Wohlstand vom Fließband - das war es, was die Bundesrepublik von 1974 bis 1979 genoß, wenn Rudi Carrell auf dem Bildschirm erschien. Weltläufigkeit mit Bodenhaftung, Fleiß und Disziplin, gepaart mit Lässigkeit und einer Spur Glamour waren garantiert, wenn er im Anzug und bedarfsweise auch im Smoking Samstag abends „Am Laufenden Band“ präsentierte. Atemlos zählten seine Kandidaten binnen einer Minute auf, was ihnen von jenen Qualitätswaren, die per Band vorbeigeglitten waren, im Gedächtnis haftete - ein Credo des Besitzens, verbürgt von Geistesgegenwart und Leistungswillen.
„Ich verdanke diesem wunderbaren Land mein Leben“, erklärte Rudi Carrell bei seinem letzten Fernsehauftritt im vergangenen Februar. Mitte der siebziger Jahre verdankte umgekehrt dieses Land Carrell und dem laufenden Band wenn nicht sein Leben, so zumindest seine Selbstwahrnehmung.
Protest aus Iran
Keiner beherrschte wie er die Mischung aus Kumpelhaftigkeit und Distanz, Unterstützung und Schadenfreude des klassischen Showmasters. Hinzu kamen seine Gesangseinlagen, deren Leichtigkeit im phänomenalen Können als Entertainer und Chansonnier wurzelte, die Wonne, mit der er sich am Ende jeder Sendung mit Wasserkübeln übergießen ließ oder sonstwie den dummen August gab - und die Galligkeit, mit der er zuweilen wie ein Zuchtmeister wirkte.
Viele Große, von Hans-Joachim Kulenkampff bis Peter Frankenfeld, besaßen zum Schrecken ihrer Intendanten diese Neigung zum Sarkasmus. Bei Rudi Carrell war sie so stark, daß daraus 1981 eine eigene Sendung entstand: „Rudis Tagesshow“, gratwandernd zwischen Clownerie und Satire. Legendär ist jene zehnsekündige Montage, die 1987 den damaligen iranischen Staats- und Glaubensführer Ajatollah Chomeini zeigte, wie er scheinbar Unterwäsche aufsammelte, die ihm ekstatische Frauen zuwarfen. Die bundesdeutsche Regierung wurde von Iran (vergebens) ultimativ zu einer Entschuldigung aufgefordert, zwei Diplomaten wurden aus Teheran ausgewiesen, Zehntausende protestierten.
„Keiner ist so publikumsnah wie ich“
Rudi Carrell entschuldigte sich beim iranischen Volk, falls er „religiöse Gefühle“ verletzt habe, die iranische Staatsführung aber ließ ihn kalt - so wie auch der Protestbrief des damaligen Bundeskanzlers Kohl, den dieser vor einer anderen „Tagesshow“ an den damaligen ARD-Vorsitzenden sandte, weil Carrell darin Politiker und Prostituierte einander begeistert zuwinken ließ. Die Fähigkeit, hart auszuteilen, ebenso wie die obsessive Achtung vor den Gefühlen der „schweigenden Mehrheit“ - „Keiner ist so publikumsnah wie ich“, erklärte er selbstbewußt - hatte Carrell in harten Lehrjahren erworben: Als Rudolf Wijbrand Kesselaar im holländischen Alkmaar als Sohn und Enkel von Unterhaltungskünstlern geboren, assistierte er, streng gefordert, seinem Vater schon als Kind, war mit siebzehn Jahren Zauberkünstler und Bauchredner, spielte Kasperletheater und moderierte an Kleinbühnen. Er wußte, wovon er sprach, und auch, wo seine Grenzen lagen, wenn er sagte: „Witze kann man nur dann aus dem Ärmel schütteln, wenn man sie vorher hineingesteckt hat.“
Nichts von dieser eisernen Arbeitswut war zu spüren, als Rudi Carrell 1964 mit seiner holländischen Show, die gerade die „Silberne Rose“ von Montreux gewonnen hatte, im deutschen Fernsehen auffiel. Ein Kammerspiel war das, Carrell, sympathisch und etwas scheu, plauderte und sang mit der ebenso zurückhaltenden Anfängerin Esther Ofarim. All das blitzte noch einmal auf, als er 1975 aus dem Countrysong „Good morning, America, how are you?“ den netten Stoßseufzer „Wann wird's mal wieder richtig Sommer?“ machte oder singend einfach befand „Goethe war gut“. Da aber war er schon der Unterhalter der Republik, der 1979 der damals größten europäischen Handelsgruppe „Edeka“ in Werbespots ein Umsatzplus von 3,5 Prozent bescherte: Carrell im weißen Kaufmannskittel, der merkantile Bruder des medizinischen Halbgotts in Weiß, freundlich, kompetent, gewinn- und genußfreundlich - kein Soziologe und kein Psychologe hätte sich eine sprechendere Allegorie der damaligen Republik ausdenken können.
Die Familie gibt es nicht mehr
Rudi Carrell blieb an der Spitze. Nach dem „Laufenden Band“ und der „Tagesshow“ lieferte er so entgegengesetzte Erfolge wie das munter-rührselige paarstiftende „Herzblatt“, „Rudis Tiershow“ oder den kabarettistischen Wochenrückblick „Sieben Tage, sieben Köpfe“. Mit ihm verabschiedete er sich im Dezember 2005 von seinem Publikum. Altersweisheit und sarkastische Wehmut klangen aus seinen letzten Stellungnahmen, wenn er, trotz Gottschalks „Wetten, daß...?“, erklärte: „Mich reizt das große Familienprogramm nicht mehr, denn es gibt die Familie nicht mehr.“ Er brauchte nicht das Wort vom demographischen Wandel oder dem grenzenlosen Ichstreben unserer Tage, um den fundamentalen Wandel jener Gesellschaft zu benennen, die er jahrzehntelang unterhalten hatte.
Am vergangenen Freitag ist Rudi Carrell im Alter von einundsiebzig Jahren gestorben; das Ende einer Ära. Er, der die Show lebte, wollte keine Öffentlichkeit im Tod.
in memoriam
Sven Jakobssohn (jakobssohn)
- 10.07.2006, 22:45 Uhr