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Skandal um „Deutschlands Beste“ : Idioten! Täter, ich hasse euch!

Da war noch alles nett, wenig später fing alles an zu stinken: Maria Höfl-Riesch und ZDF-Moderator Claus Kleber bei „Deutschlands Beste“ Bild: ZDF/Max Kohr

Bei der Sendung „Deutschlands Beste“ wurde systematisch die Reihenfolge der Kandidaten manipuliert. Jetzt hat das ZDF seinen eigenen ADAC-Skandal. Hat der Betrug Konsequenzen?

          Seit Freitagnachmittag wissen wir, dass die Liste der „besten Deutschen“, der das ZDF zwei von Johannes B. Kerner moderierte Abendshows widmete, von A bis Z manipuliert worden ist. Zuerst kam heraus, dass die Zuschauer das Ergebnis gar nicht per Internetabstimmung live beeinflussen konnten. Das war ihnen vom Sender aber versprochen worden. Punkt zwei: Die Stimmen der „Hörzu“-Leser fielen auch nicht ins Gewicht. Dabei hatte die Zeitschrift ihre Mitwirkung an der ZDF-Bestenliste groß inszeniert. Allein zwei Forsa-Umfragen seien Grundlage der Aufstellung gewesen – so das Zwischenfazit. Dann hieß es: ein paar Zuschauerstimmen kamen doch hinzu. Und nun folgte der Offenbarungseid: Die Redaktion hat das ohnehin dubiose Ergebnis noch einmal verfälscht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sie hat prominente Politiker hin und her verschoben und sie hat den ZDF-Moderator Claus Kleber aufgewertet, damit er in der sendereigenen Show einen guten Platz bekam. Der RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel wurde derweil auf einen hinteren Rang verdammt. Mit anderen Worten: Es stimmt so gut wie nichts bei diesen „Besten“, die ganze Sache ist eine Farce. Und auch wenn es sich „nur“ um eine Unterhaltungsshow handelt, darf man feststellen: Das ZDF hat jetzt seinen eigenen ADAC-Skandal. Die Glaubwürdigkeit des Senders ist erschüttert. Das ZDF blamiert den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit Taschenspieltricks bis auf die Knochen.

          Ihr solltet dem Fernsehen nichts glauben

          Die Redaktion von „Deutschlands Beste“ hat nicht nur Claus Kleber zwecks Eigenwerbung von Platz 39 auf Platz 28 gesetzt und den RTL-Mann Peter Kloeppel dafür von Platz 27 auf 39. Zwei SPD-Politiker haben auch profitiert: Die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft rutschte in der Sendung „Deutschlands beste Frauen“ von Platz fünf auf vier, Frank Steinmeier bei den Männern von Platz zehn auf sechs. Dafür wurde die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen von Platz vier auf sechs umgesetzt, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble von Platz sechs auf Rang elf abgewertet. Franz Beckenbauer hingegen gab die ZDF-Redaktion statt Platz 31 plötzlich die Starnummer neun, die Schlagersängerin Helene Fischer bugsierte man auf Platz fünf (statt zehn), der Schauspieler Michael Bully Herbig und der ARD-Nachrichtensprecher Jan Hofer mussten die Plätze 36 und 42 tauschen (zu Hofers Ungunsten).

          Das mutet an wie Satire, wie eine Reminiszenz an Helmut Dietls Film „Late Show“ (1999), in dem es Harald Schmidt und Thomas Gottschalk in ihren nicht weit hergeholten Rollen aufgegeben war, dem Publikum zu zeigen: das ist alles Schmu, ihr solltet dem Fernsehen nichts glauben.

          Dabei ging es um einen privaten Sender, nicht um eine öffentlich-rechtliche Anstalt wie das ZDF, die von allen zwangsweise bezahlt wird, einen Auftrag zur „Grundversorgung“ hat und deren Existenz von Verfassungsrichtern zuletzt wieder als höchste Form des Qualitätsjournalismus und kultureller Bildung gepriesen wurde – als monumentale Stütze der Demokratie. Die Realität sieht leider anders aus. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kennt kein System funktionierender checks and balances. Viele Rundfunkräte, welche die Sender kontrollieren sollen, treten auf wie kleine Außenminister der Sender. In denen wiederum weiß die Linke nicht, was die Rechte tut, geht das Gebührengeld für die Altersversorgung drauf und nicht fürs Programm – es sei denn, es ist gerade Fußball-WM.

          Das System stinkt

          Und ein Programmdirektor fällt aus allen Wolken und muss einen Kotau machen: „Die Veränderungen am Ergebnis der Forsa-Umfragen sind ein grober Verstoß gegen die Programmrichtlinien des ZDF“, sagte der Programmchef Norbert Himmler. Das sei „nicht zu rechtfertigen“ und schade „der Glaubwürdigkeit des ZDF“. Man prüfe arbeitsrechtliche Konsequenzen, dem Fernsehrat werde man „spezifische Regeln für Voting-Shows“ vorlegen. Dabei werde es um „die Transparenz der Ergebnisse und der Befragungsmethode“ gehen. Er entschuldige sich „bei allen Zuschauern, bei allen, die an den Abstimmungen teilgenommen haben, wie auch bei den betroffenen Prominenten“.

          Schlimmer kann es kaum kommen. Kein Wunder, dass andere im Sender in Panik geraten. Der „heute journal“-Moderator Claus Kleber jedenfalls dreht am Rädchen, wie seine Twitter-Einträge erkennen lassen: „Hier fliegen gerade die Fetzen. ZDF-Rankingshow Deutschlands Beste hat manipuliert. Mogelte mich weit vor Klöppel. Idioten! Sorry, Peter!“ Dass es nicht nur um ihn ging, hatte Kleber offenbar nicht sofort kapiert, erst in einem zweiten Tweet: „BestenFälschung total. AB. Schäuble, vdLeyen, Jan Hofer /// AUF: Beckenb., Hannelore Kraft, Steinmeier etc. Unfassbar! Täter: I hate you!“ Ich hasse Euch – eine seltsame Reaktion. Ob sie damit endet, dass das ZDF ein paar „Täter“ identifiziert und – garantiert sind es Subalterne – rauswirft? Das zynische Denken, das hinter Shows wie „Deutschlands Beste“ steckt, sollte man in den Blick nehmen. Das System stinkt. Sonst wissen sogar Verfassungsrichter in diesem Land gar nicht mehr, welches Programm sie schauen sollen.

          Quelle: F.A.Z.

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