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Soldatenfotos Das Bild des Bürgers in Uniform

26.10.2006 ·  Spätestens jetzt ist das Bild des Bürgers in Uniform an der Realität zerbrochen: Aufnahmen zeigen Bundeswehrsoldaten in Afghanistan mit einem Totenschädel. Wieso sind die Fotos gerade nun aufgetaucht? Und wie ist die „Bild“-Zeitung an sie gelangt?

Von Michael Hanfeld
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Woher die „Bild“-Zeitung diese Aufnahmen hat, verrät sie nicht. Warum sollte sie auch? „Informantenschutz ist Journalistenpflicht, und daran halten wir uns selbstverständlich“, sagt der Chefredakteur Kai Diekmann. „Wir sind auf Informanten angewiesen. Viele Skandale in der Bundesrepublik wären nicht aufgedeckt worden, wenn es nicht Informanten gegeben hätte, die sich an die Presse wandten.“ Doch warum tauchen die Bilder jetzt auf? Seit wann liegen die Aufnahmen vor, die eine Geschichte bezeugen, die sich schon vor mehr als drei Jahren, im Frühjahr 2003, bei einer Patrouillenfahrt in der Nähe der afghanischen Haupstadt Kabul, ereignet haben soll? Seit einer Woche, heißt es bei der „Bild“-Zeitung. Man habe sie unverzüglich auf ihre Authentizität geprüft und das Bundesverteidigungsministerium damit konfrontiert, sagt der „Bild“-Chef Diekmann. Auf der Hardthöhe in Bonn und in Berlin waren die Überraschung groß und die Bestürzung, die Verteidigungsminister Franz Josef Jung am Tag der Veröffentlichung in der „Bild“ bekundete.

Die näheren Umstände, unter denen die Aufnahmen entstanden, sind noch nicht ganz geklärt. Der Totenschädel, mit dem Bundeswehrsoldaten auf den Bilder posieren, einer von ihnen hält den Schädel gegen seinen entbößten Penis, könnte einem Massengrab entstammen, das man auf dem Gelände einer Lehm- und Kiesgrube entdeckte - so jedenfalls wird ein ungenannter Angehöriger der Bundeswehr von „Bild“ zitiert. Es könnte sich um die sterblichen Überreste eines Afghanen, aber auch um die eines russischen Toten aus der Kriegszeit in den achtziger Jahren handeln. Der Schädel stammt nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums womöglich von einem afghanischen Friedhof. Es sei nicht auszuschließen, daß der Totenkopf „von einem durch Witterungseinflüsse freigelegten afghanischen Friedhof im Raum südlich von Kabul stammt“, teilte das Ministerium mit. Eine Untersuchung des Vorfalles sei eingeleitet, belastbare Erkenntnisse lägen aber noch nicht vor. Ob die betreffenden Soldaten noch in Afghanistan seien oder bereits zurück in Deutschland, sei unklar. „In der Bundeswehr wird aber mit Hochdruck ermittelt.“

Wurden die Fotos bezahlt? Kein Kommentar

Der politischen Relevanz und der Brisanz dieser Bilder dürfte sich die Truppe, die im Frühjahr 2003 bei Kabul auf Patrouille war, wohl kaum bewußt gewesen sein. Wären die Aufnahmen damals ans Licht der Öffentlichkeit gekommen, hätte man mit empörten Reaktionen schon rechnen dürfen. Doch jetzt, an dem Tag, an dem das Bundeskabinett die Fortsetzung des Bundeswehreinsatzes im Rahmen des Operation „Enduring Freedom“ beschloß, und im Verteidigungsausschuß des Bundestages ermittelt wird, in welcher Weise Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) mit dem ehemaligen Guantánamo-Häftling Murat Kurnaz umgegangen sind, der den Vorwurf erhebt, er sei von deutschen Soldaten in Afghanistan mißhandelt worden, wiegt die Sache um so schwerer. Und sind die Bilder natürlich auch um so besser plaziert und um so „wertvoller“.

Ob und, wenn ja, in welcher Höhe es ein Honorar für die Fotos gab, dazu gibt die „Bild“-Zeitung keinen Kommentar ab. Es sei richtig und wichtig, die Bilder zu bringen, sagt der Chefredakteur Diekmann: „Sie haben politische Relevanz, und zwar, weil sie im Zusammenhang mit der Diskussion über das Verhalten von deutschen Soldaten im Auslandseinsatz einen Beitrag leisten.“ Es sei umso wichtiger, solche Bilder zu zeigen, als sie „den vorbildlichen, tadellosen Einsatz der vielen tausend Bundeswehrsoldaten im Ausland belasten“, sagt Diekmann.

Eine Art Abu-Ghraib-Erlebnis für die Bundeswehr

Es muß noch mehr Bilder von diesem Vorfall geben, und es werden sicherlich in „Bild“ und anderswo weitere Bilder auftauchen. Auf einem Foto soll jemand mit einer weiteren Kamera zu sehen sein; die Patrouillenfahrt ist offenbar von mehr als einem Fotografen dokumentiert worden. Sie dürften disziplinarrechtlich für die gezeigten Soldaten - darunter vielleicht der Fotograf selbst - schwerwiegende Konsequenzen haben.

Für die Bundeswehr ist das, obwohl ungleich geringfügiger, so etwas wie ein Abu-Ghraib-Erlebnis. Spätestens in Afghanistan zerbricht das Bild des Bürgers in Uniform an der Realität. Und es konfrontiert die Öffentlichkeit mit dem Alltag eines Einsatzes der Bundeswehr im Namen der Freiheit, für den und dessen Umstände man sich sonst gemeinhin erstaunlich wenig interessiert. Daß etwa die KSK-Truppe überhaupt in Afghanistan operiert, wurde lange Zeit ganz geheimgehalten. Und nur wenige Eingeweihte wissen, was sie dort wo tut, wie es ihr ergeht, ob und wie viele Verluste sie zu beklagen hat. In den Vereinigten Staaten fällt wenigstens das nicht unter die Geheimhaltung.

Die Macht der Bilder über die historische Wahrheit

Wie auch immer die Geschichte sich fortentwickelt, welche Wirkung sie für die Debatte über die Frage entfaltet, ob die Bundeswehr in Afghanistan bleiben und vor allem, ob sie in größerem Umfang in den umkämpften Süden des Landes verlegt werden soll, sie bestätigt einmal mehr die Binsenweisheit von der Wirkmächtigkeit der Bilder. „Geschichte zerfällt in Bilder, nicht in Geschichten“, erkannte Walter Benjamin schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Daran erinnerte unlängst der „Spiegel“ in einem Gespräch mit Gerhard Paul vom Institut für Geschichte und ihre Didaktik an der Universität Flensburg.

Das Bild von dem napalmverbrannten jungen Mädchen Kim Phuc kennt jeder. Es steht als Sinnbild für den Vietnam-Krieg. Doch wer weiß, daß es gar keine amerikanischen Piloten waren, die am 8. Juni 1972 das Dorf Trang Bang mit Napalmbomben bewarfen? Es war die südvietnamesische Armee, die in dem Dorf nordvietnamesiche Soldaten vermutete. „Ein Beispiel für die Macht der Bilder über die historische Wahrheit“, schrieb der „Spiegel“. Woran werden wir uns in dreißig Jahren wohl erinnern, wenn es um Afghanistan geht?

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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