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Veröffentlicht: 13.06.2017, 18:41 Uhr

Serie „Blaumacher“ auf ZDFneo Ein Mann verschwindet in seinem Leben

Ob blasser Geschäftsmann, suizidaler Teenager oder frustrierte Ehefrau – in „Blaumacher“ scheitert jeder nach Strich und Faden. Einig sind sich alle nur in einem: So kann es nicht weitergehen.

von
© ZDF und Daniela Incoronato Fühlt sich irgendwie unsichtbar: Frank Sporbert aus der ZDFneo-Serie „Blaumacher“.

Für Frank Sporbert läuft es, um es gelinde zu sagen, gerade nicht so gut. Dem äußeren Anschein nach ist alles ganz wunderbar. Er ist glücklich verheiratet, hat zwei fast erwachsene Kinder, einen Bungalow im Grünen, und die Firma, die er von seinem Vater übernommen hat, läuft. Sie läuft sogar so gut, dass gar nicht auffällt, wenn der Chef nicht da ist. Dass er das entscheidende Meeting, bei dem es um einen neuen Großauftrag ging, in seinem Auto auf dem Parkplatz vor dem Fitness-Studio verpennt hat, macht – gar nichts.

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Im Wagen hat er eine Bierdose nach der anderen geleert und seinen Rausch ausgeschlafen, nachdem er seine Frau Carmen mit dem Fitnesstrainer Thomas bei Freiübungen gesehen hat. Seine Kinder Becky und Max halten Frank für einen desinteressierten Deppen beziehungsweise Kreditautomaten ohne Überziehungszinsen. Zuletzt, sagt Frank, habe sich sein Sohn auf dem Sofa glatt auf ihn draufgesetzt. Er hatte ihn nicht gesehen, was allerdings auch damit zu tun haben kann, dass Max selten ohne Marihuana-Dröhnung unterwegs ist.

Zunehmend unsichtbar

Ist das das Leben, das ich wollte?, fragt sich Frank. Er kommt in seinem Leben, hat er den Eindruck, gar nicht vor, nicht für sich und nicht für die anderen. Also fährt er mit dem Wagen seit einer Woche gar nicht ins Büro, sondern zurück in die Garage, was niemandem auffällt. Er nimmt einen dreifachen Whisky, geht in den Keller und – setzt die Schrotflinte an.

Würde dem Verlierer vom Dienst nun gelingen, was er vorhat, wäre die sechsteilige Serie „Blaumacher“ vorbei, bevor sie begonnen hat. Frank trifft natürlich nicht, er wacht in ausgelaufener Erdbeermarmelade auf, sein Schuss geht durch die Decke und alarmiert die Nachbarstochter Sascha. Die hatte, wie man bald erfährt, im Keller nebenan gerade dasselbe vor, nur mit einem Strick. Da finden sich also die Richtigen im rechten Augenblick, was Franks Frau Carmen, die sich gerade überlegt hatte, mit dem Fitnesstrainer Schluss zu machen und ihre Ehe zu kitten, selbstverständlich in den falschen Hals bekommt. Nun darf das Verhängnis seinen Lauf nehmen, in der Familie und in der Firma, bis kein Stein auf dem anderen und keine Beziehung bleibt, wie sie ist.

46942514 © ZDF und Volker Roloff Vergrößern Sporberts Frau Carmen fühlt sich von ihrem Mann vernachlässigt und betrogen.

„Midlife-Crisis meets Coming of Age“, schreibt die zuständige ZDF-Redakteurin Karina Ulitzsch zu der Serie, die mittwochs bei ZDFneo läuft und in die Phalanx der Stücke gehört, mit denen das Zweite auf seinem zweiten Kanal das jüngere Publikum erreichen will, das sich heute eher bei den Serien von Sky, Netflix oder Amazon gut aufgehoben sieht. Die Zuschreibung ist arg schematisch, die Autoren Bernd Lange, Valentina Brüning und Sebastian Heeg lassen sich schon etwas mehr einfallen, die Regisseure Pia Strietmann und Maurice Hübner sowieso. Sie drehen die Figuren der Geschichte durch den Wolf. Hier scheitert jeder nach Strich und Faden, was in den einzelnen Szenen und den Dialogen zumeist auf Comedy gebürstet wird, aber nicht zu einer Kalauerparade gerät.

Die Kamerafrau Eeva Fleig sorgt derweil mit Bildern, die immer ein wenig nach „Breaking Bad“ aussehen, für Tableaus, die für sich sprechen: Wenn sich Frank besonders überflüssig und unsichtbar vorkommt, verschmilzt er wie ein Chamäleon mit dem Muster der Tapete – die ist in eher unansehnlichem Beige mit langweiligem Muster gehalten.

© ZDFneo Fernsehtrailer: „Blaumacher“

Anders als Kurt Cobain

Für den Kontrapunkt sorgt der Soundtrack, der die Szenen mitunter etwas zu deutlich kommentiert. Gleich zu Beginn aber verschmilzt das zu einem schönen Ganzen: Aus der improvisierten Jam Session, zu der sich Frank und Sascha im Keller zusammenfinden – Grunge Rock statt Suizid – wird in Bild und Ton eine Coverversion von „Smells like Teen Spirit“ von Nirvana. Dass der Leadsänger der Band, Kurt Cobain, wahr machte, womit Frank scheitert, ist die bitterböse Pointe der Szene – an deren Ende sich Carmen einen falschen Reim auf das Geschehen im Beat-Schuppen macht.

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Marc Ben Puch als Frank und Laura Berlin als Sascha geben hier ein angemessen unpassendes Paar ab, das kein Paar, sondern eine Selbsthilfegruppe á deux und ein Vater-Tochter-Gespann ist. Lisa Martinek ist als Carmen überzeugend grundwütend bis zur Raserei, der Frank durch sein Verhalten stets neue Nahrung gibt. Doch auch das restliche Ensemble kann mithalten. Das ist zwar alles nicht sensationell, kann sich aber sechs Folgen lang gut sehen lassen, und vielleicht, so die Zuschauer mitziehen, darüber hinaus. Den passenden Cliffhanger haben sich die Macherinnen und Macher von „Blaumacher“ einfallen lassen – mit einer Fahrt ins Blaue.

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