Es war ausgesprochen unterhaltsam, mitzuverfolgen, wie die Cyber-Utopisten – in deren Augen die digitalen Werkzeuge der sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter gesellschaftliche Umstürze aus dem Nichts heraufbeschwören können – miteinander darum wetteiferten, einen weiteren Nagel in den Sarg des Cyber-Realismus zu schlagen. Diese realistische Position in Bezug auf die digitale Welt vertrete ich in meinem Buch „The Net Delusion“ („Der Netztrug“). Ich argumentiere dort, dass die digitalen Werkzeuge schlicht und einfach, nun ja, Werkzeuge sind und ein Umbruch auch heute nur durch eine Vielzahl von Bemühungen von politischen Institutionen und Reformbewegungen zustande kommt.
Da die Cheerleader des Internets den Cyber-Realismus nicht begraben und selbst nicht aus der Geschichte aussteigen können, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich einen Strohmann aus der cyberrealistischen Position zu basteln: Als besagte diese, das Internet sei irrelevant. Dies ist natürlich eine Karikatur, die nicht mit jenen Passagen meines Buches in Einklang zu bringen ist, in denen es ausdrücklich heißt, um nur ein Beispiel zu nennen, dass „das Internet bedeutender und umwälzender ist, als es die bisherigen Theorien seiner größten Befürworter glauben machen“.
Luft aus dem cyberutopischen Traum
Man könnte auch die anhaltende Verfolgung des Autors Malcolm Gladwell („Tipping Point“, „Blink! Die Macht des Moments“) anführen. Zunehmend versucht man, Gladwell als eine Art neuen Maschinenstürmer zu zeichnen, weil er es gewagt hat, die Luft aus dem cyberutopischen Traum herauszulassen. In einem Onlinechat, den Gladwell kurz nach seiner einschlägigen Kritik an der Vorstellung einer „Twitter-Revolution“ vom vergangenen Oktober auf der Website des „New Yorker“ durchführte, sagte er nicht weniger als dreimal explizit, das Internet könne ein effektives Werkzeug für einen politischen Wandel sein, wenn Graswurzelorganisationen von ihm Gebrauch machen und nicht vereinzelte Individuen.
Einfach zu zeigen, dass die Proteste in der arabischen Welt mit Hilfe des Internet publik gemacht und sogar organisiert wurden, verfängt somit nicht im Geringsten gegen Gladwells Argumentation (mit der ich, aber dies nur nebenbei, nicht durchweg einverstanden bin). Um sie zu widerlegen, müssten die Cyber-Utopisten nachweisen, dass die Proteste nicht durch Netzwerke von Graswurzelaktivisten – mit Anführern und Hierarchien – koordiniert wurden, die bereits vor Ausbruch der Unruhen (online oder offline oder in beiderlei Form) enge Verbindungen geknüpft hatten.
Hat die Technik eine Schlüsselrolle?
Was wir bisher wissen, legt aber genau das nahe. So waren die wichtigsten Organisatoren der ägyptischen Facebook-Bewegung zwar keine revolutionären Anführer im herkömmlichen Sinn. Wie könnte es auch anders sein angesichts der düsteren Erfolgsbilanz im Ausschalten solcher Führungsfiguren, die Expräsident Hosni Mubarak unter Beihilfe Washingtons zu verzeichnen hat? Und doch agierten sie als Führer und gingen strategisch vor, ja sie tauchten sogar einige Tage vor Beginn der Proteste unter – nicht anders, als es die Anführer einer revolutionären Zelle getan hätten.
