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TV-Kritik: „Silicon Valley“ : Fünf Nichtschwimmer im Haifischbecken

Für genial halten sie sich alle, der Scheueste von ihnen scheint es sogar zu sein: Es ist Richard (Thomas Middleditch), ganz rechts. Bild: HBO

Sky zeigt eine Comedy über das heimliche Machtzentrum der Welt: „Silicon Valley“ handelt von Tüftlern, Tycoons, Genie, Wahnsinn, Geld und Macht. Werden die Helden der Story in dieser Welt untergehen?

          Diese Leute sind doch einfach zum Würgen. Einer größenwahnsinniger als der andere. Denken die fünf Randfiguren, die sich auf diese Party verirrt haben, halten sich an ihren Bierflaschen fest und schlürfen Flüssig-Shrimps. Zweihundert Dollar kostet die Portion. Im Hintergrund röhrt Kid Rock, den man sich als Bänkelsänger auch erst einmal leisten können muss. „Er ist die ärmste Socke hier“, raunt ein Nerd zum anderen. Ist das da drüben nicht Google-Boss Eric Schmidt?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Richard, Big Head, Dinesh und Gilfoyle sind beeindruckt. Tja, so sieht das aus, wenn Google deine Firma gerade für zweihundert Millionen Dollar gekauft hat. Gigantische Villa, abgefahrene Partys und Schlag bei den Frauen hat man auf einmal auch. Die Jungs, die auf dem Schulhof Haue bekommen haben und schüchtern auf den Boden blickten, wenn ein Mädchen vorbeikam, sind plötzlich die Stars. Algorithmen, Geld, Macht - das macht ungeheuer sexy. „Wir machen die Welt zu einem besseren Ort“, lallt der Typ, der die Fete schmeißt, und gibt mit seinem letzten Treffen mit Barack Obama an. Und jetzt: Schampus für alle! Silicon Valley meets Hollywood. Aber so richtig feiern kann man mit diesen Computer-Kindern in ihren Schmuddel-Shirts dann doch nicht. Dafür sind sie einfach zu verklemmt.

          Die Kunst der Überzeichnung

          Richard (Thomas Middleditch) ist so verklemmt und schüchtern, dass man ihm einen gewissen Autismus nicht absprechen kann. Keinem seiner Gegenüber vermag er in die Augen zu schauen. So bemerkt er zu spät, dass ihn die Kollegen bei „hooli“ veralbern, als sie nach seinem neuen Webdienst fragen, der Musik aufspielt und in Millisekunden abgleicht, ob das gerade Gehörte mit irgendwelchen Urheberrechten kollidiert. Und auch dass zwei Investoren seine Software, die Daten auf sensationelle Weise komprimiert, gar nicht für einen Witz, sondern für einen „Game-Changer“ halten, kapiert er nicht sofort. Ist der „Nippel-Alarm“, den sein Kumpel Big Head entwickelt, nicht viel interessanter? Drei Millionen bietet ihm der eine Silicon-Valley-Matador, der andere gibt am Telefon zweihunderttausend durch - für fünf Prozent der Firma, die Richard selbst führen würde. Vier Millionen, zehn Millionen, sagt der andere, der gerade ganz beschwingt von einem Tête-à-tête mit seinem spirituellen Berater kommt. Richard wird übel. Ihn überfällt eine Panikattacke. Und was rät ihm der Arzt in der Notaufnahme? Wenn er sich in den Kopf schieße, bitte nicht von der Seite, das gehe so häufig schief. Ansonsten - habe er da einen ganz tollen Dienst entwickelt, der Leuten anzeigt, dass sie eine Panikattacke bekommen, noch bevor diese da ist. Interesse? Richard hat die nächste Panikattacke. Aber draußen vor der Tür wartet eine blendende Schönheit auf ihn, die einer der beiden Investoren geschickt hat. Das verspricht dann doch Besserung.

          Mike Judge, der Erfinder der Serie „Silicon Valley“, die heute Abend bei Sky anläuft, versteht sich auf die Kunst der Überzeichnung. Anders als in dem derben Dumpfbacken-MTV-Comic „Beavis & Butt-Head“, mit dem er in den achtziger Jahren berühmt geworden ist, muss er hier aber gar nicht so sehr übertreiben, um die Absurditäten und Abgründe des Silicon Valley herauszustellen, das sich anschickt, die ganze Welt zu erobern. Und man merkt: Er kennt sich aus. Für kurze Zeit hat Judge selbst als Software-Entwickler im Silicon Valley gearbeitet.

          Der Ritter von der traurigen Gestalt

          Die Persiflage ist täuschend echt. Die pseudoreligiöse Inbrunst, mit der hier neue Gadgets präsentiert werden, unterscheidet sich nur in Nuancen von dem Pathos, mit dem die real existierenden Protagonisten der Online-Konzerne um die Ecke kommen, wenn sie der Menschheit einmal mehr weismachen wollen, dass sie auf genau diese neue Applikation gewartet hat. Einen verlogenen Weltverbesserer-Spruch nach dem anderen setzen die Herrscher der Online-Welt ab. Es sind so viele, dass dem armen Richard gar kein eigener mehr einfällt, als er mit seinen Freunden auf die Gründung der gemeinsamen Firma anstoßen will. „Wir können die Wikinger unserer Zeit sein“, ruft schließlich einer. Dabei sind für die Raubzüge ganz andere zuständig, das werden die fünf aus der „Inkubator“-WG schon noch merken. Mit einer guten Idee ist das Spiel längst nicht gewonnen.

          Seinen Hauptfiguren begegnet der Serienschöpfer Mike Judge mit großer Sympathie. Es sind fünf große Jungs, die eben noch über die Attitüden der Milliardäre fluchen (alle zwei Sätze mindestens einmal das F-Wort inklusive), sich über den ganzen Firlefanz beömmeln („Wieso ist hier alles so teuer? Die ganze Gegend sieht aus wie eine Latrine“) und von jetzt auf gleich Teil des Systems werden: fünf Nichtschwimmer im Haifischbecken. Mike Judge wird ihnen noch einige Aufs und Abs bescheren. Was Dave Eggers in seinem Roman „The Circle“ konzise, aber etwas flach und langweilig erzählt, wird bei Judge zu einer pointenreichen Nerd-Screwball-Comedy. Das amerikanische Publikum fand das so unterhaltsam, dass der Sender HBO während der Ausstrahlung der ersten Folgen die zweite Staffel der Serie in Auftrag gab. Wollen wir doch mal sehen, wie sich dieser ungelenke Richard, Ritter von der traurigen Gestalt, und seine Tafelrunde schlagen. Auf die Suppen-Website des kleinen Dicken der Truppe würden wir allerdings nicht setzen. Aber noch ist nicht aller Applikations-Ideen Abend.

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