen ist, und für den Wert geistiger Arbeit eintreten, der in der digitalen Ökonomie in Frage gestellt wird - von Internetkonzernen, die mit den Inhalten anderer Geld verdienen, und von oberschlauen Kommentatoren, die Journalisten und Verlagen permanent vorhalten, sie hätten für das Online-Zeitalter immer noch nicht das passende Geschäftsmodell gefunden. Das freilich bislang niemand entdeckt hat, der nicht heimlich oder offen von zu Monopolisten avancierten Online-Konzernen querfinanziert oder durch Rundfunkgebühren alimentiert wird.

          „Alle Optionen offen“

          Bemerkenswert ist auch die in diesem Vorgang verborgene Perspektivenverschiebung: Seit wann sind Journalisten - hier die „Spiegel“-Chefredakteure - hauptverantwortlich für den wirtschaftlichen Erfolg ihrer Medien? Ist der Vermarktungserfolg nicht die Aufgabe der Verlage? Einer Geschäftsführung, die sich im Fall des „Spiegel“ auffallend bedeckt hält und hilflos wirkt? Und der Gesellschafter? Also im Falle des „Spiegel“ der Mitarbeiter KG mit 50,5 Prozent der Anteile, des Verlags Gruner + Jahr (25,5 Prozent) und der Erben des Magazingründers Rudolf Augstein (24 Prozent)?

          Es gebe keinen Beschluss der Gesellschafter, die Chefredakteure abzuberufen, es sei eine unglückliche Situation entstanden, und man müsse nun sehen, wie es weitergehe, es seien „alle Optionen offen“, sagte der „Spiegel“-Geschäftsführer Ove Saffe am Montag vor der Redaktionskonferenz. Das war Tag Nummer drei nach dem Aufkommen des Gerüchts - drei Tage, in denen es seitens des Verlags und der Gesellschafter weder eine Bestätigung noch ein hartes Dementi gab. Was ja wohl nichts anderes bedeutet, als dass dort Uneinigkeit herrscht. Mit Blick auf die Zukunft der beiden Chefredakteure spricht es allerdings für sich. Alle Optionen offen? Wohl eher nicht.

          Streit um die Details

          Dass der Stuhl des Chefredakteurs Georg Mascolo wackle, machte hinter vorgehaltener Hand die Runde, seit er sich im vergangenen Jahr dafür stark machte, dass der „Spiegel“ im Internet eine Bezahlstrategie brauche. „Spiegel Online“, für das der Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron verantwortlich zeichnet, ist der unangefochtene Marktführer unter den deutschen Presseportalen, verzichtet bislang aber darauf, eine Bezahlschranke einzuführen. Über diesen Schritt sind die beiden Chefredakteure uneins - in der vergangenen Woche soll es darüber noch einmal zu einer hitzigen Auseinandersetzung gekommen sein. Konzepte für eine Bezahlstrategie gibt es, eine Arbeitsgruppe von sechs Redakteuren (drei Print, drei Online) hat sich intensiv mit dem Thema befasst, doch herrscht Dissens über die Frage, wie groß der Anteil des Online-Angebots sein soll, der kostenlos oder kostenpflichtig ist. Im Grundsatz scheinen sich alle einig - es geht nicht um das Ob, sondern um das Wie.

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