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Serie über Missbrauch-Skandal : Du bist jetzt meine Nutte

Holly (Molly Windsor) wird vergewaltigt, wieder und wieder. Aber die Polizei glaubt ihr nicht. Der Sex sei „einvernehmlich“, sagen die Täter. Bild: © BBC

Die Serie „Three Girls“ handelt von einem Skandal, der England erschüttert: Junge Mädchen werden über Jahre immer wieder vergewaltigt und sexuell missbraucht. Polizei und Behörden tun nichts, aus Angst, man werfe ihnen Rassismus vor.

          Holly ist erst fünfzehn, als sie einem Verbrechen zum Opfer fällt, das heute unter dem Begriff „Grooming“ firmiert – und für das Mädchen ein jahrelanges Martyrium bedeutet. Mit Grooming ist nicht etwa Körperpflege gemeint, wie das Wörterbuch übersetzt, sondern die arglistige Täuschung erwachsener Männer, die sich mit Flirts und Geschenken das Vertrauen Minderjähriger erschleichen, um sie dann zu missbrauchen, gefügig zu machen und mit Gewalt zum Schweigen zu bringen.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mehreren hundert Mädchen ist es in den vergangenen Jahren in Großbritannien ergangen wie Holly. Die Namen der Städte, die Schauplatz dieser Verbrechen im großen, organisierten Stil wurden, haben sich ins Bewusstsein eingebrannt: Rotherham und Rochdale, Newcastle, Manchester, Oxford. Nur dem Mut von Opfern wie Holly und Sozialarbeitern wie Sara, die sich dem Schweigekartell der Behörden widersetzten, ist es zu verdanken, dass die Taten – nach Jahren – ans Licht kamen.

          Wie es überhaupt dazu kommen konnte und warum die Delikte nicht viel früher aufgedeckt und geahndet wurden, das erzählt am Schicksal dreier Opfer die preisgekrönte BBC-Miniserie „Three Girls – Warum glaubt uns niemand?“. Sie beruht auf langjährigen Recherchen unter anderem der Autorin Nicole Taylor, die für ihr Drehbuch größtenteils auf Aussagen aus Verhörprotokollen und Prozessakten zurückgegriffen hat. Das Ergebnis sind knapp drei Fernsehstunden, die man in Wahrheit niemandem empfehlen möchte.

          Niemand schenkt ihnen Glauben: Amber (Ria Zmitrowicz), Holly (Molly Windsor) und Ruby (Liv Hill, von links) sind ihren Vergewaltigern schutzlos ausgeliefert.

          Zu unerträglich, ja ungeheuerlich ist das, was da rekonstruiert wird. Dabei hat sich die Regisseurin Philippa Lowthorpe für einen nüchtern-dokumentarischen Stil entschieden, der ihrer Serie jeden reißerischen Zug nimmt. Gerade der Umstand aber, dass wir es nicht mit einer Fiktionalisierung zu tun haben, sondern mit der möglichst getreuen Umsetzung jener dramatischen Ereignisse in Rochdale zwischen 2008 und 2012, macht „Three Girls“ so niederschmetternd. Weil der Film schonungslos offenlegt, wie ein grausames Verbrechen an Minderjährigen mitten in der Gesellschaft geschah und jahrelang von den zuständigen Behörden gedeckt wurde – aus Ignoranz und falscher Rücksichtnahme, aus Schlamperei, Inkompetenz und aus Furcht, als rassistisch zu gelten.

          Holly (Molly Windsor) ist gerade erst mit ihrer Familie nach Rochdale gezogen, eine gesichtslose Stadt im Norden des Landes, als sie die Schwestern Amber (Ria Zmitrowicz) und Ruby (Liv Hill) kennenlernt. Bei Holly zu Hause ist die Stimmung am Tiefpunkt, denn der Umzug der fünfköpfigen Familie geschah nicht ganz freiwillig. Die Eltern stecken in finanziellen Problemen und sind zu sehr mit sich beschäftigt, um rechtzeitig zu bemerken, in was ihre älteste Tochter sich gerade verstrickt.

          Nur bei der Sozialarbeiterin Sara (Maxine Peake, zweite von rechts) finden die Mädchen Gehör.

          Die langen Nachmittage verbringen die Mädchen, nachdem sie ihre dunkelblauen Schuluniformen gegen T-Shirt und Minirock getauscht haben, immer öfter beim Takeaway-Imbiss an der Hauptstraße, der von Pakistanern geführt wird. Der Besitzer erscheint so gutmütig wie sein Spitzname „Daddy“: Er spendiert Döner und lässt die Mädchen bei sich chillen und Musik hören. Auch Alkohol schenkt er aus, erst Bier, später Gin und Schnaps, am Ende nur noch flaschenweise. Als Daddy eines Tages Holly bittet, ihm in ein anderes Zimmer zu folgen, ahnt sie noch immer nicht, was ihr bevorsteht. „Warum?“, fragt sie nur ein wenig skeptisch, dann folgt sie ihm und kann sich kaum wehren, als er sich auf sie stürzt. Zu betrunken ist sie. Das sei der Deal, sagt Daddy: Sex gegen Geschenke. Und wenn sie mit anderen darüber spreche, werde er sie umbringen: „Du bist jetzt meine Nutte.“

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