11.03.2010 · Alrun Goettes Sozialdrama „Keine Angst“ will schonungslos die „Hartz IV-Wirklichkeit“ darstellen. Zuvor zeigte es der redaktionell federführende WDR Schülern in Köln-Porz, die sich im Film wiedererkennen sollten. Aber das wollten sie nicht.
Von Matthias HannemannDas muss hier auch mal anders ausgesehen haben: so nah am Rhein, an der Wahner Heide und den Feldern. Aber okay. Das „Demonstrativ-Bauvorhaben“ des Bundes, das Arm und Reich in Köln-Porz zusammenbringen sollte und doch nur statt einer „ausgewogenen sozialen Mischung“ ein Beton-Getto schuf, war ein Produkt der späten Sechziger und gut gemeint, im Grunde kaum anders als die Gesamtschule in der Stresemannstraße, in der sie die Fenster heute verdunkelt und den Projektor angeworfen haben. Und wir sind ja gleich auch wieder weg, nur auf dem Weg zu einer Filmvorführung, mitten am Tag. Denn der WDR ist da. Er hat junge Schauspielerinnen mitgebracht, die in den Kulissen von Köln gleich den Sozialfall spielen. Er hat eine Regisseurin mitgebracht, die davon reden wird, „dem Bürgertum“ die Hartz-IV-Wirklichkeit zu zeigen. Und er hat einen Film mitgebracht, der sich tarnt: Er heißt „Keine Angst“ und wird heute Abend im Fernsehen zu sehen sein, zur besten Sendezeit.
Es steht außer Frage, dass dieser Film professionell gemacht ist. Die Ruhe in den Kamerabildern. Die Spannung, die über der Geschichte liegt. Die Hingabe, mit der sich die Schauspieler, allen voran die sechzehnjährige Michelle Barthel, in das Leben am Rande der Gesellschaft hineinzudenken versuchten. Besser konnte man nicht umsetzen, was ein WDR-Redakteur als Grundidee des Filmes entworfen und die Autorin Martina Mouchot in eine Geschichte verwandelt hat - nach langen Recherchen in Bremen und Berlin, wie es heißt.
Trümmer der Sozialpolitik
Die Frage ist nur, ob hier die richtige Geschichte erzählt wird. Denn die Geschichte des Films ist die zweier Freundinnen, die in einer deutschen Hochhaussiedlung aufwachsen. Die eine von ihnen, die schüchterne Becky, eben Michelle Barthel, kümmert sich um die Geschwister, da die überforderte Mutter dazu weder willens noch in der Lage ist. Die andere verbringt den Tag mit den Jungs aus dem Getto, und diese „Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ umschwirren sie, schon weil Melanie (Carolyn Sophia Genzkow) ihnen als Schmuckstück verfügbar erscheint und verfügbar bleibt, trotz widerlichster Gewalt. Beide leben in einer grauen, brutalen und vaterlosen Welt, in der das Essen von der „Tafel“ und der Hinweis „So wird das nichts mit dem Klassenerhalt“ aus dem Fernsehen kommen. Ihre Freundschaft pflegen sie wie einen „Panic Room“.
Bis Bente (Max Hegewald) auftaucht wie der Prinz in einem Märchen. Bentes Welt ist anders. Bente hat einen iPod, eine Gymnasiastentolle und noch nicht ausgeträumt. Er hat Geld übrig, als sich Melanie das Busticket nicht leisten kann, hat Ahnung von deutscher Grammatik, und er hat vor allem Eltern, die Apfelkuchen anbieten, wenn Mädchen wie Becky vor dem Reihenhaus stehen und den Filius anschmachten. Auch die sind freilich überfordert. Als Bente wiederholt mit Blessuren aus dem Getto zurückkommt, fällt ihnen nur der Satz ein: „Im Internat wird's besser. Wenigstens hat da jedes Kind einen MP3-Spieler und muss ihn nicht stehlen.“ Spätestens hier merkt man, dass die tapfere Becky, das Mädchen, das von einem Job im Callcenter träumt, da nicht mitkommen wird. Wie vorher schon ihre Freundin, so wird auch sie in die Trümmer der eigenen Familie, in die Trümmer der deutschen Sozialpolitik, mithin in eine Abwärtsspirale gezogen werden, bis sie wimmernd unter den Schenkelstößen ihres Stiefvaters zurückbleibt.
