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Umfragemanipulation beim NDR : Sie wissen schon, wer der Beste ist

  • -Aktualisiert am

Vom tollsten Trecker bis zum schönsten See: NDR-Zuschauer dürfen über vieles abstimmen. Aber zählen ihre Stimmen wirklich? Bild: NDR

Nach dem Umfrageskandal beim ZDF kommt heraus: Auch der NDR hat Online-Abstimmungen manipuliert. Der sorglose Umgang mit den Ergebnissen zeigt, wie sinnlos Ranking-Shows eigentlich sind.

          Das Dümmer Meer ist bei der Wahl der „spannendsten Seen Norddeutschlands“ nicht auf Platz elf gelandet, sondern nur auf Platz dreizehn. Und der Feldberger Seenlandschaft gebührte gar nicht der zehnte Platz, auf dem sie im NDR-Fernsehen präsentiert wurde, sondern nur der elfte.

          Eine Reihe solcher Manipulationen in neun Fernsehsendungen aus den vergangenen Jahren musste der Norddeutsche Rundfunk am Freitag zugeben. Die konkreten Veränderungen sind von größter Irrelevanz; sie zeigen aber einen bemerkenswert laxen Umgang im Sender mit den Ergebnissen der Zuschauerabstimmungen, die die Grundlagen für die sogenannten „Ranking-Shows“ bilden, die sich in den vergangenen Jahren wie Unkraut in den Dritten Programmen ausgebreitet haben.

          Nach dem Skandal um die manipulierten Umfrageergebnisse in der ZDF-Show „Deutschlands Beste“ hatte der NDR nach eigenen Angaben von sich aus begonnen, die Abläufe bei den eigenen Programmen genauer anzusehen. Eine entsprechende Anfrage des schleswig-holsteinischen Landtagsabgeordneten Patrick Breyer (Piraten) sei erst später dazugekommen, heißt es.

          Kein Bild, kein Platz

          Der NDR fühlte sich offenbar zunächst auf der sicheren Seite, weil die Sendungen, von denen seit 2011 inklusive Wiederholungen 212 im NDR-Fernsehen ausgestrahlt wurden, allesamt nicht auf repräsentativen Meinungsumfragen beruhten. Bei einer genaueren Betrachtung zeigte sich aber, dass die Ergebnisse der Online-Votings in einigen Fällen nachträglich verändert wurden.

          Bei der Sendung „Die beliebtesten Komiker des Nordens“ wäre Harald Schmidt eigentlich auf dem 25. Platz gelandet. Weil bis zur Ausstrahlung der Sendung aber das Bildmaterial von ihm nicht freigegeben wurde, ersetzte die Redaktion ihn durch Mike Krüger, der eigentlich auf den 26. Platz gewählt worden war. Bei der Auflistung der „bedeutendsten Norddeutschen“ wurde in einer späteren Ausstrahlung der achtplazierte Loriot durch Loki Schmidt ersetzt - weil es einen Rechtsstreit um die Verwendung von Loriot-Sendungsausschnitten gegeben habe.

          Teilweise wurden Plätze verändert, weil für manche Kandidaten schönere Bildmotive vorlagen. So rutschte der Rhododendronpark Ammerland, eigentlich auf Platz zehn, aus der Sendung über „Die schönsten Gärten und Parks des Nordens“ und musste Platz machen für den eigentlich elftplazierten Hamburger Park Planten un Blomen. In manchen Fällen konnten die Gründe für einzelne Abweichungen bei der jetzigen Überprüfung nicht mehr rekonstruiert werden. Teilweise war es wohl auch so, dass das Online-Voting noch weiterlief, nachdem die Redaktion bereits für sich einen Schlussstrich unter das Ergebnis gezogen hatte.

