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„Art in the City“ auf Sky Arts : Von wegen Schmiererei

Immer am Mauerbild entlang: Axel Brüggemann auf Entdeckungstour Bild: Sky

Sky bricht eine Lanze für die Street Art. In der Doku-Serie „Art in the City“ taucht der Kulturjournalist Axel Brüggemann ein in die bunte Welt der Sprayer.

          Gießen zum Beispiel: Die hessische Stadt ist nicht gerade eine Perle an der Lahn, aber eine Hochburg der Street Art, und der Kulturjournalist Axel Brüggemann ist hautnah dabei, wenn das Künstlertrio 3Steps Spraydosen und Farbrollen auspackt und einer Fassade zu Leibe rückt. Völlig legal natürlich, das monumentale Bild einander attackierender Greifvögel nach der Nibelungensage – warum gerade dieses Motiv, bleibt ungeklärt – ist eine Auftragsarbeit.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Brüggemann, von Haus aus Spezialist für Klassische Musik, zieht das Sakko und etwas über, das er wohl für verbale street credibility hält (Vokabeln wie „voll Kacke“, „Scheiße“ und „geil“), dann pinselt er eifrig mit und lässt sich von den Jungs von 3Steps erzählen, wie das war, damals in den Achtzigern, als die Stadt illegalen Sprayern Wände zur Verfügung stellte und die Street Art domestizierte. Später darf Brüggemann im Atelier beim Siebdruck mitmachen, findet das alles „tipptopp“ und gewinnt die Erkenntnis: „Das ist wirklich back to the Grundschule und hohe Kunst.“ Ein bisschen deutsche Hip-Hop-Musik dazu und schnelle Schnitte, fertig ist im Wesentlichen die von Sky Arts produzierte und präsentierte Dokuserie „Art in the City“.

          Ist das Kunst, oder kann das weg?

          Es ist ja auch so eine Sache mit der Street Art: Einst verschrien als Schmiererei im öffentlichen Raum, als visuelle Umweltverschmutzung und Eigentum missachtender Vandalismus, haben die Nachfolger der ersten Graffiti-Kids, die in den siebziger Jahren in New York City eine weltweite Bewegung anstießen, es längst in Galerien und Museen geschafft.

          Street Art oder Urban Art ist von der Revolte zum Teil des Kunst-Establishments geworden – wie auch der Punk und der Hip-Hop. Eine Symbolfigur dieses Wandels ist der anonyme Schablonen-Sprayer Banksy, dessen Werke auf Auktionen Rekordsummen erzielen. Und dennoch: Street Art lebt von ihrer Umgebung, der Straße. Davon, wie Kunst einen Ort besetzt, verwandelt, umdeutet. Und das im archetypischen Fall ungefragt, ohne Stadtteilinitiative und Komitee dahinter.

          Unsere Stadt soll bunter werden: Brüggemann malt mit.

          Im Spannungsfeld zwischen Provokation und Anbiederung, Underground-Feeling und Kommerz bewegt sich auch Axel Brüggemann in „Art in the City“ – und das ist das Beste an dieser Serie. Halb Reisender, halb teilnehmender Beobachter konzentriert er sich auf die Begegnung mit Street-Art-Künstlern unterschiedlichster Temperamente, die er in Berlin, Wien, Gießen, München, Basel, Dresden, im Ruhrgebiet und in Zagreb trifft. Er denkt mit ihnen laut über die Parallelen von Graffiti und Tätowierung nach, beobachtet den Berliner Künstler Johannes Mundinger bei der Schaffung von Stadtlandschaften aus Farbflächen und gibt einem vermummten Sprayer Gelegenheit, etwas über Street Art als Mittel des autonomen Straßenkampfs in Zeiten der Gentrifizierung zu sagen.

          Hauptsache, schön bunt

          Das kurzweilig, unterhaltsam und öffnet auf vielfältige Weise die Augen für eine allgegenwärtige Kunst- oder auch Kunstlosigkeitsform. Brüggemann erlebt Street Art als Performance, als brave Bierausschank-Deko, als Verbrennungsgegenstand, als Waffe.

          Aha, so geht Siebdruck: Brüggemann im Atelier.

          Er lernt Techniken kennen, Hinterhöfe, Studios und jede Menge netter Leute, die es gerne bunt mögen. Doch die Muße, einmal genauer hinzuschauen, vielleicht sogar künstlerisch Anspruchsvolleres von Kitsch zu unterscheiden und von den Machern mehr als Soundbites einzufangen, nimmt sich Brüggemann nicht. Stattdessen hastet er an vielen bemalten Wänden vorbei wie ein eiliger Passant. So muss sich „Art in the City“, das auch auf der gerade angelaufenen Münchner Urban Art-Ausstellung „Magic City“ im Olympiapark zu sehen ist, den Vorwurf gefallen lassen, den man gerne auch an Street Art richtet: nicht viel mehr zu sein als poppig-bunte Oberfläche. Aber die anzuschauen, kann ja auch Spaß machen.

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