In Robert Rossens Film „Haie der Großstadt“ von 1961 ist Paul Newman, damals Mitte dreißig, der Billardprofi Eddie Felson. Es gibt in dieser zweistündigen Schwarzweiß-Elegie über das momentane Gewinnen und das dauerhafte Verlieren nur eine einzige Szene, die nicht in einer schäbigen Bar, einer winzigen Wohnung oder in einer von Kettenrauchern und Whiskytrinkern bevölkerten Billardhalle Amerikas spielt.
Diese eine Szene - ein Picknick im Freien - aber hat es in sich. Denn hier erlebt Eddie Felson eine Epiphanie. Welch ein „wunderbares, großartiges Spiel“ Billard doch sei, sagt er, um dann wie ein Zungenredner fortzufahren: „Alles konzentriert sich hier in meinem Arm. Das Queue ist fast wie eine Hand. Du fühlst, wie es auf einmal anfängt, selbst zu denken und zu spielen, als wäre es lebendig. Du hörst das Klicken der Bälle und spielst so, als wärst du in Trance.“
1986, fünfundzwanzig Jahre später also, kehrte Eddie Felson ins Kino zurück. Der nun gut sechzigjährige Newman erteilt in Martin Scorseses „Die Farbe des Geldes“ dem Mittzwanziger Tom Cruise in der Rolle des Junggenies Vincent Lauria alsbald eine Lektion. Vincent ist ein exzellenter Pool-Spieler und verdient sein Geld bei sogenannten 9-Ball-Turnieren. „Das ist kein Billard, das ist was für Bolzer“, sagt Felson dazu: „Beim richtigen Billard musst du wie ein Chirurg vorgehen, um zu gewinnen. Mit Finesse. Heute aber spielt alles 9-Pool, weil es schnell ist und gut fürs Fernsehen.“
Anfangs nur mitleidvoll belächelt
Nahezu alles, was der junge wie der alternde Eddie Felson sagt, stimmt: Pool ist im Grunde nur etwas für Prolls, das „richtige Billard“ heißt Snooker - und gerade dieses edle Spiel kennt jene Augenblicke, ja, ganze Phasen einer feinfühligen Selbstvergessenheit, in denen einem großen Spieler einfach alles und alles einfach gelingt.
Zumindest für europäische Verhältnisse aber ist Felsons Fernseh-Menetekel gottlob folgenlos geblieben: Pool spielt auf unseren Bildschirmen keine Rolle. Dafür hat der Spartensender Eurosport vor nun mehr als einem Jahrzehnt damit begonnen, die großen Snooker-Turniere ins Programm zu nehmen. Für dieses Wagnis wurde der Sender zunächst nur mitleidvoll belächelt.
Snooker, jenes Billard-Ballett aus zu Beginn fünfzehn roten und sechs andersfarbigen Kugeln sowie einem sie choreographierenden weißen Spielball, hatte in Deutschland weder eine Tradition noch gar einen auch nur halbwegs passablen Spieler.
Hierzulande ganz unbekannte Engländer, Schotten, Waliser und Iren prägten das Spiel. Die Regeln schienen hochkompliziert - und als Fernsehformat gab diesem Sport schon ob seiner unkalkulierbaren, von keinem Zeitlimit begrenzten Spieldauer kaum jemand eine Chance. Eurosport hat sie genutzt.
Rolf Kalb, Reporterlegende
Inzwischen versammeln sich zu den Höhepunkten der Snooker-Saison im Fernsehen allein in Deutschland bis zu eine Million Zuschauer. Und weil Rolf Kalb, die Reporterlegende von Eurosport, seit ebenfalls mehr als einem Jahrzehnt nicht müde wird, Snooker stets aufs Neue publikumsnah zu erklären und zu erhellen, haben die Übertragungen ihrerseits längst Kultstatus erreicht.
Zweieinhalb Wochen lang währt jeweils der absolute Höhepunkt der Saison, die Weltmeisterschaft der Snookerprofis, die seit 1977 überdies immer am selben Ort, dem Crucible Theatre von Sheffield, ausgetragen wird. An diesem Samstag geht es wieder los. Offen wie nie zuvor scheint das Turnier, einen wirklichen Favoriten gibt es dieses Mal nicht. Die neun Ranglistenturniere seit dem Sommer 2011, die für die Qualifikation zur WM die entscheidende Rolle spielten, hatten neun verschiedene Sieger.
Unter den zweiunddreißig Finalisten finden sich sechs Nicht-Briten - vier Chinesen, mit dem Australier Neil Robertson zudem der Weltmeister von 2010 und mit dem gerade siebzehnjährigen Luca Brecel nicht nur der erste Belgier, sondern auch der jüngste Profi, der je an einer WM teilnahm.
John Higgins und Ronnie O’Sullivan, als Altstars gleichsam die Eddie Felsons des Snooker, sind ebenso mit von der Partie wie das Junggenie Judd Trump aus Bristol, ein realer Wiedergänger des Vincent Lauria aus der „Farbe des Geldes“. Trump spielt überdies auch das richtige Spiel. Mit größter Finesse.
John Higgins - Liang Wenbo
Stuart Bingham - Stephen Hendry
Graeme Dott - Joe Perry
Stephen Maguire - Luca Brecel
Shaun Murphy - Jamie Jones
Stephen Lee - Andrew Higginson
Ali Carter - Mark Davis
Judd Trump - Dominic Dale
Mark Williams - Liu Chuang
Ronnie O’Sullivan - Peter Ebdon
Martin Gould - David Gilbert
Neil Robertson - Ken Doherty
Ding Junhui - Ryan Day
Mark Allen - Cao Yupeng
Matthew Stevens - Marco Fu
Mark Selby - Barry Hawkins
Wer mit Botanik und Natur
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 22.04.2012, 11:52 Uhr
Auch Pool ist richtiges Billard
Horst Delmen (Dr.Delmen)
- 22.04.2012, 09:31 Uhr
Blahblah-Kalb
Klaus Mueller (Jeeves3)
- 22.04.2012, 08:27 Uhr
@ Stefan Waldburg
Tyler Durden Volland (tylerdurdenvolland)
- 22.04.2012, 00:32 Uhr
Richtiges Billard?
Jochen Maurer (Jochen1972)
- 21.04.2012, 21:49 Uhr