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Merkel und die Empathie : Streichelnde Kanzlerin landet im Shitstorm

Bei einem Gespräch in einer Schule bringt Angela Merkel ein Flüchtlingsmädchen zum Weinen, das womöglich abgeschoben werden soll. Auf Twitter überschlagen sich Kommentare voller Häme und Empörung.

          So einfach ist das. Die Bundeskanzlerin geht auf Tour durchs Land und spricht mit den Menschen. „Gut leben in Deutschland“ heißt die Gesprächsreihe, zu deren jüngster Station sich Angela Merkel am Mittwoch mit 29 Schülern aus dem Schulzentrum Paul Friedrich Scheel in Rostock traf: einfach mal über alles reden, was einem auf dem Herzen liegt, und sehen, was die Kanzlerin antwortet.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          So einfach ist das nicht. Wenn unter den jungen Leuten ein Mädchen namens Reem Sawhil sitzt, deren Familie aus dem Libanon kommt, seit vier Jahren in Deutschland lebt, dies aber in der Ungewissheit, ob sie bleiben darf. Sie hätten, sagt das Mädchen, „gerade eine schwere Zeit gehabt, weil wir kurz davor waren, abgeschoben zu werden“. Ihr Vater dürfe nicht arbeiten. „Ich habe ja auch Ziele, so wie jeder andere“, sagt sie. „Ich möchte studieren, das ist wirklich ein Wunsch und ein Ziel, das ich wirklich schaffen möchte. Genau, das ist wirklich sehr unangenehm, zuzusehen, wie andere wirklich das Leben genießen können und man es selber halt nicht mitgenießen kann.“

          Verkürzender Schnitt des NDR-Beitrags

          Gar nicht einfach. Doch hätte es sich die Bundeskanzlerin an dieser Stelle einfach machen können, hätte sie ein paar tröstende Worte gesagt und versprochen, sich für die Familie zu verwenden. Viele Politiker machen das so, damit der Augenblick vor der Kamera gelingt, was aus der Geschichte dann wird, steht auf einem anderen Blatt. Doch Angela Merkel macht es sich nicht einfach. Sie sagt, was niemand hören will, aber stimmt: Sie verstehe das, schließlich sei Reem Sawhil „ein unheimlich sympathischer Mensch“. Doch sei es auch so, dass es in palästinensischen Flüchtlingslagern „noch Tausende und Tausende“ gebe und man nicht sagen könne: „,Ihr könnt alle kommen, und ihr könnt alle aus Afrika kommen, und ihr könnt alle kommen‘, das können wir auch nicht schaffen.“ Da befinde man sich in einem Zwiespalt, und das Einzige, was sie jetzt sagen könne, sei – die Verfahren dürfen nicht so lange dauern. „Aber es werden auch manche wieder zurückgehen müssen.“ Daraufhin bricht das Mädchen in Tränen aus. Angela Merkel stockt bei der nächsten Antwort, geht auf die Schülerin zu, um sie zu streicheln, und meint, sie habe das doch sehr gut gemacht – ihr Schicksal darzustellen, stellvertretend für viele tausend andere. Der Moderator der Runde weist darauf hin, dass es darum wohl weniger gehe, sondern um die Situation der Familie. Womit er zweifellos recht hat.

          Wie einfach lässt sich aus diesem Gespräch ein Bericht von zwei Minuten Länge in der Sendung „NDR aktuell“ machen, in dem das anderthalb Stunden währende Gespräch zwischen Angela Merkel und den 29 Schülerinnen und Schülern auf diesen einen Wortwechsel zusammengeschnitten und mit dem Satz anmoderiert wird: „Jetzt soll Reem, so heißt das Mädchen, mit der Familie abgeschoben werden. Das muss man einem hoffnungsvollen jungen Menschen erst einmal erklären.“

          Empathie sieht anders aus

          Und wie einfach bricht nach einer solchen Verkürzung der Shitstorm los, der bei Twitter unter #merkelstreichelt tobt. Die Tonlage reicht von Häme bis Brutalität, von einem „Streichelzoo“ ist die Rede, von Problemen, die „totgestreichelt“ werden. Man möge die Bundeskanzlerin doch auch mal streicheln – „mit dem Baseballschläger“, schreibt einer. Die Grünen – bei diversen Shitstorms gerne vorne mit dabei – twittern: „Herzlose Politik lässt sich nicht wegstreicheln“ und stimmen dieselbe Melodie an, die auch bei der wie stets dumpfen „Bild“-Zeitung und bei vielen derjenigen erklingt, die bei Youtube mal kurz das NDR-Video aufgerufen haben.

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          Gar nicht so einfach, darauf zu reagieren – für die Bundeskanzlerin bei dem Gespräch und für ihre PR-Abteilung danach. Die verbreitet zunächst die Fehlinterpretation, das Mädchen habe offenbar „vor lauter Aufregung“ geweint, streicht den Passus später, weil jedem aufgefallen sein dürfte, dass der Grund für die Tränen ein ganz anderer war. Erst die Reaktion der Kanzlerin, dann der Versuch einer Retusche – schlechter kann eine solche Sache nicht laufen. Empathie oder auch eine gut geölte PR-Maschinerie sieht anders aus.

          Undifferenzierter Shitstorm

          Doch wer es sich nicht ganz so einfach wie die „merkelstreichelt“-Menge machen und wissen will, wie die Sache wirklich gelaufen ist, sollte sich nicht auf die Pöbler verlassen und nicht nur den NDR-Film sehen, sondern die gesamte Aufzeichnung des Gesprächs, wie sie etwa über den Online-Auftritt dieser Zeitung und auf der „Gut leben in Deutschland“-Seite der Bundesregierung aufzurufen ist. Denn da wird man nicht nur Zeuge der Sekunden, auf welche die Shitstormer rekurrieren, sondern des gesamten Gesprächs und bekommt mit, dass Reem Sawhil ihre Lage Angela Merkel ausführlich schildert und die Bundeskanzlerin mehrfach nachfragt und auf die ihr eigene ungelenke Weise versucht, Interesse und Verständnis zu zeigen. Wirklich gut gelingt ihr das nicht, weil sie die Kunst der Verstellung nicht so gut beherrscht wie viele andere ihrer Zunft – über die sich Pressekollegen und Online-Twitterer dann gerne genau dieser Attitüde wegen empören. Und weil sie bei der Wahrheit bleibt, die keiner hören will und die einem im Fall wie dem des jungen Mädchens auch nicht in den Kopf will: Deutschland kann auf Dauer nicht alle Flüchtlinge aufnehmen.

          Dass Reem Sawhil und ihre Familie abgeschoben werden ist übrigens, anders als der NDR-Moderator sagte, noch längst nicht ausgemacht und ein glückliches Ende für die Familie möglich. Unter #merkelstreichelt aber interessiert das kaum jemanden. Einen guten Shitstorm soll man ja auch nicht durch zu viel Differenzierung stören. Es ist doch alles so schön einfach. Wenn man es sich einfach machen will.

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