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TV-Serie „Babylon Berlin“ : Krieg war gestern, heute ist Varieté

Nach uns die Sündenflut: In den Tingeltangel-Höhlen von Berlin tanzt die Partygesellschaft der zwanziger Jahre ihrem Untergang entgegen. Bild: dpa

Ein Triumph: Die Serie „Babylon Berlin“ holt die zwanziger Jahre ins Bildergedächtnis der Gegenwart. Dass Tom Tykwer ARD und Sky für dieses Projekt begeistert hat, ist fürs hiesige Fernsehen ein Segen.

          Irgendwann in den ersten Folgen dieser Serie fragt man sich, wann ihre Helden eigentlich schlafen. Zwar sieht man gelegentlich, wie einer von ihnen mit blaugeränderten Augen aus kurzem Schlummer oder tiefer Ohnmacht erwacht. Aber das ist die Ausnahme. Für die meisten Figuren von „Babylon Berlin“ sind die Nächte in der Reichshauptstadt nur die elektrisch erhellte Fortsetzung der Frühsommertage des Jahres 1929, in denen sehr viele Dinge auf einmal passieren: Eine kommunistische Maidemonstration wird von Polizeikräften im Blut erstickt; ein russischer Zug voller Giftgas und Gold rollt in den Anhalter Güterbahnhof ein; und der aus Köln entsandte Kriminalkommissar Gereon Rath verliebt sich in die polizeiliche Hilfskraft Charlotte Ritter.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die zweite wichtige Frage dieser Zwölfstundenreise in die Schlaflosigkeit wird erst im Lauf der Geschichte beantwortet. Was will Gereon Rath in Berlin? Er sucht etwas, das mit verbotenen Fotos zu tun hat, mit Pornographie und Erpressung; und er flieht vor etwas, das mit seiner Familie in Köln zu tun hat, mit dem Ersten Weltkrieg, der 1929 noch einfach „der Krieg“ ist, mit seinem Bruder und mit dessen Ehefrau, Raths Schwägerin. So wie auch Charlotte Ritter jeden Morgen vor ihrer Familie davonläuft, die in einem Hinterhof in Neukölln haust, ohne warmes Wasser und mit Licht nur nach Münzeinwurf.

          Zwei Nestflüchter kommen in „Babylon Berlin“ von weit oben und ganz unten aufeinander zu, und zwischen ihren Familienromanen liegen viele weitere, die sich zu einem Modellbaukasten der deutschen Gesellschaft in der Weimarer Republik ergänzen. Da ist der Sittenkommissar Wolter, Raths Vorgesetzter, der privat mit den Antidemokraten der Schwarzen Reichswehr paktiert und dessen Frau ihren Frust im Alkohol ertränkt. Oder der Industrielle Nyssen, der die Machenschaften der Republikfeinde deckt und insgeheim einer russischen Exilgräfin hörig ist. Da sind die Armenärztin Dr. Völcker und der Neurologe Dr. Schmidt, die auf verschiedenen Seiten der ideologischen Frontlinie stehen. Und da ist der deutschjüdische Polizeivizepräsident Benda, der wie die Verkörperung eines sterbenden demokratischen Preußentums wirkt, mondän, pedantisch, skrupulös, Villenbesitzer in Dahlem und Sammler expressionistischer Malerei.

          Was aber haben Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries, die die sechzehn Folgen von „Babylon Berlin“ gemeinsam geschrieben und gedreht haben, in dieser Welt verloren? Auch sie haben etwas gesucht. Es ist die verschwundene Weltstadt der zwanziger Jahre, das Berlin, in dem Döblin seinen Franz Biberkopf untergehen ließ, in dem Marlene Dietrich ihr Lola-Lied sang und Billy Wilder „Menschen am Sonntag“ drehte. Ihnen allen begegnet man in der Serie, teils als Filmzitat, teils, wie bei Döblin, als ständigem Bezugspunkt. Denn der Alexanderplatz, an dem Döblins Roman spielt und das Polizeipräsidium, die „Rote Burg“, residiert, ist bei Tykwer, Handloegten und von Borries kein Schauplatz unter vielen, sondern das Zentrum der filmischen Topographie. Das unterscheidet „Babylon Berlin“ von anderen Polizeiserien, in denen alle Fäden im Kommissariat zusammenlaufen. Hier finden die Ermittler keine Ruhe an ihren Schreibtischen, es zieht sie manisch hinaus ins grelle Dunkel der Stadt, und dabei kreuzen sie immer wieder den „Alex“, der 1929 eine riesige Baustelle ist, ein Ort im Transit, wie ganz Berlin.

          Um diese Kulisse zu beleben, haben die drei Regisseure ein Buch von Volker Kutscher auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. „Der nasse Fisch“, erschienen 2008, ist der erste von bislang sechs Berlin-Krimis, in denen Kutscher den Übergang von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus nachzeichnet – nicht anhand einer Politiker- oder Soldatensippe, sondern aus dem Blickwinkel eines gewöhnlichen Polizeikommissars, der wie sein Autor aus dem Rheinland stammt und dem Moloch an der Spree mit einer Mischung aus Faszination und Grausen begegnet. Der Unterschied zwischen Kutschers Gereon-Rath-Romanen und anderen historischen Berlin-Thrillern wie etwa den Bernie-Gunther-Stories des Schotten Philip Kerr liegt darin, dass Kutscher seine Fiktionen in die Zeitgeschichte einarbeitet. Seine Daten und Fakten sind historisch exakt, seine Ortsangaben auch.

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