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Simmel-Neuverfilmungen im ZDF : Der Besuch des alten Herrn

  • -Aktualisiert am

Heino Ferch in der Simmel-Verfilmung „Und Jimmy ging zum Regenbogen” Bild: Stephanie Kulbach

Jüngeren ist Johannes Mario Simmel kaum ein Begriff. Vor dreißig Jahren schrieb er die Bestseller der Stunde, wurde jedoch von den Kritikern verkannt. Das ZDF verfilmt seine Werke jetzt unpassend zeitgemäß wieder. Warum nur?

          Fünfundsiebzig Millionen Bücher hat Johannes Mario Simmel weltweit verkauft, vor allem in den sechziger und siebziger Jahren. Kritik und Literaturwissenschaft hielt das nicht davon ab, die Werke des moralisch bewegten Autors der Trivialität zu zeihen und ihn als „Bestseller-Mechaniker“ abzulehnen. Auch dass sein erster großer Publikumserfolg „Es muss nicht immer Kaviar sein“ 1960 zuerst als Fortsetzungsroman in der Illustrierten „Quick“ erschien, machte ihn verdächtig. Und dass mit Alfred Vohrer einer der bekanntesten Unterhaltungsregisseure seiner Generation sechs von Simmels Werken kurz nach ihrem Erscheinen mit Glanz, Glamour und Stars in die Kinos und ins Fernsehen brachte, sorgte für zusätzliche Anrüchigkeit.

          Für den Regisseur Carlo Rola, der seit langem mit Simmel befreundet ist, hat die Abwertung des Autors Methode: „Da, wo er den deutschen Nachkriegsstrukturen auf die Füße tritt, wurde er immer wieder in die triviale Ecke gestellt, um diese Wahrheiten verpuffen zu lassen.“ Angekreidet aber wurde Simmel vor allem die Methode der konsequenten Emotionalisierung welt- und gesellschaftspolitischer Themen wie die Naziherrschaft, der Kalte Krieg, Drogenhandel, Computerwahn oder die Gentechnik. Erst nach Erscheinen des Romans „Mit den Clowns kamen die Tränen“ wurde ihm so etwas wie späte Anerkennung zuteil. Joachim Kaiser schließlich nannte ihn einen „Meister des Albtraums“, attestierte den Romanen aber zugleich, eine „Mischung aus Leitartikel und Märchen“ zu sein. Wenigstens war das ein halber Ritterschlag der Literaturbetriebszunft. Dennoch höchstens eine halbe Genugtuung für Simmel.

          Die ganze Genugtuung für Simmel

          Wer Simmel heute lesen will, muss antiquarische Exemplare der Bestseller auftreiben. Unter Jüngeren ist der Autor kaum ein Begriff, von Nostalgikern wird er in einem Atemzug mit Schwulstfabrikanten wie Konsalik oder Utta Danella genannt. Ist es also Zeit für eine Simmel-Renaissance? Fragt man den Produzenten Oliver Berben, seinen Regisseur Carlo Rola und das ZDF, dann kann man glauben, die Zeit des hochbetagten Autors sei erst jetzt gekommen und deshalb die Neufassung der Vohrer-Verfilmungen der Siebziger angezeigt. Ihnen geht es um nichts weniger als um die ganze Genugtuung für Simmel, der seit langem mit der Welt hadert. Zehn Jahre Vorbereitungszeit stecken in diesem Simmel-Projekt. Allein vier Jahre hat sich Oliver Berben zusammen mit Jan Mojto um die verstreuten Verfilmungsrechte bemüht.

          Bei den Dreharbeiten: Heino Ferch und Dennenesch Zoudé

          Und nun steht den Zuschauern nach Jahrzehnten erstmals eine neue Simmel-Serie ins Haus, die mit der Agentengeschichte „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ beginnt und sich mit dem Melodram „Gott schützt die Liebenden“ fortsetzt. Mit „Liebe ist nur ein Wort“, „Niemand ist eine Insel“ und „Alle Menschen werden Brüder“ befinden sich drei weitere Stoffe in Vorbereitung.

          Das mag rührend für Simmel sein, die Zuschauer jedoch lässt der Auftaktfilm ratlos zurück. „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ spielt in den sechziger Jahren in Wien vor der Folie des Agentenkriegs zwischen den Geheimdiensten Frankreichs, Amerikas und der Sowjetunion. Nachdem der argentinische Chemiker Aranda von der ihm anscheinend völlig unbekannten Buchhändlerin Valerie Steinfeld mit einer Zyankalikapsel umgebracht worden ist und sie Selbstmord begangen hat, beginnt sein angereister Sohn Manuel mit Steinfelds Enkelin Irene Waldeck nach Gründen zu suchen. Von der österreichischen Polizei nur halbherzig unterstützt, finden sich der junge, eher weltfremde Aranda und die schöne, geheimnisumwitterte Frau plötzlich im Kreuzfeuer der Dienste und ihrer eigenen leidenschaftlichen Gefühle.

          Eine ergraute Dame in sexy Glitzer-Hotpants

          In Vohrers Verfilmung von 1971 spielt Wien eine zentrale Rolle, Rola und sein Autor Jürgen Büscher verlegen die Handlung in die neunziger Jahre und nach Berlin, der Kalte Krieg ist passé und ebenso komplett gestrichen wie die untergegangene Sowjetunion. Die Agenten sind unfreiwillig komische Dunkelmänner. Statt die Nazivergangenheit der Beteiligten zu beleuchten, hält sich der Film mit der argentinischen Militärdiktatur auf. Das ist in Ordnung, das nennt man Aktualisierung. Aber Rolas Film versucht die Quadratur des Kreises - er sucht die Aktualität Simmels durch neue historische Eckpunkte zu beweisen, verbeugt sich zugleich unablässig vor dem Werk und der Erstverfilmung. Die Hommage wimmelt nur so von angerissenen Erzählsträngen und Verweisen, ohne einen eigenständigen Zugang zu finden. Als Ausweg aus dem Dilemma konzentriert sich der Film auf die Liebesgeschichte und die kitschtriefenden Dialoge zwischen Manuel Aranda (Heino Ferch) und Irene Waldeck (Dennenesch Zoudé) sowie auf eine gewollt modern anmutende Beton-Stahl-Glas-Optik.

          Die Plausibilisierungsnöte gehen bei der Besetzung weiter: Ob es klug war, mit Judy Winter dieselbe Schauspielerin als Bordellbesitzerin und Doppelagentin Nora Hill zu verpflichten wie in Vohrers Erstverfilmung, mag dahingestellt sein. Selten jedoch sah jemand so fehlbesetzt aus wie Heino Ferch als zartleidender Mittzwanziger, der sich in moralische Graubereiche vortasten muss.

          „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ wirkt wie eine ergraute Dame, die man in sexy Glitzer-Hotpants gezwängt hat. Man sollte sie in Ruhe lassen. Man sollte wohl auch den Geist dieses Werks in Frieden lassen und vielleicht lieber die alten Vohrer-Filme zeigen. Mit dieser Neufassung erweist man Simmel einen Bärendienst. Selten wirkte ein Roman im Film so überholt.

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