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Wolfgang Rademann : Ihm ging die Welt so schnell nicht aus

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Er selbst nannte sich den „Unterhaltungsfuzzy“. Tatsächlich war Wolfgang Rademann (1934 bis 2016) ein Großmeister des Sehnsuchtsfernsehens. Bild: Martin Lengemann/laif

Er bescherte dem deutschen Fernsehen die „Schwarzwaldklinik“ und das „Traumschiff“. Ohne ihn wäre die ZDF-Unterhaltung kaum ausgekommen. Zum Tod des Produzenten Wolfgang Rademann.

          Am Ende war Wolfgang Rademann doch ein wenig ratlos. Der Mann, der Deutschland mit der „Peter-Alexander-Show“, der „Schwarzwaldklinik“ und den „Traumschiff“-Reisen über Jahrzehnte hinweg im Fernsehen so etwas wie eine romantische Mitte geschenkt hatte, auf die sich in den besten Zeiten Mitte der achtziger Jahre 27 Millionen Zuschauer einließen, schaute in seinen späten Jahren befremdet auf das Medium, das ihn groß gemacht hatte. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagte er, und es klang wie eine Dialogzeile aus seinen Filmen. „Stars bringen es nicht mehr. Dem Publikum ist es egal, ob da der Adorf oder die Ferres spielt. Es hat eine totale Abnutzung des Fernsehens stattgefunden. Die Events liegen jetzt eher beim Sport oder bei Krönungen. Dagegen kannste nischt machen.“

          Hinter dem jovialen Berlinern versuchte der am 24.November 1934 in Neuenhagen bei Berlin geborene Sohn eines Industriekaufmanns seine Enttäuschung darüber zu verbergen, dass das Publikum, das ihm über Jahrzehnte so fest die Treue gehalten hatte, ihn anscheinend im Stich ließ. Er, der einstige Quotenkönig, musste bangen, ob seine Serie über ärztliche Kunstfehler – „Engel der Gerechtigkeit“ – weiterging. „Und das hängt an 600000 Zuschauern, die zu wenig eingeschaltet haben“, sagte er dazu. „Das ist lächerlich, das ist gar nischt, das ist regelrecht komisch.“

          Er hatte das Gespür für Unterhaltung

          Die Erkenntnis, dass er mit ernsthaften Stoffen, also nicht mit Herzschmerz und heiter Berührendem, wie er es sonst gerne bot, nicht wie gewohnt landen konnte, raubte Rademann beinahe seine gute Laune und trübte seinen Blick für das, was er geschaffen hatte. Das Publikum schaue lieber Durchschnittliches und beschwere sich dann, es habe all das doch schon zigmal gesehen. Die Sender hätten kein Durchhaltevermögen, sobald es um schwierigere Formate gehe, sagte Rademann im Gespräch – er, der das Unterhaltungsfernsehen so lange prägte. Er hatte im Gespür, wonach sich die Menschen in Deutschland sehnten – nach heiler Welt und Reisen in exotische Länder, von deren Problemen wiederum man lieber nichts wissen wollte.

          Rademann war ein Kind der Kriegsjahre und machte das Fernsehen der Nachkriegszeit. Seinen ersten Erfolg hatte Rademann 1966 mit der ZDF-Sendung „Das Leben ist die große Show“. Es folgten die Shows mit Peter Alexander, Wencke Myhre und Lilly Palmer, die Serie „Ein verrücktes Paar“ mit Grit Böttcher und Harald Juhnke sowie Sendungen mit Günter Pfitzmann oder Gustav Knuth.

          1958 floh er aus der DDR in den Westen

          Um einen schnellen Spruch war Wolfgang Rademann, der gelernte Schriftsetzer und Journalist, der 1958 aus der DDR in den Westen geflohen war, nie verlegen. Einer seiner Wahlsprüche lautete: „Hilfe, mir geht die Welt aus.“ Das bezog sich auf mangelnde neue Ziele seines ohne Unterlass um die Welt tourenden „Traumschiffs“, bei dessen letztem personellem Coup Rademann über seinen eigenen Schatten springen musste: Sascha Hehn, der jahrelang den Steward gegeben und mit dem sich Rademann eine Zeitlang überworfen hatte, löste Siegfried Rauch in der Rolle des Kapitän ab. Mit Erfolg. Das Traumschiff legte an Quote zu, und Rademann sagte: „Einen richtigen Kapitän zu finden ist wichtiger als den alten Frust aufzuarbeiten.“ Als sein Haussender, das ZDF, ihm nahelegte, nach 72 Destinationen doch bei den „Traumschiff“-Zielen einfach wieder von vorn zu beginnen, war Rademann eigentlich abgeneigt. Neugierde, gepaart mit Spaß, war seine Triebfeder, also wollte er auch nicht zu alten Gestaden zurück. Besonderen Spaß hatte er daran, illustre Gäste auf das „Traumschiff“ zu bitten wie Harald Schmidt, Hape Kerkeling, Til Schweiger oder Nena. Das seien selbstverständlich auch „journalistische PR-Tricks, Klingeln gehört zum Geschäft“, sagte Rademann, der einstige B.Z.-Reporter und „Stern“-Mitarbeiter, der auch schon PR für Caterina Valente, Peter Alexander und Pierre Brice gemacht hatte.

          Gruppenbild mit Produzent: Regisseur Hans-Jürgen Tögel, Harald Schmidt, Siegfried Rauch, Heide Keller, Nick Wilder, Wolfgang Rademann und Inka Bause (von links).

          Wolfgang Rademann war, wenn man so will, in seinem Metier ein Universal-Genie: Produzent, Talent-Scout, Vermarkter und Sekretär in einer Person. Wer ihn anrief – immer auf der Festnetz-Nummer –, hatte ihn meist selbst am Apparat. Und immer eine kreuzehrliche Resonanz. Rademann vergaß nie – im Positiven wie im Negativen. Wie viele Schauspieler und Regisseure ihm einen Teil ihrer Karriere verdanken, wurde deutlich, als er im vergangenen Jahr bei der Bambi-Verleihung für sein Lebenswerk geehrt wurde. Da konnte er schon nicht mehr persönlich erscheinen. Ein Sturz hatte ihn geschwächt. Am Sonntag ist Wolfgang Rademann im Alter von 81 Jahren gestorben.

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