          Trauriger Beweis der Sinnlosigkeit

          Im Fall der „Top Flops Gala“ mit den lustigsten Pannen des Jahres erweckte die Moderation den Eindruck, die Zuschauer hätten über die Reihenfolge in der Finalsendung abgestimmt, obwohl es die Redaktion war. Bei der Sendung „Top 30“ der Jugendwelle N-Joy sei es mehrmals zu Manipulationsversuchen durch Vielfach-abstimmungen gekommen. Sie habe die Redaktion nachträglich zu bereinigen versucht, die Änderung gegenüber dem Voting in der Sendung aber nicht erklärt. Protagonisten des NDR seien in keinem Fall bevorzugt worden. Betroffen sind verschiedene Redaktionen. Der NDR wollte am Freitagnachmittag seine Aufsichtsgremien informieren. Arbeitsrechtliche Konsequenzen schloss der Sender nicht aus.

          Künftig soll ein Leitfaden die „Abbildung von Voting-Ergebnissen“ verbindlich regeln. Nur in „begründeten Ausnahmefällen“ könne ihm zufolge vom Ergebnis der Online-Abstimmungen abgewichen werden. Das müsse aber in der Sendung transparent gemacht und von den Vorgesetzten genehmigt werden. NDR-Intendant Lutz Marmor sagte: „Ich halte die festgestellten Fälle für nicht hinnehmbar, vor allem auch, weil sie nicht transparent gemacht wurden, selbst wenn sie im Einzelfall in ihrer Tragweite überschaubar erscheinen mögen.“

          Der Sender versucht den Spagat, sich gleichzeitig als schonungsloser Aufklärer in eigener Sache und Kämpfer für Transparenz darzustellen, aber deutlich zu machen, dass die Tragweite der Fälle mit derjenigen der Manipulationen bei der ZDF-Show „Deutschlands Beste“ nicht vergleichbar sei. Die Informationen, die der Sender jetzt veröffentlicht hat, sind aber nicht nur wegen der dokumentierten Sorglosigkeit im Umgang mit den Ergebnissen erhellend. Vor allem demonstrieren sie eindrucksvoll, wie sinnlos die jeweiligen Sendeformate als solche sind. Teilweise wurden pro Sendung weniger als tausend Stimmen abgegeben; ganze 23 Klicks insgesamt bescherten beispielsweise Harald Schmidt seinen fünfundzwanzigsten Platz im Ranking „beliebtester Komiker des Nordens“.

          Warum diese häufig verschwindend geringe Beteiligung an den Umfragen, die im Sender bekannt gewesen sein muss, nicht schon früher zu Zweifeln am ganzen System der Sendungen geführt hat, ist eine unbeantwortete Frage. In Zukunft will der Sender grundsätzlich seltener auf solche Online-Umfragen zurückgreifen. Die Pflicht, dann auch die Zahl der Klicks zu veröffentlichen, könnte zu einem größeren Druck führen, dieses Mittel nur dann einzusetzen, wenn es sich öffentlich auch erklären lässt, so die Hoffnung. Einen Anlass, das Format der Ranking-Shows mit seinen absurden Fragen wie der nach den „spannendsten Seen“ insgesamt in Frage zu stellen, sieht Programmdirektor Frank Beckmann in den Enthüllungen offenbar nicht.

          Shows, welche die Anstalt für das Erste produziert hat, seien nicht betroffen, sagte der NDR. Das ist bei anderen ARD-Anstalten nicht so eindeutig. Der Hessische Rundfunk hatte zusammen mit dem WDR vor zwei Jahren die Show „Die beliebtesten Komikerduos der Deutschen“ produziert und musste damals schon auf Nachfrage des Online-Magazins fernsehkritik.tv einräumen, die Ergebnisse der ihr angeblich zugrunde liegenden Online-Abstimmungen nachträglich „rechnerisch gewichtet“ und durch die Stimmen einer Jury „ergänzt“ zu haben. Das Ranking der „peinlichsten Umfragemanipulationen im deutschen Fernsehen“ ist sicher noch nicht komplett.

          Quelle: F.A.Z.

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