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Veröffentlicht: 23.05.2013, 14:50 Uhr

Sozialer Netzdienst App.net Du sollst Kontrolle haben

Gerade hat Yahoo Tumblr für eine Milliarde Dollar gekauft: Kaum ist ein Netzwerk en vogue, kommt das ganz große Geld. Der Netzdienst App.net könnte zeigen, dass es anders geht: kein Hype, kein Kommerz, keine Eitelkeiten. Im Mittelpunkt steht der Nutzer.

von Katrin Rönicke
© AP Apps auf einem iPhone-Bildschirm

Was muss man tun, um ein Soziales Netzwerk zu schaffen, das die Privatsphäre schützt, in dem die Inhalte den Nutzern gehören und das Drittanbieter mit durchfüttert und wachsen lässt? Am Anfang der Geschichte steht eine einfache Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt.

Im Juni 2012 begann die Geschichte von App.net (kostenloser Zugang unter https://join.app.net/from/diekadda), einer Plattform, die antrat, eine neue Philosophie in den sozialen Medien zu etablieren. Der Entwickler und Gründer von App.net, Dalton Caldwell, wollte weg von einer Doktrin, die das Netz bestimmt wie auch hemmt: der Kostenlosmentalität. Wenn alles kostenlos sei, die Plattformen aber immer weiter wachsen sollten und immer mehr Features gewünscht würden, dann entstehe ein Zielkonflikt, meint er.

Entromantisierung durch Masse

Caldwell hat dies in dem Musiknetzwerk „imeem“ erlebt, das er 2003 gründete. Es war ein Netzwerk, das mehrere Millionen Nutzer hatte und sehr beliebt war: „Ich sah, wie schwer es war, imeem durch Werbung zu finanzieren“, sagt Caldwell im Gespräch mit dieser Zeitung. „Als die Nutzungszahlen sehr hoch waren, stellte ich ein Team von zwanzig bis dreißig Leuten an, um ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Wir waren in dem Stadium, in dem wir Geld machen mussten.“

Das Problem haben viele kostenlose Plattformen. Anfangs sind sie klein. Es bewegt sich eine überschaubare Zahl von Menschen darin, die dankbar ist, die Fotos, Anekdoten, Veranstaltungshinweise, Musik oder Videos miteinander teilt. Die Plattformen wachsen, erfreuen sich größerer Beliebtheit, und mit dem Geheimtipp ist es bald vorbei. Die Plattformen sind so lange schön, bis die Masse kommt; dann geht die Suche nach dem nächsten Geheimtipp los. Wobei es im Netz meist umgekehrt läuft: Ein Netzwerk, so die Logik vieler, ist erst dann erfolgreich und interessant, wenn es möglichst viele Menschen erfolgreich und interessant finden. Zieht die Masse weiter, stirbt das Netzwerk, wie die Beispiele StudiVZ und SchülerVZ gezeigt haben.

Gebot zur Kontrolle

Facebook, Twitter, Google Plus, Instagram und Youtube haben die sympathischen Eigenschaften von Netzwerken längst der Profitorientierung geopfert. Was nicht alle Nutzer hinnehmen. Das Foto-Netzwerk Instagram zum Beispiel hat einen großen Einbruch bei den Nutzerzahlen hinnehmen müssen: Die Ankündigung, in Zukunft würden die Bilder, die dort eingestellt werden, Instagram gehören (und das tun sie jetzt), zog eine große Austrittswelle nach sich.

Die Idee von App.net ist dem diametral entgegengesetzt. Die Philosophie lautet: Du bist nicht das Produkt. Du sollst Kontrolle über deine Videos, deine Fotos, dein Microblogging, deinen Webspace und deine Chats haben. Du sollst keine Ware sein - App.net ist ein Dienstleister, die dazugehörigen Clients, also Anwendungen, die auf dem Computer des Nutzers laufen, und Apps, die man etwa für Smartphones und Tablets erwerben kann, sind das Produkt.

Alternative zu Twitter

App.net steht für einen Sinneswandel: Es klingt banal, aber hier wird der Dienst als echte Dienstleistung verstanden, und die Nutzer werden als Kunden betrachtet. Dalton Caldwell und seine Leute wollten einen Fehler vermeiden, der andere Netzwerke hemmt, so wie damals imeem: „Wir endeten damit, das Ökosystem der Entwickler stark zu verletzen, denn es war nicht ersichtlich, wie man damit Geld machen sollte“, sagt er rückblickend. „Wir mussten auch einige Entscheidungen treffen, die für die Nutzer nicht gut waren, die aber einfach getroffen werden mussten, um aus dem Netzwerk Geld zu machen. Ich habe also gesehen, was geschehen kann, wenn man etwas schafft, das sehr erfolgreich und groß wird. Am Ende muss man heftige Entscheidungen treffen, damit auch das Geschäftsmodell irgendwie tragfähig ist. Diese Erfahrung hat die Entwicklung von App.net stark beeinflusst.“

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