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Soll Guttenberg gehen? Umfragehoch, Umfragetief

 ·  Ob der nun doktorfreie Freiherr zu Guttenberg mit seiner von der Kanzlerin inspirierten Durchhaltestrategie auch auf Dauer durchkommt, wird viel über unser Gemeinwesen aussagen. Im Augenblick ergeben Umfragen, zumal jene der „Bild“-Zeitung, dass man ihn mag.

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Die Sache sieht eindeutig aus: „87 % Ja-Stimmen beim ,Bild’-Entscheid: ,Ja, wir stehen zu Guttenberg!’“ So steht es am Donnerstag in großen Lettern auf der Titelseite der großen Boulevardzeitung. Das deckt sich mit dem Eindruck einer gefühlten schweigenden Mehrheit im Lande, deren Urteil anders lautet als jenes, das die Medien – bis auf die „Bild“ – nahezu einhellig vertreten.

Einen Schönheitsfehler jedoch gibt es. Denn bevor „Bild“ zur Telefonabstimmung bat, an der sich 261.223 Leser beteiligten, zu Kosten pro Anruf von vierzehn Cent, gab es beim Onlineprotal der Zeitung, bei bild.de, ein anderes Ergebnis. Da stimmten 55 Prozent von rund 630.000 Online-Lesern dafür, dass der Verteidigungsminister zurücktreten solle.

Noch etwas drastischer fallen die Voten bei den Internetauftritten anderer Zeitungen aus. Bei FAZ.NET, dem Onlineangebot dieser Zeitung, votierten (Stand Freitagvormittag) knapp 75 Prozent für einen Rücktritt, bei der „Frankfurter Rundschau“ sprachen sich 88 Prozent dafür aus, bei der „Welt“ 84 Prozent, bei der „Süddeutschen“ 81 Prozent, beim „Spiegel“ knapp 70 Prozent, beim „Focus“ 64 Prozent, bei „tagesschau.de waren knapp 80 Prozent für eine Demission, bei der „taz“ sagten – erstaunlicherweise – knapp 50 Prozent der abstimmenden Leser, es sei nun der Debatte genug.

Repräsentativ allerdings sind die Online-Voten allesamt nicht, sie zeigen das Meinungsbild eines kleinen Kreises und sind leicht zu manipulieren, mit automatisierten Klicks oder dem Aufruf, sich massenhaft auf eine Seite zu schlagen. Bei FAZ.NET gab es dies schon einmal – bei einer Abstimmung zu der Frage: „Angriff auf Gaza – Ist Israel im Recht?“ im Januar 2009 waren in kurzer Zeit auffällig viele Klicks für eine Seite zu verzeichnen gewesen.

Von derlei Auffälligkeiten aber ist bei den jetzigen Online-Abstimmungen, wie die Rundfrage bei den Kollegen ergibt, nichts bekannt. Automatisierte Klicks würden die Webmaster erkennen. Wohl aber soll es Hinweise auf Manipulation bei der bild.de-Umfrage gegeben haben, wie der „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann im Gespräch mit dieser Zeitung sagt.

Die Stimmung der Menschen

Deshalb sei man auf das Telefonvoting verfallen. Dieses sei zwar auch nicht repräsentativ, habe jedoch eine höhere Aussagekraft, weil es eine Hürde einbaue – den kostenpflichtigen Anruf.

Die Telefonabstimmung gebe „in ihrer Massivität und Eindeutigkeit ganz klare Hinweise auf die Stimmung und die Haltung der Menschen“. Wobei man hinzufügen muss, dass es auch gezielt Werbung dafür gegeben hat, bei „Bild“ anzurufen und pro Guttenberg zu stimmen.

Die jüngsten repräsentativen Umfragen verschiedener Insititute wiederum zeigen, dass mehr als siebzig Prozent der Bürger mit Guttenbergs Arbeit zufrieden sind und meinen, er solle bleiben, laut Infratest dimap sind selbst 71 Prozent der SPD- und 61 Prozent der Grünen-Wähler gegen einen Rücktritt.

Karl-Theodor zu Guttenberg selbst, dessen Ministerium (ausgerechnet) in den kommenden Wochen in „Bild“, „Bild am Sonntag“ und im Privatfernsehen verstärkt und in großem Stil um Freiwillige für die Bundeswehr werben will, wird sich schon einen Reim auf sein Ansehen machen. Die Agenturmeldung des Tages lautet: „Guttenberg beliebter als vor seiner Affäre.“

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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