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TV-Kritik „Peaky Blinders“ : Die schärfste Gang von Birmingham

Die Rasierklingen in ihren Mützen sorgen nicht nur für glatte Wangen: Thomas Shelby (Cilian Murphy, Mitte) kennt als Boss der „Peaky Blinders“ keine Gnade. Bild: © Caryn Mandabach Productions/Sky

Sky zeigt das Gangster-Epos „Peaky Blinders“. In guten Momenten ist diese Serie so etwas wie „Downton Abbey“ aus dem Slum. In schlechten ist sie immer noch ein cooles Musikvideo.

          Der da reitet, ist der König Birmingham. Er trägt die Schiebermütze und den Kurzmantel mit derselben Eleganz wie die „Mad Men“ ihre Maßanzüge, vor seinem stählernen Blick teilt sich das Gewimmel zwischen Werften und Baracken schneller als vor dem klirrenden Schritt seines Rappen. Funkenregen fliegt, Dampf faucht - das hier ist das Elendsviertel Small Heath anno 1919, der Reiter wiegt sich im Takt der Musik von Nick Cave, der vom Mann mit der roten rechten Hand raunt. Das muss er sein, der Gangsterboss Thomas Shelby, den Cilian Murphy so brillant verkörpert.

          Der irische Schauspieler war Batmans Widersacher Scarecrow in Christopher Nolans Comic-Adaptionen. Für die BBC-Serie „Peaky Blinders - Gangs of Birmingham“ leiht er seine blauen Augen dem Kopf einer Bande, deren Markenzeichen eingenähte Rasierklingen in ihren Mützen sind. Ein falsches Wort, und der Griff zur Kappe gehört zum Letzten, was der geblendete Gegner sieht. Wenn er nicht stattdessen zusammengeschlagen oder über den Haufen geschossen wird.

          Mit richtiger Musik ist alles cool

          Mit Wettbetrug wurde die Verbrecherbande zur einer Macht, jetzt ist ihr eine Ladung Maschinengewehre der britischen Armee in die Hände gefallen: heiße Ware, nach der revolutionsbereite Kommunisten im Land ebenso gieren wie die IRA. Kriegsminister Winston Churchill (leider eher niedlich: Andy Nyman) schickt aus Belfast Polizeiinspektor Chester Campbell (Sam Neill mit Staubmantel und Schnauzer), die Waffen zu finden. Und gleich richtig aufzuräumen in der Stadt.

          „Peaky Blinders“, das ist so etwas wie „Downton Abbey“ aus den Slums oder britisches „Boardwalk Empire“, nicht so ausgefeilt wie das eine, nicht mit so viel Kawumm wie das andere. Es ist ein Gangsterepos als Epochendrama mit grandiosen Kulissen und Kostümen, optisch immer wieder aufgezogen wie ein Kinofilm (Kamera: George Steel). Dann sieht die Serie kurz aus wie ein Western. Fünf Minuten später schwelgt sie in Zeitlupen und flirrendem Gegenlicht wie ein Werbespot oder ein Musikvideo - aber diese Sequenzen gehören zu ihren besten. Denn der Soundtrack stammt nicht nur von Nick Cave, sondern auch von den White Stripes und Tom Waits. Da dürfen die Dialoge schon mal dürftig sein und die Handlung zäh. Es ist, wie wenn man mit der richtigen Musik auf den Ohren durch die Stadt läuft: Plötzlich ist alles cool.

          Eine solide Idee, schick aufgemacht

          Dabei strotzt die Story (Buch: Stephen Knight) vor Klischees: Thomas Shelby und Inspektor Campbell nehmen ihren Kampf auf, ein paar Nebenfiguren gehen über die Wupper, Churchill ruft an, und drei Frauenfiguren behaupten sich in der Männerwelt: die Patriarchin der Gangsterfamilie (Helen McCrory), Grace (Annabelle Wallis), das singende Barmädchen, das in Wahrheit Campbells Spionin ist und - wir ahnten es gleich - dem feschen Thomas bald lange Blicke nachwirft, sowie Ada (Sophie Rundle), die Schwester des Obergangsters, die mit dessen bestem Feind, dem Kommunisten Freddie (Iddo Goldberg) unter einer Decke steckt. Wo sie zwar nie ihr Unterkleid auszieht, aber eine ungewollte Schwangerschaft riskiert. Für Irrungen und Wirrungen ist also gesorgt, daneben entspinnt sich das Räuber-und-Gendarm-Spiel, inszeniert wahlweise als Dialog oder wohlchoreographierte Action mit buchstäblich schnellen Schnitten.

          Hoch zu Ross in den grauen Straßen der Stadt. Die Optik der Serie überzeugt.
          Hoch zu Ross in den grauen Straßen der Stadt. Die Optik der Serie überzeugt. : Bild: Sky

          Das alles wirkte fad, wäre es nicht so schick aufgemacht und läge dem Ganzen nicht eine solide Idee zugrunde: dass diese Männer nämlich fast ausnahmslos seelische Kriegskrüppel sind. Sie stecken immer noch knietief im Blut und Schlamm Flanderns, sie sind zu allem fähig - und zu nichts mehr. Am überzeugendsten spiegelt Cilian Murphys minimalistisches Spiel diese innere Verheerung. Das aber scheinen die Regisseure Otto Bathurst und Tom Harper allen Akteuren verordnet zu haben, mit dem Ergebnis, das sich streckenweise Ödnis über die Szenerie legt. Die britischen Zuschauer konnten sich dann über den vielkritisierten Pseudo-Slang mokieren, der in der Originalfassung alle ständig von „gons“ reden lässt. In der synchronisierten Version wartet man am besten auf den nächsten Musikeinspieler und nimmt das Ganze als eleganten optischen Tranquilizer.

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