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TV-Serie „She’s Gotta Have It“ : Tu, was du willst, und rede nicht darüber

Zwischen Selbstporträt und Selbstfindung: Nola Darling (DeWanda Wise) bestreitet ihr Leben als junge Künstlerin in Brooklyn. Bild: Netflix

Eine Künstlerin in New York und ihre drei Liebhaber: Spike Lee hat seinen Kinoklassiker „She’s Gotta Have It“ als Serie neu aufgelegt. In der geht es ganz schön rund.

          Der Regisseur Spike Lee ist einer der, wenn nicht der Mitbegründer des New Black Cinema. Diesem entstammen Filme, in denen afroamerikanische Regisseure Ende der achtziger Jahre beginnen, die Beziehungen zwischen Schwarz und Weiß aus ihrer Perspektive zu erzählen. Die Ära, in der weiße Inhalte schlicht auf ein schwarzes Publikum zugeschnitten wurden, sollte überwunden werden. Zudem half es Schauspielern wie Denzel Washington oder Samuel L. Jackson, sich in Hollywood durchzusetzen. Lees Schwarzweiß-Film „She’s Gotta Have It“ aus dem Jahr 1986 mit Tracy Camilla Johns in der Hauptrolle gilt als Startschuss für diese Art von Kino.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Film zeigt die Welt von Nola Darling, einer jungen schwarzen Künstlerin, die im New Yorker Stadtteil Brooklyn lebt und liebt. Die Freiheit, in puncto Beziehung und Sex zu tun, was sie will und niemandem Rechenschaft schuldig zu sein, hat für sie oberste Priorität. Sie hat parallel drei Liebhaber, die sie nur in ihr Bett lässt, dessen Kopfende über und über mit Kerzen besetzt ist. Spike Lee spielte einen davon, den leicht ausgeflippten Mars Blackmon.

          Nun will es der Regisseur noch einmal wissen. 2016 kündigte das Streaming-Portal Netflix an, den Film unter der Regie von Lee als Serie aufzulegen. Ursprünglich sei es die Idee seiner Frau, Tonya Lewis Lee, gewesen, sagte der Regisseur dem „Rolling Stone“. Sie fungiert bei Serienadaption als Produzentin. Die beiden hätten die Idee vorher verschiedenen Stellen vorgestellt, doch schließlich habe es bei Netflix funktioniert, weil es dort drei schwarze Frauen gewesen seien – Pauline Fischer, Tara Duncan und Layne Eskridge – die die „kulturelle Bedeutsamkeit“ erkannt hätten, die Serie zu produzieren. „Überall, wo ich die Idee sonst noch vorstellte, war keine einzige schwarze Person im Raum“, sagte Lee. Wenn es um die – um seine – Sache geht, ist er seit jeher streitlustig. Als Quentin Tarantinos „Django Unchained“ in die Kinos kam, erklärte er, er werde den Film auslassen: „Die amerikanische Sklaverei war kein Sergio-Leone-Spaghetti-Western.“ Clint Eastwood warf er vor, sein Film „Flags of Our Fathers“ übergehe den Beitrag, den schwarze Soldaten im Zweiten Weltkrieg für Amerika geleistet hätten.

          Würde viel lieber gleich bei ihr einziehen: Mars Blackmon (Anthony Ramos) ist bei Nola (DeWanda Wise) zu Besuch.
          Würde viel lieber gleich bei ihr einziehen: Mars Blackmon (Anthony Ramos) ist bei Nola (DeWanda Wise) zu Besuch. : Bild: Netflix

          Bereut hat Lee nach eigener Aussage im Nachhinein, dass es in „She’s Gotta Have It“ eine Vergewaltigungsszene gibt. Der „Huffington Post“ sagte er 2014: „Ich habe Vergewaltigung auf die leichte Schulter genommen und das ist die eine Sache, die ich gerne zurücknehmen würde.“

          Rein oberflächlich macht die Serie vieles anders als der Film. Statt in den Achtzigern befinden wir uns im Jahr 2017. „2016 war ein beschissenes Jahr“, sagt Nola, der DeWanda Wise eine gewaltige Präsenz verleiht. Zudem ist die Serie in Farbe. Die neuen Kommunikationsgewohnheiten per Handy werden via Textschnipsel als stummer Dialog auf die Bildfläche projiziert. Desgleichen Textteile aus Musikstücken oder Dialogzeilen, die den Leuten plötzlich aus dem Mund sprudeln wie entkorkte Sprechblasen. Nach Musikstücken von John Coltrane bis zu Brian McKnight, welche die jeweilige Stimmung transportieren, wird das dazugehörige Albumcover eingeblendet. Auch die Sexszenen sind expliziter. Je nach Liebhaber – Jamie Overstreet (Lyriq Bent), Greer Childs (Cleo Anthony) und Mars Blackmon (Anthony Ramos) – inszeniert Lee das Liebesspiel mal sinnlich, mal mit Humor und mal als sportliche Höchstleistung.

          Hat man noch das Original vor Augen, sieht man, dass die Serie sich auf vielen Ebenen streng am Vorbild orientiert: Die Versatzstücke alter Dialoge, die Darsteller, die das Publikum adressieren, die fremden Männer, die Anmachsprüche á la „Baby ich würde dein Badewasser saufen“ in die Kamera schmatzen, und sogar ganze Sequenzen übernimmt Lee und zitiert sich ausgiebig selbst. Nur aus der Vergewaltigungsszene wird in der Serie eine übergriffige Anmache auf dem nächtlichen Nachhauseweg. Nola ist nachhaltig verstört. Solche Männer treten ihr Ideal mit Füßen: Das, was sie in ihren Bildern die „freie schwarze weibliche Form“ nennt.

          Dem Verdacht, die Serie könnte zu einer Art schwarzen „Sex and the City“ werden tritt Lee gleich zu Beginn pfiffig entgegen: Da sitzen Nola und ihre Freundinnen beim Gurken-Martini zusammen, und Nola soll über ihre Liebesleben berichten. Doch sie sagt schlicht: „Ich diskutiere mein Sexualleben nicht bei einem Cocktail, dieses Klischee erfülle ich nicht.“ Mitunter mündet ihr Freiheitsdrang in die übliche Überkompensation. Das ist manchmal anstrengend anzuschauen. Doch die Frage nach der vermeintlichen Freiheit – zwischen „tu nur, was du willst“ und „du darfst nur das tun, was du willst“ – beantwortet Lee in „She’s Gotta Have It“ auf jede nur erdenkliche Weise mit reichlich (Zeit-)Geist.

          Trailer : „She’s Gotta Have It“

          She’s Gotta Have It läuft von heute an auf Netflix.

          Quelle: F.A.Z.

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