Auch die in der Presse gefeierte Zusammenarbeit zwischen tunesischen und ägyptischen Cyber-Aktivisten fand nicht im virtuellen Raum statt. Im Laufe einer Woche erschien ich im Mai 2009 unangemeldet bei zwei (unabhängig organisierten) Workshops in Kairo, in denen persönlich anwesende Blogger, Technikfreaks und Aktivisten aus beiden Ländern Tipps über Vorgehensweisen und die Umgehung der Zensur austauschten. Einer der Teilnehmer war der tunesische Blogger Slim Amamou, der mittlerweile Staatssekretär für Jugend und Sport in der tunesischen Übergangsregierung ist. Finanziert wurde eine dieser Veranstaltungen von der amerikanischen Regierung, die andere von George Soros’ „Open Society Foundations“ (mit denen ich in Verbindung stehe).
Es gab zahlreiche Zusammenkünfte, nicht nur in Kairo, sondern auch in Beirut und Dubai. Die meisten von ihnen wurden nie publik gemacht, weil dies die Sicherheit vieler ihrer Teilnehmer gefährdet hätte – doch strafen sie die Vorstellung Lügen, die Proteste wären von zufällig da hineingeratenen Menschen organisiert worden, die planlos etwas online tun. Wer glaubt, dass diese Netzwerke rein virtuell und spontan waren, weiß einfach nichts über die jüngste Geschichte des Cyber-Aktivismus in Nordafrika und dem Nahen Osten – ganz zu schweigen über die manchmal erfolgreiche, zumeist aber fruchtlose Unterstützung durch westliche Regierungen, Stiftungen und Unternehmen, die dieser erhalten hat.
In die Suppe respektive aufs iPads gespuckt
Die Entwicklung dieser Aktivistennetzwerke nachzuvollziehen würde mehr erfordern, als bloß ihre Facebook-Profile zu studieren; es wäre eine mühsame Recherche – am Telefon und in Archiven –, die sich nicht über Nacht machen lässt. Ein Grund, warum wir immer noch über die Rolle von Twitter und Facebook sprechen, besteht darin, dass die unmittelbaren Nachwirkungen des arabischen Frühlings uns so wenig anderen Gesprächsstoff lassen; eine gründliche politische Analyse der Ursachen dieser Revolutionen wird Jahre brauchen. Dies deutet auf den wahren Grund hin, warum so viele Cyber-Utopisten wütend auf Gladwell waren: In einem Blognachtrag zu seinem Artikel, der erschien, als der Tahrir-Platz noch von Menschenmengen gesäumt war, wagte er die Behauptung, die Missstände, die die Demonstranten auf die Straße gebracht hätten, verdienten weit mehr Aufmerksamkeit als die Mittel, mit denen sie sich vorzugsweise organisierten. Damit hatte er den Netzgurus in die Suppe gespuckt - oder schlimmer noch, auf ihre iPads, und so reagierten sie denn auch.
Trotzdem hatte Gladwell recht: Heute ist die Rolle des Telegraphen in der bolschewistischen Revolution von 1917 – nicht anders als die des Kassettenrekorders in der iranischen Revolution von 1979 und die des Faxgeräts in den Revolutionen von 1989 – bestenfalls für eine Handvoll Akademiker von Interesse und für kaum jemanden sonst. Der Technikfetischismus ist unmittelbar nach einer Revolution am stärksten, klingt dann aber nach kurzer Zeit ab. In seinem Bestseller „The Magic Lantern“ von 1990 verkündete Timothy Garton Ash, dass „am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts alle Revolutionen in Europa Telerevolutionen sind“ – aber im Nachhinein wirkt die Rolle des Fernsehens doch arg nebensächlich.
