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Sexismus bei der WM : Was sie noch zu sagen hätten

Aly Wagner sagte im Interview mit der „Washington Post“ auf die Frage, was dem Fußball 2018 gut tun würde: „Mehr Respekt.“ Bild: Picture-Alliance

Seit vier Wochen kommen weltweit Fußball-Moderatorinnen und Kommentatorinnen zu Wort. Sie erleben Zorn, Ablehnung und Übergriffe. Aber etwas Grundlegendes hat sich verändert. Die Zeiten am Rand des Sofas sind vorbei.

          In einem Punkt ist unsachliche Entrüstung zu einem konstanten Hintergrundrauschen dieses Fußballsommers geworden. Bei der Weltmeisterschaft in Russland sitzen mehr Frauen denn je hinter dem Mikrofon oder im Studio und sprechen über Fußball. Das könnte und sollte so normal sein wie die unaufgeregte Bundesliga-Berichterstattung an jedem Wochenende beim Bezahlsender Sky, bei der zum Beispiel die Moderatorin Jessica Kastrop eine führende Rolle spielt. So selbstverständlich ist das aber bei der WM nicht. Die Kommentatorin Claudia Neumann wurde in den vergangenen Wochen mit so viel Häme konfrontiert, dass sich der Sportchef des ZDF, Thomas Fuhrmann, genötigt sah, die Pöbler öffentlich zu rügen. In der „Zeit“ bezeichnete Claudia Neumann, die auch nach den Erfahrungen der Europameisterschaft 2016 noch beschwichtigende Worte gefunden hatte, die Anfeindungen als „grauenvoll“ und als ein gesellschaftliches Phänomen. Es gehe bei der Kritik nicht um sie als Person, „sondern darum, dass sich Frauen erdreisten, in exponierten Positionen im Fußball aufzutauchen.“ Offenbar ist das Phänomen ein globales, denn in der Zwischenzeit haben sich Medien im Ausland entschieden, über ihre Claudia Neumanns zu berichten.

          Lieber ohne Ton

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Als die BBC-Journalistin Vicki Sparks vor drei Wochen ihren Einstand als WM-Kommentatorin gab, verkündete der ehemalige Kapitän der englischen Nationalmannschaft, John Terry, auf Instagram, er müsse das Spiel ohne Ton sehen, und schob, als er deswegen kritisiert wurde, eine faule Ausrede nach: Es habe Probleme mit dem Ton gegeben. Der Radiomoderator Jason Cundy, der bei Chelsea spielte, sagte im Frühstücksfernsehen, es sei anstrengend, Vicki Sparks zuzuhören, die hohe Frequenz ihrer Stimme störe ihn. „Welchen Mehrwert hat ein Interview im nationalen Fernsehen, in dem jemand so etwas sagt?“, fragte Lianne Sanderson, Spielerin der Frauen-Nationalmannschaft, daraufhin im „Guardian“, um zwei ehemalige Kolleginnen zu verteidigen, deren Einschätzungen der Spiele im Fernsehen ebenfalls heftige Reaktionen provoziert hatten. Die Diskussion über die britische WM-Berichterstattung sei in der Vergangenheit steckengeblieben, schrieb Sanderson. Jacqui Oatley habe schon 2007 ihr erstes PremierLeague-Spiel kommentiert. Journalisten, die den Frauenfeinden auch noch zuhörten, trügen dazu bei, dass die Debatte um Jahre zurückgeworfen werde.

          Jacqui Oatley kommentierte schon 2007 ihr erstes PremierLeague-Spiel.

          Bei der früheren Fußballspielerin Hanna Marklund, die mit der schwedischen Frauen-Nationalmannschaft WM-Zweite wurde und für den Sender TV4 die Weltmeisterschaft kommentiert, wird die Kritik mit ihrem angeblich unzumutbaren nordschwedischen Dialekt begründet. In Norwegen war es Lise Klaveness, die der Sportdirektor des Senders NRK, Egil Sundvor, mit den nett gemeinten, wenn auch überflüssig klingenden Worten verteidigte: „Sie hat sich außergewöhnlich gut informiert und musste viele Widerstände überwinden. Das verdient Anerkennung.“

          Die Argentinierin Viviana Vila, die dreißig Jahre Erfahrung im weitgehend frauenfreien argentinischen Fußballjournalismus hat und nun für den Fernsehsender Telemundo in Florida als erste Frau die Weltmeisterschaft für das spanischsprachige Publikum in Amerika moderiert, bemühte sich schon Monate vor ihrem ersten Einsatz um Verständnis für ihre Personalie: „Es ist eine große Aufgabe, die ich mir nicht selbst ausgesucht habe, sondern die an mich herangetragen wurde. Ich weiß, dass mich Millionen Männer aufmerksam beobachten werden.“ Dann verwies sie auf bekannte männliche Kollegen, mit denen sie schon gearbeitet hat. Die ehemalige Fußballspielerin Aly Wagner, die beim Sender Fox als erste WM-Moderatorin arbeitet, sagte der „Washington Post“ zwar, sie habe nicht damit gerechnet, so sehr nach ihrem Geschlecht beurteilt zu werden, vermied aber kritische Worte: „Ein paar Trolle im Internet machen mir keine Angst“, sagte Wagner.

