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Neue Serie „Die Pest“ : Durch sämtliche Kreise der Hölle

Sie handeln, huren, morden, rauben und intrigieren: In „Die Pest“ kämpft jeder ums Überleben. Bild: Sky Atlantic

Opulente Serien kommen auch aus Spanien: „Die Pest“ ist die Geschichte eines Ketzers, der durch Sevilla irrt, wo die Seuche wütet. Er soll im allgemeinen Sterben eine Mordserie aufklären.

          Wenn es um die Pest geht, sieht das traditionelle Erzählmodell aus Florenz folgendermaßen aus: Nichts wie raus aus der verseuchten Stadt in ein schmuckes Landhaus, wo man einander mit heiteren Geschichtchen kultiviert die Zeit vertreibt, bis der lebens- und zivilisationsfeindliche Spuk hoffentlich vorbei ist. Eigentlich verwunderlich, dass noch kein Fernsehsender das Potential von Bocaccios „Decamerone“ aus dem vierzehnten Jahrhundert für eine Serie von mindestens hundert eskapistischen Folgen erkannt hat, zahlreichen Kinoadaptionen zum Trotz. Vielleicht ist die Seuche bei dem Renaissancedichter einfach zu weit weg für ein Publikum, dem Weltuntergangsschlachten und Zombieapokalypsen wie in „Game of Thrones“, „Westworld“ oder „The Walking Dead“ vor Augen stehen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Allzu viel Distanz muss man in „Die Pest“ dagegen nicht fürchten – aber auch keinen Abstieg in die Tiefen eines plumpen Historienschinkens, der effekthascherisch durch Tod und Verderben watet. Die sechsteilige spanische Fernsehserie des Regisseurs Alberto Rodríguez, die nun bei uns auf Sky anläuft, will das Prime-Time-Potential des schwarzen Todes mit raffinierteren Erzähltechniken ausschöpfen – und mit Bildern von cineastischer Opulenz. Als zunächst unsichtbarer Star eines sechsstündige Ausstattungs-, Kulissen- und Kostümspektakels wütet die Epidemie erst in den Slums, dann hinter den Mauern Sevillas im Jahre 1597. Wir folgen einem Ketzer – also einem Mann der Zukunft – auf seinen verschlungenen Pfaden zwischen Kriminalhandlung und Inquisitionshistorie, Verschwörungsgeschichte und Coming-of-age-Story durch das Gewühl der Stadt.

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          Wie es sich für ein prachtvolles historisches Fernsehepos gehört, lernen wir die männliche Hauptfigur – den wegen des Drucks verbotener Schriften der Ketzerei bezichtigten Mateo (Pablo Molinero) – in einem Bordell kennen. Seinem Schützling, dem Lumpen sammelnden „Bastard“ Valerio (Sergio Castellanos) begegnen wir zuerst bei der Besichtigung grausam von der Beulenpest gezeichneter Leichen. So weit zum Gang alles Fleischlichen auf dieser barocken Bühne der Vanitas: Rodríguez zeichnet Sevilla als grausam-kosmopolitisches Welttheater, in dem Menschen verschiedener Hautfarben und Zungen ums Überleben kämpfen. Sie handeln, huren, morden, rauben und intrigieren. Kinderarbeit, Sklaverei und das Gold aus der Neuen Welt bilden das ökonomische Rückgrat einer Gesellschaft, in der sich jeder selbst der Nächste ist und das Elend der meisten in atemberaubendem Gegensatz zum Reichtum weniger steht. Und natürlich schreiten wir an der Seite unseres Helden sämtliche Höllenkreise ab, durch finstere Kaschemmen und Verliese bis hinauf an die Tafeln der Mächtigen – und zurück.

          Mateo wagt sich nur eines gegebenen Versprechens wegen wieder nach Sevilla, wo ihm der Scheiterhaufen droht. Er will den Sohn eines Freundes retten, ebenjenen Valerio, der schon weiß, was die Herrschenden noch zu vertuschen versuchen: dass die Pest in der Stadt ausgebrochen ist. Ein seltsamer Junge von vierzehn Jahren ist dieser Valerio, der seine Kleider auf links gewendet trägt, um den Tod zu täuschen, der in einer Höhle haust, von Amerika träumt, kaum spricht und den alle fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Mateo indes kann sich aus den Fängen der Inquisition, die bald wieder nach ihm greift, nur befreien, indem er für sie die Hintergründe einer mysteriösen Mordserie erhellt – als gäbe es nicht schon genug Leichname zu beerdigen. Nun also auch noch solche, die mit dem Zeichen des Teufels markiert sind.

          Historiker dürften, wie stets bei solchen Filmen, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber darauf kommt es nicht an, allein die innere Stimmigkeit zählt. Nach der ersten Folge von „Die Pest“ – mehr war vorab nicht zu sehen – steht fest: In Sachen optischer Brillanz und Kohärenz muss sich dieses Prestigeprojekt der spanischen Telefónica-Gruppe nicht hinter Serien von Netflix und HBO verstecken. Ein Etat von zehn Millionen Euro zahlt sich aus, wenn sie einem Könner wie Rodríguez in die Hände fallen, der computergestützte Totalen und aus nächster Distanz gefilmte Details kunstvoll zu einem erdfarbenen Ganzen verbindet, das an die Genremalerei eines Murillo erinnert – nur viel, viel schmutziger, roher und grausamer.

          Es dauert, bis die Figuren vor diesem von Komparsen wimmelnden Hintergrund an Kontur gewinnen. Ob der an den Haaren herbeigezogene Plot (Buch Rafael Cobos), dessen Intrigenpart auch die „Sopranos“ erfreut haben könnte, dabei hilft, wird sich zeigen. Der Erfolg der Serie in Spanien – die zweite Staffel ist schon angekündigt – könnte sich auch der Tatsache verdanken, dass in „Die Pest“ das Ganze mehr zählt als der Einzelne. Dieses Ganze hat einen anderen Charakter als die amerikanischen Serien, und es hat viel zu bieten: Macht, Sex, religiösen Wahn und politische Korruption, dazu eine unkontrollierbare Epidemie und als Überbau das sich seinem Ende zuneigende Goldene Zeitalter Spaniens. Jede Menge Stoff also, um sich zurückzuziehen und die Zeit zu vertreiben.

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