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Serie „Odysseus“ auf Arte : Gebt mir den Lotus!

Seit 20 Jahren wartet Penelope (Caterina Murino), Königin von Ithaka, auf die Heimkehr ihres Mannes Odysseus. Ihr Sohn Telemachos und Laertes (Carlo Brandt, li.) und Mentor unterstützen sie, aber wie lange kann sie die Freier noch abwehren? Bild: © Armanda Claro

Grieche im Adamskostüm: Arte macht „Odysseus“ platt, während die Serie verzweifelt darum bemüht ist, alte Mythen für die Gegenwart holzschnittartig wieder salonfähig zu machen.

          Eigentlich ist die Idee nicht schlecht, aus der Odyssee eine Fernsehserie zu stricken. Im griechischen Götterhimmel geht es ohnehin zu wie in der Seifenoper, die Irrfahrten des listigen Odysseus bieten Stoff genug für eine unterhaltsame Räuberpistole in Fortsetzung, und nebenbei könnte der Zuschauer ein bisschen Antike inhalieren. Das perfekte Projekt also für einen europäischen Kulturkanal wie Arte, möchte man meinen, und dass richtig etwas daraus hätte werden können.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch nun das: Kulissen wie aus einem Themenpark, dazwischen Schauspieler, wahlweise gehüllt in Grobleinernes (Krieger, Sklavinnen), Tiefausgeschnittenes (Königin, Priesterinnen) oder gleich in nichts (knackige Krieger in Rückenansicht, noch knackigere Sklavinnen in Vorderansicht), die abwechselnd Sätze sagen wie: „Odysseus lebt, so sagten mir die Götter“, „Hör auf, du nervst mit deinen Göttern“ oder, wenn ein archaischer Heros wieder mal eine Frau an den Haaren zur Orgie zerrt: „Die hat’s drauf.“ Willkommen auf Ithaka im 8. Jahrhundert vor Christus, wie Regisseur Stéphane Giusti und die Drehbuchautoren Frédéric Azémar und Frédéric Krivine es sich vorstellen.

          “Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes“, heißt es bei Homer, doch die einzige Muse, die für die französische Fernsehproduktion ihre Lippen spitzte, muss die der schlechten Telenovela gewesen sein - begleitet wohl von der Göttin des schmalen Budgets. Denn obwohl die Serie „Odysseus“ heißt, erzählt sie nichts von zwanzig Jahren voller Abenteuer auf See, die der König von Ithaka nach dem Trojanischen Krieg erlebt - denn das hätte wohl die Produktionskosten in sagenhafte Höhen getrieben.

          Stattdessen bleibt Arte für zwölf von Homer „inspirierte“ Folgen à 45 Minuten daheim bei Penelope (Caterina Murino), die bekanntlich lieber endlos an einem Leichentuch webte, statt ihren Mann für tot erklären zu lassen und den - in der Adaption ohnehin schwulen - Anführer der nicht nur throngierigen Soldateska zu ehelichen.

          Das beißt sich: Alte Mythen in der Gegenwart

          Mit der legt sich Odysseus-Sohn Telemachos (Niels Schneider) an, seines Zeichens ein kriegerischer Totalausfall mit marmorstatuengleichem Olympionikenkörper, den wir bei der Öldusche bewundern dürfen. Später wird ihm die schönste aller trojanischen Sklavinnen (Karina Testa) bei der Körperpflege zur Hand gehen und dann - genau. Macht nichts, dass auch sie an den Haaren ins Schlafzimmer geschleppt wurde, hier beginnt die große Liebesgeschichte, die der Vorlage fehlt und sie wohl serienkompatibel machen soll.

          Denn Figuren aus jahrtausendealten Mythen sind eigentlich nicht anschlussfähig. Getrieben von Sonderbarkeiten wie dem Willen der Götter oder dem Schicksal - das versteht heute kein Mensch mehr, das muss irgendwie übersetzt werden. Doch bei Stéphane Giusti treiben die teilmodernisierten Charaktere zwischen schwülstigen oder dürftigen Dialogen und Gelegenheiten, einander mit Waffen und Leibern anzufallen. Und das ohne den Pomp und Bombast oder die schauspielerischen Leistungen, die das Ganze trotzdem sehenswert machen könnten.

          Lotusblüten für das Vergessen

          Bis der Titelheld auftaucht, vergehen vier Folgen, vielleicht nimmt die Geschichte dann ja noch Fahrt auf. Bis dahin ist sie einfach nur langweilig. Den Schauspielern kann man das kaum zum Vorwurf machen. Was soll die Vierte der italienischen Miss-Wahl von 1996, das Bond-Girl von 2006, Caterina Murino, als Penelope in diesem Setting auch anderes tun, als ihr Dekolleté vor sich her zu tragen? Dafür wurde sie gecastet. Und Nachwuchsschauspieler Niels Schneider für sein griechisches Ganzkörperprofil. Allein Joseph Malerba bringt als Mentor ein bisschen Leben ins Spiel.

          Doch es nützt nichts. Nach zweieinviertel Stunden „Odysseus“ - Arte sendet die Serie in Dreifachfolgen -, will man nur noch eines: sofort ein ganzes Bündel dieser Lotusblüten verschlingen, die der Listenreiche auf seiner Irrfahrt kennenlernte. Denn die machen alles, alles vergessen.

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