Revolutionen sind niemals spontan
Wird die Geschichte Twitter und Facebook in zwanzig Jahren ein ähnliches Schicksal bescheren? Aller Wahrscheinlichkeit nach ja. Die Faszination, die technologiegesteuerte Darstellungen des politischen Wandels derzeit auslösen, wird abflauen: Die tatsächliche Geschichte erfolgreicher Volkserhebungen neigt dazu, die gewöhnlich der Technik zugeschriebene Schlüsselrolle in den Hintergrund zu rücken. Indem die Berichterstatter die befreiende Rolle der technischen Mittel hervorheben und die Rolle menschlichen Handelns herunterspielen, ermöglichen sie sich ein Gefühl des Stolzes auf ihren eigenen Beitrag zu den Ereignissen. Schließlich, so das Argument, wären solche spontanen Aufstände ohne Facebook nicht von Erfolg gekrönt gewesen – womit Silicon Valley der Löwenanteil am Verdienst zukommt. Wenn natürlich die Erhebung nicht spontan war und ihre Führer Facebook nutzten, weil dort eben alle Welt ist, klingt die Geschichte nicht so glanzvoll.
Zweitens bieten sich soziale Medien – eben weil sie „sozial“ sind – für die zungenfertige Überschätzung ihrer eigenen Bedeutung im Verkünderton an. 1989 beschäftigten die Faxhersteller keine Armee von Lobbyisten, und die Faxbenutzer fühlten sich diesen klobigen Geräten nicht derart verbunden wie die Facebooknutzer von heute ihrem allmächtigen Netzwerk.
Facebook-Konto abmelden, etwas mehr Aufwand treiben
Vielleicht bringen die übersteigerten Ansprüche, die gegenwärtig im Westen für die sozialen Medien reklamiert werden, nur ein westliches Schuldgefühl darüber zum Ausdruck, so viel Zeit mit ebendiesen Medien zu verschwenden. Wenn es dazu beiträgt, in Nordafrika Demokratie zu verbreiten, kann es schließlich nicht so schlecht sein, seine Zeit damit zu vertrödeln, dass man seine Freunde „anstupst“. Die jüngste Technologiegeschichte legt freilich nahe, dass es mit der Popularität von Facebook und Twitter vorbei sein wird, sobald das Online-Publikum weiterzieht. Heute erröten die Technogurus bei der Erinnerung an die akademischen Konferenzen, die einmal zur „MySpace-Revolution“ abgehalten wurden.
Drittens sind die Menschen, die uns aus erster Hand über die Proteste berichten, zu enthusiastisch für eine ausgeglichene Sicht. Könnte es sein, dass der Google-Marketingleiter Wael Ghonim, der zum Gesicht des ägyptischen Aufstands wurde und ein eigenes Buch über die „Revolution 2.0“ angekündigt hat, die Rolle der Technik überbewertet und zugleich seine eigene Rolle im Vorfeld der Proteste herunterspielt? Den ehemaligen Mitarbeiter von Radio Free Europe oder Voice of America muss man erst einmal finden, der nicht davon ausgeht, westliche Rundfunkübertragungen hätten zum Fall der Berliner Mauer geführt. Damit soll nicht gesagt sein, dass all diese Kommunikationsmittel in jenen Jahrzehnte zurückliegenden Umstürzen keine Rolle gespielt hätten – wohl aber, dass die unmittelbar Beteiligten nicht immer über die Einschätzung verfügen, wie es zu diesen umwälzenden Ereignissen kam. Wenn sie sich nicht zu einer Zukunft nervtötender Kneipendiskussionen mit den ergrauten und leicht verschrobenen letzten Mohikanern der glorreichen Faxzeiten von 1989 oder den wahren Gläubigen der Radio-Free-Europe-Revolution verurteilen wollen, dann müssen sich die Cyber-Utopisten unserer Tage von ihren Facebook-Konten abmelden und etwas mehr Aufwand treiben.
Netz bringt Information
Bob M (IgelOtto)
- 07.03.2011, 11:52 Uhr
Die twittern doch auch, die Diktatoren
Alexander Fürstenberg (Alexander3000)
- 07.03.2011, 18:46 Uhr
Werkzeug=Waffe?
bernd ullrich (demokrat2)
- 08.03.2011, 16:38 Uhr
Nicht nur Gutes, deshalb eher "vorsichtig"?
Gerhard Grell (EchtGrell)
- 08.03.2011, 17:33 Uhr