10.12.2007 · An der Bar mit Claus Kleber: Nina Rehfeld traf sich mit dem designierten „Spiegel"-Chefredakteur in Las Vegas. Während sich zu Hause die Meldungen überschlagen, scheint Kleber die Ruhe selbst - und hat nur Angst, dass seine „work-life-balance“ in Unordnung gerät.
Von Nina Rehfeld, Las VegasClaus Kleber erreichte die Kunde, dass die Hauptgesellschafter des „Spiegel“ ihn als neuen Chefredakteur verpflichten wollen, im fernen Las Vegas. Dort blickt er hinter die Kulissen des Cirque de Soleil, um für den ZDF-Theaterkanal eine Backstage-Dokumentation zu drehen. Also steht Kleber nicht im Nachrichtenstudio in Mainz, sondern um neun Uhr in der Früh im schwarzen Anzug erst vor dem Löwen in der Lobby des MGM Grand Hotels, dann in heftigem Wind vor dem „Welcome to Las Vegas“-Schild. Geduldig wartet er ab, bis der Lärm der Jets des benachbarten Flughafens verebbt, dann spricht er seinen Aufsager in die Kamera.
Zu Hause überschlagen sich die Meldungen, die von ihm und dem „Spiegel“ handeln. Er ist die Ruhe selbst, nach außen zumindest. „Ich habe selbst erst heute Morgen am Telefon von diesen Nachrichten erfahren“, sagt der Zweiundfünfzigjährige, als wir am vergangenen Freitag in der West Wing Bar des MGM Grand Hotels sitzen. Das Hotel beherbergt die Show, die der Theaterkanal begleitet. „Leider kann ich Ihnen deshalb dazu noch nichts sagen“, sagt Kleber zu dem Thema, das jetzt alle interessiert.
Ein Freund des Neuen
Kleber ist für seine „letzten paar freien Tage im Dezember“ übers Wochenende nach Las Vegas gekommen, begleitet von seiner Tochter Katharina. Die Einundzwanzigjährige studiert in Wien Theaterwissenschaften. Sie wollte „einmal andere Einblicke“ für ihre anvisierte Laufbahn als Dramaturgin gewinnen. Dafür assistiert sie ihrem Vater bei den Dreharbeiten. Auf die Anfrage von Wolfgang Bergmann, Leiter des Theaterkanals, ob er bei der Backstage-Doku mitwirken wolle, sagte Kleber, wie er sich erinnert, spontan: „Au ja!“ Weil er den kleinen ZDF-Digitalkanal sehr schätzt und weil ihn die geplante Simultan-Ausstrahlung des Films im Fernsehen und im Internet reizt. „Ich dachte mir: Da macht endlich mal wieder einer was Neues.“
Mit dem Einverständnis seiner Redaktion - „Ich bin zwar der Chef, würde mich aber nicht über ein eindeutiges Votum der Redaktion hinwegsetzen“ - reiste er also nach Las Vegas. Dabei ist er ohnehin reichlich unterwegs. Neben seinem Job beim „heute journal“ betätigt er sich als Filmemacher. Schon übermorgen ist von ihm die Reportage „Amerikas andere Seite - Was Kalifornien besser macht“ im Programm (Mittwoch, 22.15 Uhr). Von solchen Dingen könnte er künftig noch mehr machen - wenn er das Angebot des „Spiegel“, Chefredakteur zu werden, doch noch ausschlagen würde.
Das ZDF versucht ihn zu halten - mit allen Mitteln
Im ZDF werden Leistungspakete geschnürt, um ihn zu halten. Noch mehr Freiheiten bei seinen großen Reportagen könnte man ihm anbieten und sein Gehalt aufbessern. Ihn selber produzieren lassen, so wie Johannes B. Kerner, das verböte sich wohl, schließlich ist er als Redaktionschef bei den Nachrichten, und die sind Kernbestand des Senders. Kleber Hoffnung zu machen, er könne 2012 Intendant werden, klingt noch utopischer. Schließlich wird der Intendant des ZDF gewählt und nicht fünf Jahre vorher bestimmt.
Klebers Ansehen beim ZDF wird durch Chefredakteur Nikolaus Brender deutlich: „Ich schätze Claus Kleber sehr“, sagte Brender im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Ich werde alles tun, was ich unternehmen kann, um ihn beim ZDF zu halten - weil ich in ihm eine große Stütze bei der Gestaltung des unabhängigen und seriösen Journalismus habe. Gleichzeitig ist es ein ehrenvolles Angebot, Chefredakteur des ,Spiegel' zu werden.“
Entscheidung für Aust-Nachfolge für Montag erwartet
Schon an diesem Montag könnte sich alles entscheiden. Es wird erwartet, dass die „Spiegel“-Gesellschafter sich offiziell erklären. Sollte ihnen Kleber doch noch von der Fahne gehen, wären die Folgen kaum auszumalen. Claus Kleber wollte am Sonntag aus Amerika nach Deutschland zurückkehren. Er wird erst einmal in Mainz landen, wo sie schon auf ihn warten. Im Augenblick arbeite er eindeutig zu viel, sagt Kleber bei unserem Gespräch in Las Vegas.
Anfang des Jahres habe seine „work-life-balance“ noch gestimmt. Sie wird sich wohl auf jeden Fall verändern, gleich, wie er sich entscheidet. Weihnachten will er an seiner alten Korrespondenten-Wirkungsstätte verbringen - in Washington „mit alten Freunden und unseren adoptierten Großeltern aus meiner Amerika-Zeit“. Bis dahin werden wir wissen, ob er als designierter „Spiegel“-Chefredakteur anreist oder nicht.