Es sollte wie ein Unfall aussehen. Und dann das. Walter (Jürgen Rißmann) hat schon Schwierigkeiten, sich die Nummer des Parkplatzes zu merken, an dem er seine Anweisungen findet. Sechshundertzweiundsiebzig, sechs, sieben, zwei, sechs, sieben, zwei. Zuerst erschießt er den Falschen, dann den Richtigen. Wie ein Unfall sieht der Doppelmord auf der Herrentoilette aber nicht gerade aus. Der Auftraggeber ist sauer und empfiehlt Walter einen Urlaub. Im Fernsehen läuft Werbung für einen Platz an der Sonne in Mexiko. Doch Walter muss nach Osten, mehr als zweitausend Kilometer in die tiefverschneite Walachei. Dort wartet sein nächster Auftrag. Und mit dem wird alles nur noch schlimmer.
Zunächst einmal jedoch wartet dort Kollege Micky (Thomas Wodianka), der sich wundert, dass ihm mitten im Winterwald niemand Feuer gibt. Ein Mann mit Kanone und Plastiktüte wirkt nun einmal nicht besonders vertrauenswürdig. Micky hat eine Metallplatte im Kopf und anscheinend nicht mehr alle beieinander. Einen Bombenanschlag hatte er vor, die Explosion per Handy vorbereitet. Doch dann „hat irgendjemand meine Bombe angerufen“. Daher die Metallplatte.
Die Killer haben ein Problem
Nicht von ungefähr erinnern diese beiden Figuren an Vincent Vega und Jules Winnfield, die von John Travolta und Samuel L. Jackson gespielten Killer in Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“. Walter und Micky sind genauso hemmungslos heruntergekommen. Man traut ihnen alles Mögliche zu, nur nicht den Profi-Killer.
Ihr neuer Auftraggeber heißt Berger (Reiner Schöne). „Jauche-Berger“ nennen sie ihn, weil er einen Mann in derselben ertränkt haben soll. Besonders amüsiert ist Berger nicht, als er Walter und Micky in seinem riesenhaften, verlassenen Anwesen antrifft. Auf dieses und auf seine junge Frau Sibylle (Eva-Katrin Hermann) sollen sie aufpassen, angeblich wollen Strolche aus der Gegend Berger ans Leder. Nur leider hat sich Sibylle vor seiner Rückkehr im Sex- und Drogenrausch versehentlich selbst erschossen. Mit Mickys Waffe. Die beiden Killer haben ein Problem.
Dem Regisseur Tomasz Thomson, der auch das Buch zu seinem Film geschrieben hat, ist eine verwegene Geschichte eingefallen. Sein „Snowman’s Land“ ist eine tief schwarze Gangsterkomödie, die mit einem knochentrockenen Humor im Stil der Coen-Brüder und mit ausgezeichneten Schauspielern aufwartet, im Laufe der Geschichte aber etwas dünn wird und so witzig am Ende nicht ausfällt. Die Filmmusik des jungen kanadischen Sängers Luke Lalonde von der Indie-Band „Born Ruffians“ ist bemerkenswert. Seine Gitarre klingt wie die von John Lee Hooker, sein Soundtrack fügt den Bildern den perfekten Leningrad-Cowboys-Touch hinzu.
Im eigenen Horror-Kosmos
Auch die Kamera ist vom Feinsten: Ralf M. Mendle weiß mit der Kulisse etwas anzufangen - mit der Schneelandschaft und mit dem verlassenen, ehemaligen Sanatorium bei Loßburg im Schwarzwald, in dem gedreht wurde und bei dem man an das Overlook-Hotel in Stanley Kubricks „Shining“ denken muss (Szenenbild Thorsten Sabel). Die Killer von der traurigen Gestalt versuchen zu fliehen, doch dagegen haben Berger und sein vierschrötiger Adlatus Kazik (Waléra Kanischtscheff), der seinem „dritten Auge“ folgt, einiges einzuwenden. Und im Wald wird sehr scharf geschossen.
Jürgen Rißmann, Thomas Wodianka und Reiner Schöne haben dankbare Rollen in diesem Low-Budget-Film, der mit ihrer Leistung steht und fällt. Ihre drei Figuren brauchen gar keine Bedrohung von außen - die etwas behauptet wirkt und die Tomasz Thomson in netten kleinen pseudohistorischen Einschüben über die angeblich seit Jahrhunderten von Gewalt geprägte Gegend unterstreicht. In Wahrheit bewegen sich die Figuren in ihrem eigenen Horror-Kosmos, in einem kalten Niemandsland, dessen Zukunft Berger als Luxushotelier in die Hand zu nehmen trachtet. Die Phantasie des einstigen Mafiabosses kontrastiert scharf mit der real existierenden Umgebung. In dieser machen sich Walter, Micky, Jauche-Berger und Kazik schon ganz allein das Leben zur Hölle. Und aus der gibt es dann auch kein Entrinnen.
Snowman’s Land, am Donnerstag (21. Juni 2012) um 22.45 Uhr im Ersten