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Sozialdrama „Keine Angst“ : Eure Geschichten haben keine Hoffnung

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In einer Hochhaussiedlung am Rande der Stadt: Becky (Michelle Barthel) erlebt einen seltenen Moment der Ausgelassenheit Bild: obs

Alrun Goettes Sozialdrama „Keine Angst“ will schonungslos die „Hartz IV-Wirklichkeit“ darstellen. Zuvor zeigte es der redaktionell federführende WDR Schülern in Köln-Porz, die sich im Film wiedererkennen sollten. Aber das wollten sie nicht.

          Das muss hier auch mal anders ausgesehen haben: so nah am Rhein, an der Wahner Heide und den Feldern. Aber okay. Das „Demonstrativ-Bauvorhaben“ des Bundes, das Arm und Reich in Köln-Porz zusammenbringen sollte und doch nur statt einer „ausgewogenen sozialen Mischung“ ein Beton-Getto schuf, war ein Produkt der späten Sechziger und gut gemeint, im Grunde kaum anders als die Gesamtschule in der Stresemannstraße, in der sie die Fenster heute verdunkelt und den Projektor angeworfen haben. Und wir sind ja gleich auch wieder weg, nur auf dem Weg zu einer Filmvorführung, mitten am Tag. Denn der WDR ist da. Er hat junge Schauspielerinnen mitgebracht, die in den Kulissen von Köln gleich den Sozialfall spielen. Er hat eine Regisseurin mitgebracht, die davon reden wird, „dem Bürgertum“ die Hartz-IV-Wirklichkeit zu zeigen. Und er hat einen Film mitgebracht, der sich tarnt: Er heißt „Keine Angst“ und wird heute Abend im Fernsehen zu sehen sein, zur besten Sendezeit.

          Es steht außer Frage, dass dieser Film professionell gemacht ist. Die Ruhe in den Kamerabildern. Die Spannung, die über der Geschichte liegt. Die Hingabe, mit der sich die Schauspieler, allen voran die sechzehnjährige Michelle Barthel, in das Leben am Rande der Gesellschaft hineinzudenken versuchten. Besser konnte man nicht umsetzen, was ein WDR-Redakteur als Grundidee des Filmes entworfen und die Autorin Martina Mouchot in eine Geschichte verwandelt hat - nach langen Recherchen in Bremen und Berlin, wie es heißt.

          Trümmer der Sozialpolitik

          Die Frage ist nur, ob hier die richtige Geschichte erzählt wird. Denn die Geschichte des Films ist die zweier Freundinnen, die in einer deutschen Hochhaussiedlung aufwachsen. Die eine von ihnen, die schüchterne Becky, eben Michelle Barthel, kümmert sich um die Geschwister, da die überforderte Mutter dazu weder willens noch in der Lage ist. Die andere verbringt den Tag mit den Jungs aus dem Getto, und diese „Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ umschwirren sie, schon weil Melanie (Carolyn Sophia Genzkow) ihnen als Schmuckstück verfügbar erscheint und verfügbar bleibt, trotz widerlichster Gewalt. Beide leben in einer grauen, brutalen und vaterlosen Welt, in der das Essen von der „Tafel“ und der Hinweis „So wird das nichts mit dem Klassenerhalt“ aus dem Fernsehen kommen. Ihre Freundschaft pflegen sie wie einen „Panic Room“.

          Alrun Goettes Sozialdrama ist eine hochprozentige  Mischung, haarscharf am Klischee (im Bild Carolyn Sophia Genzkow)

          Bis Bente (Max Hegewald) auftaucht wie der Prinz in einem Märchen. Bentes Welt ist anders. Bente hat einen iPod, eine Gymnasiastentolle und noch nicht ausgeträumt. Er hat Geld übrig, als sich Melanie das Busticket nicht leisten kann, hat Ahnung von deutscher Grammatik, und er hat vor allem Eltern, die Apfelkuchen anbieten, wenn Mädchen wie Becky vor dem Reihenhaus stehen und den Filius anschmachten. Auch die sind freilich überfordert. Als Bente wiederholt mit Blessuren aus dem Getto zurückkommt, fällt ihnen nur der Satz ein: „Im Internat wird's besser. Wenigstens hat da jedes Kind einen MP3-Spieler und muss ihn nicht stehlen.“ Spätestens hier merkt man, dass die tapfere Becky, das Mädchen, das von einem Job im Callcenter träumt, da nicht mitkommen wird. Wie vorher schon ihre Freundin, so wird auch sie in die Trümmer der eigenen Familie, in die Trümmer der deutschen Sozialpolitik, mithin in eine Abwärtsspirale gezogen werden, bis sie wimmernd unter den Schenkelstößen ihres Stiefvaters zurückbleibt.

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