„Es ist unsere Aufgabe, mutig zu sein.“ Das hatte Gebhard Henke als Programmleiter des WDR 2006 gesagt, nachdem der Fernsehfilm „Wut“ zum Medienskandal geworden war. Mutig ist auch „Keine Angst“. Denn die Fragen werden kommen: Müssen Sozialklischees in dieser Härte überzeichnet, verdichtet und bis ins letzte Detail, bis hin zu stummen Vergewaltigungsszenen, abgebildet werden? Das wäre dann, auch wenn von Hängematten keine Spur ist, die Logik Guido Westerwelles, so wie man überhaupt diesen Film, der im Winter 2008 als Beitrag zum Thema Kinderverwahrlosung gedreht wurde, heute nicht ohne Abruf aktueller Debatten sehen kann, die Diskussion um das Theaterstück „Zwei Welten“ in Bonn eingeschlossen, dem sich am vergangenen Montag eine RTL-Dokumentation gewidmet hatte. Der Regisseurin Aelrun Goette, für ihre harten Stoffe bekannt und mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, kann das nur recht sein.
Film ohne Hoffnung
In Köln-Porz, in der Gesamtschule, in der die Filmemacher vom WDR die Reaktionen testen wollen, geht es hoch her, kaum dass der Abspann durchgelaufen ist. Die Verunsicherung sitzt tief. Die Jungs mit den Kettchen scheinen sich zu ärgern, bei den Gewaltszenen vor lauter Unbehagen gejohlt zu haben. Andere grinsen, weil die Kumpels aus dem Porzer Getto, die der WDR als „Fachberater“ und Darsteller für den Film gewann, auf dem Podium Platz nehmen und feixen. „Voll schön, voll traurig“ sei der Film, sagt zunächst daher nur ein Mädchen. Während die Regisseurin alles und jeden im Team lobt und ihre guten Absichten beteuert; sie spricht von einem Liebesfilm.
Dann aber platzt dem Publikum der Kragen. Eine Lehrerin meldet sich. Der Film, sagt sie, sei ihr zu plakativ, sein Verweis auf Sehnsucht nach Geborgenheit zu simpel, und es ärgere sie, dass selbst die besorgten Eltern hier zu bösen stilisiert würden. Gemurmel darauf. Nun steht auch ein Mädchen auf: „Was denkt ihr euch eigentlich!“, ruft sie. „Ihr schürt nur die Vorurteile! Der Film ist eine Beleidigung! Ihr nutzt uns aus, um Kohle zu machen.“ Der WDR-Redakteur, der am Rand steht, entgegnet: „Na, Kohle wollen wir nicht. Wir arbeiten mit dem Geld der Gebührenzahler.“ Das aber macht die Schüler nicht ruhiger. Ganz im Gegenteil, ein Junge sagt: „WDR guckt doch sowieso nur noch die Möchtegern-Mittelschicht.“ Ein Mädchen: „Von diesem Film werden die Leute nicht wach. Die kriegen nur Mitleid, die fühlen sich dann doch nur schön!“ Und schließlich noch mal die Erste, völlig aufgebracht: „Ihr habt nur Trauer empfunden! In eurer Geschichte gibt es keine Hoffnung!“ Die Aula jubelt, die Lehrer sind stolz.
Und wir denken: Wie recht sie doch hat! In diesem Fernsehfilm, so groß die emotionale Wirkung auch sein mag, gibt es keine Hoffnung. Er löst nur Ängste aus, obwohl er doch das Gegenteil im Titel behauptet. Nichts wäre also schlimmer, als wenn dieser Film unwidersprochen bliebe.