          „Ich weiß, dass mich Millionen Männer aufmerksam beobachten werden.“ Viviana Vila berichtet für den Fernsehsender Telemundo von der WM.

          In Italien, wo in WM-Jahren Fotogalerien der schönsten Sportreporterinnen (inklusive Bikinifotos) die Online-Angebote von Sportmedien schmücken und Fernsehmoderatorinnen noch immer vor allem damit beschäftigt sind, eine gute Figur zu machen, beschwerte sich unlängst ein Journalist der Zeitung „Fatto Quotidiano“ über die Rolle, die der Fernsehsender Canale 5 der Sportreporterin Paola Ferrari in einer Comedy-Fußballsendung zugedacht hatte: „Eine Frau, die immer darum bemüht war, eine emanzipierte Figur abzugeben, kann diese Behandlung nicht akzeptieren.“ Die Zeiten, in denen Sportmoderatorinnen in Sendungen den Platz am Rand des Sofas bekamen, damit man ihre schönen Beine sehen konnte, seien endgültig vorbei.

          Mit der größeren Anzahl von Frauen in tragenden Rollen der WM-Berichterstattung hat sich etwas Grundlegendes verändert. Anna Kessel, Vorsitzende der Initiative „Women in Football“, sagt: „Zum ersten Mal verbreitet sich weltweit die Erkenntnis, was Frauen im Sport erleben.“ Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 wählten Online-Portale noch die „Top Ten der heißesten Fußballmoderatorinnen“. „Wenn eine Reporterin am Spielfeldrand steht und noch ganz nett ausschaut, dann dringt da niemand in männliches Hoheitsgebiet vor“, sagte Claudia Neumann vor zwei Jahren in der „Süddeutschen“. Aber wenn eine Frau neunzig Minuten rede und Männern dann auch noch Dinge erkläre, die sie nicht wüssten oder anders sähen, sei das eben schwierig. Dass dies nun weltweit debattiert wird, ist Teil der Veränderung.

          Unterdessen hat sich an den Vorfällen körperlicher Belästigung wenig geändert. Die kolumbianische Journalistin Julieth González Therán war vor einem Vorrundenspiel gerade für den spanischsprachigen Kanal der Deutschen Welle auf Sendung gegangen, als ihr ein russischer Mann an die Brust fasste und sie küsste. „Der Fan nutzte die Situation aus“, schrieb González später auf Twitter, die Deutsche Welle wertete den Angriff als Belästigung. Drei Tage später wurde die Reporterin Malin Wahlberg bei einer Moderation für die schwedische Boulevardzeitung „Aftonbladet“ von drei Fußballfans bedrängt, geküsst und umarmt. Julia Guimarães, Moderatorin des brasilianischen Senders Globo, rief einem Mann, der sie während einer Liveschaltung zu küssen versuchte, nach: „Tu das nie wieder.“ Brasilianische Sportmoderatorinnen haben Erfahrung mit aufdringlichen Fußballfans und Sportlern. Vor vier Monaten organisierte eine Gruppe Reporterinnen unter dem Hashtag „Lasst sie arbeiten“ (#Deixaelatrabalhar) eine Kampagne, die sexuelle Belästigung in der Branche thematisiert.

          Immer wieder richtet sich der Blick auf Deutschland, wo es vom Fußball bald schon nichts mehr zu berichten gab. Claudia Neumann kommentiert mit großer Regelmäßigkeit. Gegen zwei Internetnutzer, die sie beleidigt und öffentlich zu Straftaten aufgefordert haben, stellte das ZDF Strafanzeige. „Manche Menschen scheinen nicht akzeptieren zu wollen, dass ihnen das Altbekannte abhandenkommt“, sagt Claudia Neumann dazu nur und bezieht so auch die Anfeindungen homosexueller Spieler und Fußballer mit Migrationshintergrund mit ein, die in diesem Jahr zugenommen haben. Ob in vier Jahren alles besser wird? Die ARD ist angeblich auf der Suche nach einer Fußball-Kommentatorin.

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