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Soziale Netzwerke Ein Freund kommt selten allein

22.05.2008 ·  „Social Networks“ heißen die Seiten im Netz, auf denen Menschen andere Menschen an ihrem Leben anteilnehmen lassen. „Myspace“ ist die erfolgreichste davon. Ihr deutscher Ableger will sich immer weitere Bereiche der menschlichen Kommunikation erschließen - bis in die Politik hinein.

Von Peer Schader
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Wer einem Bekannten, der noch nie auf der Internetseite Myspace.com war, beschreiben will, wie es auf der Selbstdarstellungsplattform aussieht, könnte sagen: Erinnere dich, wie das Internet vor zehn Jahren war. Wie es überall flackerte und blinkte. Wie die Leute ihre Homepages mit animierten Bildchen überfrachteten und Hintergrundfotos einstellten, die so bunt waren, dass man den darauf geschriebenen Text kaum entziffern konnte. Erinnere dich, wie nichts richtig zusammenpasste. So ist Myspace. Nur, dass dazu ständig ein Song loslärmt, Fenster mit Videos geladen werden und die Seite permanent Befehle von sich schleudert: Mail mir! Schau meine Fotos an! Leite mich weiter! Werd mein Freund! Mach was!

Das soll die Zukunft des Internets sein? Wenn Medien-Tycoon Rupert Murdoch recht behält: jawohl. Der Mann hat vor drei Jahren 580 Millionen Dollar ausgegeben, um Myspace zu kaufen. Das war, da ist sich die Branche inzwischen sicher, ein Schnäppchen.

Was will der von mir?

Was Myspace so besonders macht, sind natürlich nicht die vielen unaufgeräumten Seiten. Es sind vielmehr die Leute, die diese unaufgeräumten Seiten hinterlassen. Jeder kann sich ein Profil anlegen und es nach seinen Wünschen verunstalten. Er kann seine Hobbys hineinschreiben, seine Lieblingsbands, kann mitteilen, dass er gerne dichtet, mal ein Popstar werden will, wogegen er allergisch ist, ob er einen neuen Job sucht oder abnehmen möchte. Und er kann Kontakt aufnehmen zu anderen Myspace-Nutzern mit ähnlichen Interessen. Im besten Fall lernt man so jemanden kennen, der am anderen Ende der Welt wohnt. Oder am anderen Ende der Straße.

„Social Networks“ heißen die Seiten, die derzeit im Internet massenhaft aufgerufen werden. Myspace gehört zu den erfolgreichsten Websites weltweit und hat 200 Millionen Nutzer. In Deutschland hält sich der Erfolg noch in Grenzen. Vielleicht muss man sechzehn sein, um die Begeisterung für Myspace nachvollziehen zu können. Oder Amerikaner. „Hier gibt es eine höhere Hemmschwelle, Leute anzusprechen“, sagt Joel Berger, Managing Director für Myspace in Deutschland. „Jemandem, den man nicht kennt, schickt man nicht einfach so eine Mail, weil der sonst denken könnte: Was will der von mir? Ist das ein Flirt? Die Amerikaner machen das ständig.“

Freund folgt auf Freund

Berger soll dafür sorgen, dass die Deutschen ihre Scheu ablegen. Eigentlich dürfte das nicht so schwer sein, immerhin hat sich hier schon der Konkurrent StudiVZ breitgemacht, ist aber mit fast sechs Milliarden Seitenabrufen im Monat auch locker in Führung. Dabei muss Berger StudiVZ nicht mal Nutzer abjagen. Es dürfte leichter sein, neue zu gewinnen. In Deutschland haben erst 13 Prozent der User eine Profilseite im Netz. In den Vereinigten Staaten sind es 50 Prozent. Die Frage ist nur: Wie wirbt man für eine Seite, die aus Prinzip keine Werbung für sich macht? Eine Myspace-Regel lautet: Die Leute kommen auf die Seite, weil ihre Freunde schon da sind. Kriegt man einen neuen Nutzer, sorgt der dafür, dass noch mehr folgen.

27 Leute arbeiten in Berlin-Mitte für die Myspace-Muttergesellschaft Fox Interactive. Gerade ist das Team in ein Großraumbüro in den Berliner Sophienhöfen eingezogen. Unten an der Klingel klebt noch ein provisorisches Schildchen, das auf die Dependance des Weltkonzerns in der dritten Etage verweist. Die meisten Mitarbeiter in Deutschland kümmern sich um Anzeigen, um Marketing, um Kundenservice. Redakteure gibt es keine, nur „Content-Manager“, und die schreiben auch keine Texte, sondern „featuren“ bloß: Sie filtern interessante Videos, Profile und Songs neuer Bands, um sie auf Übersichtsseiten als Empfehlungen zusammenzufassen.

Nehmt teil an meinem Leben

Um eigene Inhalte muss Myspace sich nicht kümmern. Dass am Montag die erste selbstproduzierte Internet-Soap „They Call Us Candy Girls“ für die deutschen Nutzer startet, ist eine Ausnahme. Die fünfminütigen Filmchen über den Alltag von vier Berliner Partymädchen sollen für Aufmerksamkeit sorgen, und sei es allein dadurch, dass sie so chaotisch geraten sind. Das passt ja zum Auftraggeber. Berger sagt: „Wir wollen das zum sozialen Erlebnis machen und nicht bloß wegsenden.“ Alle vier Protagonistinnen haben deshalb ihr eigenes Myspace-Profil, jeder Nutzer kann ihnen mailen, sie zu seiner Freundesliste hinzufügen, ihre Blogs abonnieren, an ihrem Leben teilhaben - vorausgesetzt, es stört ihn nicht, dass die jungen Frauen bloß ihre für die Soap geschriebenen Rollen spielen.

