14.08.2008 · Silvio Berlusconis Ansehen bei den ausländischen Medien steigt. Das macht auch Italiener stolz, die seine Gegner sind. Schließlich hat es selbst sie gekränkt, den eigenen Premier als halbkriminellen Drahtzieher dargestellt zu sehen. Wichtig ist die „bella figura“.
Von Dirk Schümer, VenedigWeil die Italiener selbst nicht recht wissen, wie sie ihren Medienmogul und Ministerpräsidenten Berlusconi beurteilen sollen, blicken sie gerne auf ausländische Medien und erblicken sich in deren Italien-Berichterstattung selbst im Spiegel. Weil das Ansehen Berlusconis auch im Inland extrem zwischen liberalem Sanierer einerseits und mafiosem Geschäftemacher andererseits oszilliert, ist auch im Ausland das Italien-Bild keineswegs schmeichelhafter geworden, seit Berlusconi vor über fünfzehn Jahren in die Politik ging.
Das gilt vor allem, wenn er – wie seit dem Frühjahr wieder – an der Macht ist. Umso verwunderter zeigen sich Italiens Zeitungen jetzt, dass sogar in angelsächsischen Medien, die stets vernichtend über Berlusconis Politgeschäfte urteilten, erstmals positive Urteile zu vernehmen sind.
Eine Frage der Ehre
Ein Wust von Kommentaren befasst sich mit der Analyse des frischgebackenen Premiers Berlusconi, die das amerikanische Magazin „Newsweek“ den Italienern widmete. Kommentatoren rieben sich die Augen, dass hier schwärmerisch vom „Wunder der ersten hundert Tage“ zu lesen war, ja sogar, dass „Silvio Ordnung ins italienische Chaos“ bringe. Die amerikanischen Nachrichtenmagazine hatten Berlusconi – darin dem deutschen „Spiegel“ wesensverwandt – bislang eher als halbkriminellen Drahtzieher gesehen, der demokratischen Standards der Gewaltenteilung nicht genügt.
Die gnadenlosen Analysen und hartnäckigen persönlichen Angriffe des britischen „Economist“ hatten sogar Berlusconi selbst im Wahlkampf zu Dementis und Gegenattacken herausgefordert. Bezeichnend für das komplexbeladene italienische Selbstbild ist es, dass die schweren Anti-Berlusconi-Geschütze aus dem Ausland sogar bei linken Medien Unwillen hervorriefen. Gerade ein Titelbild im „Spiegel“, das Berlusconi mit Pistole als Mafiapaten zeigte, begriffen viele, auch linke Italiener als Angriff auf ihre persönliche Ehre. Da zeigt sich das alte Lagerdenken der Großfamilie, das die eigenen Verwandten gegen Angriffe von außen reflexhaft in Schutz nimmt, noch als staunenswert intakt.
Manisch auf die „bella figura“ im Ausland fixiert
Der gefürchtete „Economist“ immerhin blieb sich einstweilen treu, indem er der neuen Rechtsregierung Verschwendung von Steuergeldern für die Fluglinie Alitalia und die Verschärfung der sozialen Notlage ankreidete. Eine Karikatur zeigt Berlusconi in gewohnt übler Pose, nämlich als neuen Nero, der angesichts eines brennenden Landes lächelnd Stehgeige spielt. Diese illusionslose Sicht hatte immerhin auch das wichtige katholische Wochenblatt „Famiglia Cristiana“ mit Redaktion in Rom geteilt. Der Streit um einen vermeintlichen Proto-Faschismus Berlusconis ging so weit, dass das Organ der katholischen Kirche gestern offiziell vom Vatikan – unter Ratzinger demonstrativ freundlich gegenüber Berlusconi – gerügt und zurückgepfiffen wurde.
Was ist nun vom neuen Schmusekurs der ausländischen Medien zu halten? Die liberale „Stampa“ aus Turin sieht Berlusconi nach seinen unbestreitbaren Erfolgen gegen den Müllnotstand in Neapel und einer Offensive gegen Kriminalität endgültig als „international hoffähig“ an. Angesichts der Zerstrittenheit und des Totalversagens der linken Prodi-Regierung, die trotz des internationalen Ansehens ihres Premiers intern kollabierte, erscheinen Erfolge anfangs auch nicht schwer. Weil aber fast jeder Italiener – der eitle Premier allen voran – an einem nationalen Minderwertigkeitskomplex laboriert und manisch auf die „bella figura“ im Ausland fixiert bleibt, sei gerade das Lob im „Newsweek“ „Musik in Silvios Ohren“, wie sogar die linke „Repubblica“ einräumen musste.
Vielleicht sind die Italiener ja geradezu krankhafte Optimisten
Was die Politbarometer ihres umstrittenen Premiers für alle Bürger wert sind – das versucht die Tageszeitung des Unternehmerverbandes „Il sole 24 ore“, nun genauer zu durchleuchten. Im Wohlstandsindex der Vereinten Nationen, so das Blatt, belege Italien bei Fragen wie Kaufkraft, Lebenserwartung, Gesundheit, Bildung immerhin den zwanzigsten Platz von 177 untersuchten Ländern – und liegt dabei nur knapp hinter Frankreich, jedoch noch vor Deutschland. Und der subjektive Faktor, der in einer ähnlichen Berechnung auch Sicherheit und Zukunftsglaube einschließt, sieht Italien gar weltweit auf dem paradiesischen achten Rang.
Dass dieser Spitzenplatz in der Weltliga der Zufriedenheit ausgerechnet vom superkritischen „Economist“ errechnet wurde, kann man sich nur mit zwei Gründen erklären: Entweder berichten die ausländischen Medien überzogen von den negativen Aspekten des italienischen Lebens – also von Mafia, Müll, Korruption und Unterentwicklung. Oder die Italiener sind geradezu krankhafte Optimisten. Und weil sich dieser Zwiespalt weder journalistisch noch wissenschaftlich so recht erklären lässt, tendiert der pragmatische Wirtschaftsverstand von „Il sole 24 ore“ zum Kompromiss: Berlusconis Italien sei wohl weder so schlimm, wie viele Schwarzseher im Ausland es malten, noch so glorreich, wie Berlusconi selbst sich sehe.
Berlusconi ist momentan das beste was die italienische...
Nico Kern (pazzo)
- 14.08.2008, 19:57 Uhr
seriös bleiben
tom neuhaus (neuhaus61)
- 15.08.2008, 15:26 Uhr