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Facebook und Verlage : Die Presse überschlägt sich

Gratis beliefert von den Verlagen: Facebook Bild: dpa

„Spiegel“ und „Bild“ kriechen bei Facebook unter. Springer will angeblich die „Huffington Post“ kaufen. Aber was macht Google? Erleben wir gerade die letzten Tage der Presse oder sind manche Verlage cleverer als die anderen?

          Dass Facebook daran arbeitet, das Internet zu übernehmen, indem es den Menschen weismacht, es gebe gar kein Online-Leben außerhalb des Netzwerks, ist bekannt. Mark Zuckerbergs Konzern verleibt sich alles ein, was das Internet bietet. Ausgerechnet Verlage und Fernsehsender machen dabei jetzt mit. Sie sorgen dafür, dass Mark Zuckerberg von einem auf den anderen Tag zum weltgrößten Verleger wird, ohne dass er inhaltlich dafür selbst etwas leisten müsste.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das Programm, das sich Facebook zu diesem Zweck ausgedacht hat, heißt „Instant Articles“. Es bietet vollständige Beiträge von Zeitungen, Zeitschriften und Sendern auf, die jedoch nicht mit der Adresse der Urheber verbunden werden. Sie erscheinen also als Facebooks eigene Sache. Das folgt dem Geschäftsprinzip des Konzerns, das da lautet: einmal bei Facebook, immer bei Facebook.

          Bei dem unternehmenseigenen Zeitungskiosk, der nun dazugehört, machen, wie Facebook am Mittwoch bekannt gab, neun Verlage und Sender mit, darunter zwei aus Deutschland: „Spiegel“, „Bild“, „New York Times“, „Guardian“, „National Geographic“, „The Atlantic“, BBC News, NBC und das Klatschportal „Buzzfeed“. Sie übergeben ihre Beiträge an Facebook kostenlos und dürfen dafür damit verbundene Werbung selbst vermarkten und – das ist das Kapital von Facebook – kommen an die Daten der Nutzer heran.

          Millionen von Nutzern darf man nicht ärgern

          Die beteiligten Pressehäuser geben ihre Unabhängigkeit für einen relativ schmalen Preis her. Das ist beim „Spiegel“, der als Marke aus eigener Kraft auf sich hält, ebenso erstaunlich wie beim „Guardian“, der sich als linkes Blatt positioniert hat, das am digitalen Monopolkapitalismus in der Regel kein gutes Haar lässt. Jetzt aber wandert das Magazin und wandert die Zeitung in Zuckerbergs vermeintliche Gratis-Auslage. Das Ganze wird – wie immer – von den Lesern mit ihren Daten bezahlt.

          Erstaunlich ist auch, dass Springer mit der „Bild“ bei Facebook unterkriecht. „Millionen von Nutzern des sozialen Netzwerks in Deutschland“, jubelt das Boulevardmedium, könnten nun „bild.de-Angebote direkt in ihrem ,News Feed` lesen“. „Bild“ wahre „Hoheit und Verantwortung“ für die journalistischen Inhalte. Doch habe Facebook „Bild“ gegenüber „Transparenz bezüglich Nutzerdaten“ zugesichert: So kann man einen Deal mit Daten selbstverständlich auch umschreiben.

          Doch könnte die Haltung, die Springer im Verhältnis zu den Netzgiganten Google und Facebook einnimmt, nicht widersprüchlicher sein: Google soll für im Netz angezeigte Texte zahlen und wird mit dem Leistungsschutzrecht bekämpft, Facebook werden die Artikel nachgeworfen. Das lässt sich nur taktisch erklären: Google ist ein Riesenkonzern, dessen Macht – neben dem inzwischen angehäuften Finanzkapital, das für Zukäufe aller Art eingesetzt wird - auf seiner überragenden Technologie beruht. Facebook ist ein Riesenkonzern, dessen Macht aus der Masse seiner Nutzer hervorgeht. Springer gegen Google – das ist ein Kampf (kleiner) Konzern gegen (großen) Konzern, oder könnte zumindest so aussehen. Springer gegen Facebook – das ist schon etwas anderes. Millionen „Bild“-Leser und Milliarden Facebook-Nutzer – die möchte man doch nicht voneinander trennen oder gegeneinander aufbringen. Man möchte sie für sich gewinnen.

          Eine Milliarde Dollar für die „HuffPo“?

          Ein weiterer heikler Schritt wäre in diesem Zusammenhang das kolportierte Interesse von Springer, die „Huffington Post“ zu übernehmen. Diese hat der Vorstandsvorsitzende von Springer, Mathias Döpfner, einmal – dem Sinn nach und mit Recht – als Gegenteil des Qualitätsjournalismus und seines Verständnisses des Metiers bezeichnet. Schließlich beruht das „Geschäftsmodell“ von Arianna Huffington darauf, dass die meisten Beiträger keinen einzigen Cent für ihre Arbeit bekommen und dass es eine Menge Leute gibt, für die ein Verlautbarungskanal ohne allzu großen eigenen journalistisch-redaktionellen Zugriff und Anspruch sehr nützlich ist, was zu der irrsinnigen Bewertung führt, die „Huffington Post“ sei eine Milliarde Dollar wert.

          Einen solchen Preis würde Springer, wo eine ganze Reihe sehr intelligenter Schritte in die digitale Welt unternommen werden, wohl kaum bezahlen wollen. Auf Anfrage von FAZ.NET heißt es dort, wie in solchen Fällen üblich: Zu Marktspekulationen geben wir keinen Kommentar ab. Das kann, wie üblich, alles und nichts heißen. Vielleicht dient das von der amerikanischen Reporterin Kara Swisher beschriebene Szenario am Ende ja auch nur dazu, den Preis für die „Huffington Post“ hochzutreiben, nachdem deren Mutterkonzern AOL gerade für 4,4 Milliarden Dollar von dem Mobilfunkanbieter Verizon gekauft worden ist.

          Insgesamt müssen sich die Presseverlage freilich fragen lassen, ob sie nicht gerade dabei sind, aus Angst vor dem Tod kollektiven Suizid zu begehen. Das gilt für diejenigen, die bei Facebook unterschlüpfen (Mark Zuckerberg als Verleger - das muss man sich wirklich geben!) ganz genauso wie für die Verlage, die gemeinsam mit Google die „Digital News Initiative“ bilden, für die der Konzern 150 Millionen Euro springen lässt. (An dieser Initiative ist der F.A.Z.-Verlag auch beteiligt). Die ganz Cleveren machen hier mit und machen da mit. Der „Spiegel“ und der „Guardian“ zum Beispiel sind die Adabeis der Stunde. Ob das Dabeisein alles oder nichts und vielleicht ganz und gar nicht clever ist, wird sich noch erweisen.

          Quelle: FAZ.NET

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