Und wer weiß schon, ob all die anderen Menschen, die man bei Myspace kennenlernt, tatsächlich die sind, für die sie sich ausgeben? Oft wissen das nicht mal die Betreiber der Seite - bis eine Beschwerde kommt, weil jemand private Bilder seiner Ex-Freundin unter deren Namen ins Netz gestellt hat, um ihr eins auszuwischen. Dann wird geprüft und gelöscht. Joel Berger sagt: „In der Zeitung kann man genauso gut Anzeigen schalten und die Telefonnummer eines anderen angeben.“

Der Draht zum Kandidaten

Aber manchmal hat das Spiel mit falschen Identitäten gruselige Folgen - wie in der Geschichte eines 13-jährigen Mädchens aus den Vereinigten Staaten, das sich in einen Jungen bei Myspace verliebte. Der existierte aber gar nicht, sondern war bloß von der Mutter einer früheren Freundin erfunden, um die 13-Jährige zu ärgern - ein Spiel, zumindest für eine der beiden Seiten. Nachdem der fiktive Freund sich von ihr trennte, beging das Mädchen Selbstmord. Myspace weist die Verantwortung für solche Fälle zurück, zumal Nutzer aus Jugendschutzgründen bestätigen müssen, dass sie mindestens 14 Jahre alt sind, wenn sie sich registrieren. Selbstverständlich lässt sich diese Regel leicht umgehen: eine effektive Altersprüfung gibt es nicht. Berger sagt, man könne zwar nicht ausschließen, dass es einige unterhalb der Altersgrenze schaffen, sich zu registrieren, „allerdings lebt so ein Netzwerk davon, dass man dort seine Freunde findet. Und als 14-Jähriger findet man bei Myspace keine gleichaltrigen Freunde.“ Im Schnitt sind die Nutzer 25 Jahre alt.

Trotz der vielen Skandale und unglaublichen Geschichten, die über Myspace durchs Netz schwappen, gibt es auch die Hoffnung, dass durch das Netzwerk eine neue Art der Kommunikation entsteht, zum Beispiel zwischen Politikern und Wählern. Seinen Kampf um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat führt Barack Obama ganz selbstverständlich auch bei Myspace und hat dort schon über 370.000 „Freunde“ gewonnen. Die meisten werden ahnen, dass Obama sich selten persönlich einloggt, um seine Myspace-Mails zu lesen - aber sie schätzen wohl doch die Möglichkeit des direkten Kontakts.

Den lieben Freunden im Internet

„In den USA zeigt sich gerade, wie wichtig soziale Netzwerke für die Meinungsbildung sind - nicht nur, um Werbung zu machen, sondern auch, um junge Zielgruppen wieder für die Politik zu interessieren“, sagt Joel Berger. „Das täte der Politik in Deutschland auch mal ganz gut.“ Wer auf Myspace allerdings nach deutschen Politikern sucht, bleibt meist erfolglos. Der niedersächsische Grünen-Abgeordnete Stefan Wenzel besitzt ein eigenes Profil und sagt, er habe tatsächlich schon öfter Fragen zu seiner Arbeit beantwortet, und zwar von jungen Leuten, „die vermutlich sonst nicht in der Landtagsfraktion angerufen hätten“. Und der Augsburger Oberbürgermeister Kurt Gribl schreibt auf seiner Profilseite an die „lieben Freunde bei Myspace“.

Bei vielen Namen wird jedoch nur ein Hinweis angezeigt, dass das Profil gelöscht wurde, vermutlich, weil ein Scherzkeks sich als Kurt Beck oder Wolfgang Schäuble ausgegeben hat. Nur das Profil von „Angela Merkel“ (“weiblich, 53 Jahre alt, Berlin, letzter Login: 23.10.2006“) steht noch online. „Angela Merkel“ hat drei Freunde: „Bismarck“, „Martin Luther“ und „Stephan Derrick“. Manchen Politikern ist Myspace nicht mal so wichtig, dass sie gefälschte Profile dort abschalten lassen. Und wer im Berliner Rathaus anfragt, weil man sich von jemandem wie Klaus Wowereit noch am ehesten vorstellen könnte, dass er mit Myspace etwas anfangen könnte, bekommt von seinem Sprecher eine Absage: Dazu könne der Regierende Bürgermeister wirklich keine Auskunft geben.

Zur nächsten Bundestagswahl will Joel Berger die deutschen Parteien informieren, dass Myspace auch für sie relevant sein könnte: „Es ist doch Quatsch, dass Politik in Deutschland nur um 20 Uhr in der ,Tagesschau' stattfinden kann.“ Was wäre dass für ein Gewinn, wenn man sich dann auch noch sicher sein könnte, dass die Angela Merkel im Netz dieselbe ist wie die im Fernsehen.

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