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TV-Serie „Show Me a Hero“ : Bürgermeister in der Stadt der Heimatlosen

Herzlichen Glückwunsch zur Wahl: Der junge Politiker Nick Wasicsko (Oscar Isaac, rechts) weiß nicht, worauf er sich einlässt. Sein Vorgänger (James Belushi) weiß es schon. Bild: 2014 Paul Schiraldi/HBO Entertai

Schwarze sollen in einer weißen Gegend leben: Davon handelt „Show Me a Hero“. Die Geschichte spielt im Amerika der Achtziger, wirkt aber wie ein aktueller Kommentar. Es geht um Rassenhass, Fremdenangst und der Spirale der Gewalt. Die Serie glänzt auf ganzer Linie.

          Der Moment der Wahrheit kommt nicht mit dem Triumph. Nicht als Nick Wasicsko – von Oscar Isaac so wahrhaftig als Durchschnittstyp verkörpert, dass es seinesgleichen sucht – als jüngster Bürgermeister, den eine größere amerikanische Stadt je hatte, ins Rathaus von Yonkers einzieht. Über sechs Amtszeiten hat der Vorgänger (James Belushi) seine Macht in der Gemeinde nördlich von New York zementiert, nun muss er einem Achtundzwanzigjährigen mit modischem Schnauzbart zum Sieg gratulieren.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wir schreiben den 4.November 1987, das Wahlvolk jubelt, denn Wasicsko hat ihm versprochen, was es hören wollte: dass er sich wehren werde gegen die Anordnung eines Bundesgerichts, dass Schluss sein müsse mit den nach Schwarz und Weiß getrennten Wohngebieten in der Stadt, dass mehr als zwanzig Jahre nach dem offiziellen Ende der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten auch in Yonkers städtebaulich Konsequenzen gezogen werden müssten, mit acht sozialen Wohnungsbauprojekten in bisher allein von Weißen bewohnten Vierteln.

          Moment der Wahrheit

          Der Moment der Wahrheit ist gekommen, als der Bundesrichter Wasicsko und seinen Stadträten klarmacht, dass es hier nichts zu Verhandeln gibt, weil das Gesetz eben das Gesetz sei. „Hier geht es nicht darum, Helden zu schaffen“, konstatiert er kühl von seinem Richterstuhl herab. „Hier geht es darum, dass diese Wohnanlagen gebaut werden.“

          „Show me a hero and I’ll write you a tragedy“ – zeige mir einen Helden, und ich schreibe dir eine Tragödie –, hat der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald einmal gesagt, und David Simon, der ehemalige Polizeireporter aus Baltimore, der mit „The Wire“ eine in ihrem Realismus bahnbrechende Polizeiserie schuf, hat sich den ersten Teil des Zitats zu eigen gemacht. „Show Me a Hero“ heißt seine neue Miniserie für HBO, für die Simon auch das Drehbuch geschrieben hat. Der Titel ist eine ins Leere gesprochene Aufforderung, die Beschwörung einer Abwesenheit, denn hier gibt es keinen Helden zu sehen.

          Die Tragödie nimmt dennoch ihren Lauf. Der Chor wütender Bürger treibt den Nicht-Helden in seinen tragischen Konflikt, aus dem er kein Entrinnen findet, nur Wege ins Verderben. Der zum Mob vereinte weiße Mittelstand belagert das Rathaus, lässt Stadtratssitzungen in Tumult untergehen und schickt dem Bürgermeister Todesdrohungen, der nun Realpolitik betreiben und die geforderten Wohnungen bauen lassen will. Sonst drohen der Gemeinde Strafzahlungen von hundert Dollar pro Tag, die sich von Tag zu Tag verdoppeln – also der Bankrott binnen Wochen. „Was hältst du von dem neuen Mayor?“, fragt jemand den Anwalt (Jon Bernthal) der Bürgerrechtsgruppe, die mit ihrer Klage das Gerichtsurteil erwirkt hat, und der antwortet, einen Blick auf Wasicsko werfend, dessen Silhouette sich in gebohnertem Linoleum langer Gänge spiegelt (mehr Glamour ist nicht): „Das hier wird ihn auffressen.“

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          So ist es. Das amerikanische Publikum weiß wohl, auf welches Ende Wasicskos taumelnder Gang zum Grab seines Vaters anspielt, mit dem die sechsteilige Serie beginnt. „Show Me a Hero“ fußt noch fester als „The Wire“ auf der Realität. Nick Wasicsko wurde tatsächlich Ende der achtziger Jahre zum Bürgermeister von Yonkers gewählt, und was danach geschah, hat die Journalistin Lisa Belkin in einem Sachbuch, dem die Serie ihren Namen und ihre Handlung verdankt, minutiös aufgezeichnet. Unter der Regie von Paul Haggis wird daraus dennoch kein Dokudrama, sondern ein glänzend inszeniertes und bestens besetztes Schauspiel, das in aller Beiläufigkeit die Ausstattung und Kostümkunst eines perfekten „period dramas“ aufbietet, nur um sich ganz auf das zu konzentrieren, was „Show Me a Hero“ in jeder Szene ist: ein Kommentar zur Gegenwart.

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