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Soziale Netzwerke Mein Freund, der Whopper

04.02.2010 ·  Wer in den sozialen Netzwerken vorne dran sein will, darf nicht zurückblicken: Auf der ersten „Social Media Week“ in Berlin bleibt die intellektuelle Energieleistung gering. Die Teilnehmer verlieren sich im Taumel ihrer eigenen Bewegungsgeschwindigkeit.

Von Swantje Karich
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Im Netz nennen sie sich Torben und Lucie. In ihren Ausweisen steht Christoph Bornschein und Fränzi Kühne. Torben ist ein stolzer Nerd, auf seiner Seite schreibt er über sich selber: „Außerdem kennt er schon heute die Teilnehmer der Start-up-Blase von morgen.“ Sie erhöhen das Tempo, je länger man mit ihnen zusammen ist. Während ich mit Lucie spreche, tippt sie auf dem iPhone ständig Meldungen auf Facebook ein, so wie man beim Reden Auto fährt. „Es ist schwer, die Erste zu sein, die einen frisch zugeschneiten Weg entlangläuft, aber so ist das bei uns firstmovern.“ Torben und Lucie wollen die Zukunft im Jetzt. Ihre Dynamik wirkt ansteckend, auch wenn Lucie postet: „Ich kann mir keine Gesichter merken. Namen auch nicht. Und die Kombination beider auch nicht. Na und?“

Denn statt dessen wissen sie, wie man im Internet die Masse erreicht. Sie erklären mir, „dass die Information zu den Nutzern kommen muss und nicht aufwendig zu verstehen sein darf“. Eine lesenswerte Nachricht ist, „was Dir Deine Freunde retweeten“. Der Personenkult sei entscheidend. Bevor sie die erste Zeile gelesen haben, wollen sie schon wissen, was am Ende steht. Das ist der Erkenntnisantrieb, der sich auch in dem Konzept von Googles Echtzeitsuche spiegelt. So sieht die Mentalität der Zukunft aus. Und sie fühlen sich dabei als Avantgarde.

Marketing als Selbstzweck

Torben und Lucie gehören zu den Veranstaltern der ersten Berliner „Social Media Week“ um den Designer Bastian Unterberg von Jovoto.com. Wie das Internet selbst hat auch diese Konferenz zu sozialen Netzwerken kein Zentrum: Sie findet gleichzeitig in Berlin, London, New York, San Francisco, São Paulo und Toronto statt. Und sie ist ausgebucht. Allein in Berlin sind fünfzig Veranstaltungen unabhängiger Organisatoren zusammengekommen. Das übergeordnete Thema ist „Streit! Konstruktive Kontroverse“. Es sind Freiberufler und Studenten zwischen zwanzig und fünfunddreißig Jahren, die sich noch bis zum Freitag über die Stadt verteilen. Auf „Panels, Crawls, Networkings und Parties“ diskutieren sie etwa über eine Verbraucherzentrale im Netz (die dann irgendwie doch wieder vom Staat geführt werden soll) oder über die Chancen für Non-Profit-Organisationen (man kann einen Schmetterling virtuell auf ein Bäumchen setzen und spendet dafür fünfzehn Euro).

Auf den Podien verlangsamt sich die Torben-Lucie-Dynamik jedoch. Die intellektuelle Energieleistung bleibt gering und landet bei schlichten Fragen aus der bekannten Lebenswelt. Der Google-Mann Max Senges schlägt vor, eine weiße Flagge zu programmieren, die man im Konfliktfall hissen kann. Ein Saal ist rappelvoll, als ein müder Werbemann über Skype eine „Whopper Sacrifice“-Kampagne von Burger King vorstellt, mit deren Hilfe sie Millionen Menschen erreichten, ohne viel Geld auszugeben. Die Fans sprechen darüber wie aufgeregte Anhänger einer Popgruppe: Um einen Burger zu bekommen, muss man sich von zehn Facebook-„Freunden“ trennen. Nico Lumma von Scholz & Friends lässt sein Mobiltelefon nur in Ruhe, wenn er selbst redet: „Der Netzwerkprozess wird komplett unterbunden, wenn man die Daten wirklich schützt, außerdem kann man dann kein Geld verdienen.“ Der Verbraucherschützer Falk Lüke fordert unermüdlich, dass die Plattformen von Anfang an auf ein Maximum an Sicherheit eingestellt werden. Doch das ginge eben genau auf Kosten der von den Netzwerken befriedigten Wünsche: Ruhm und Geld. Marketing wird vom Motor der Bewegung zum Selbstzweck.

„Ihr betrachtet Werbung nicht mehr kritisch. Also, ich bin noch so aufgewachsen“ – Johnny Häusler vom legendären Spreeblick Verlag versagt fast die Stimme. Auf der „Twitterwallr“ im Hintergrund des Podiums erscheinen böse Kommentare der Zuhörer: „Die strahlen aber jetzt nicht so dolle“, lautet noch einer der harmloseren.

Immer weiter ohne Ziel

Kurz zuckt meine Hand, ich will mich endlich streiten und diese 63 Zeichen tippen: „Ich steige aus dieser Revolution aus!“ Doch was würde es bringen? Ich würde meine Adressaten gar nicht erreichen. In der neuen Netzwelt ist alles „kanalungebunden“, erst müsste jemand meinen „Tweet lobend retweeten“, damit ich hier wahrgenommen werde. Und dann müsste ich mich, so Torben, auch noch für Nachfragen auf Facebook bereithalten. Sonst wäre ich ja nur irgendwer. Sascha Lobo und sein roter Hahnenkamm lässt mich aufschrecken: „Wir machen kein Multitasking im Internet. Es geht nur alles viel schneller hintereinander. Ich twittere einen Satz, dann lese ich die ersten fünf Zeilen eines Artikels ...“

Den ganz realen Ernst der virtuellen Lage hat auf dieser Konferenz niemand erkannt. Auf die Frage, wer in fünf Jahren im Netz noch existiere, traut sich keiner zu antworten: Fünf Jahre seien fünftausend Twitterjahre. Doch wer hat dann die entscheidende Autorität im Netz? Die Hoffnung auf ein weiterhin dezentriertes Internet stirbt zuletzt. Die Gemeinde glaubt unerschütterlich an die Beweglichkeit der Strukturen, die schnell und effizient wieder verändert werden können. Wenn Twitter von den Mächtigen übernommen wird, zieht man eben weiter. Die Konzerne laufen uns dann ohnehin hinterher, so lautet die Botschaft.

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