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Serie „Babylon Berlin“ : Sie bitten zum Tanz auf dem Vulkan

Bevor alles zu Asche und Staub zerfällt: Auf den Bühnen Berlins geht es hoch her. Bild: obs

Da ist sie, die erste deutsche Serie für die ganze Welt: In der Hauptstadt feiert „Babylon Berlin“ Premiere. Kann das Gemeinschaftsprojekt von ARD und Sky halten, was es verspricht?

          Nun ist sie endlich da, die erste deutsche Serie, die mit nationalem Erbe prunken will wie „The Crown“ und den großen Sprung aus der Fernsehprovinz ganz nach vorne auf die internationale Serienbühne schaffen will. Und bei der Weltpremiere von „Babylon Berlin“, die am Donnerstag im Berliner Ensemble gefeiert wurde, verrutschten gleich so manchem ein wenig die Kategorien vor Begeisterung darüber, dass hier Großes auf den Weg gebracht werden soll.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn womit kann Deutschland wuchern, was blieb im Fernsehen bislang unterbelichtet? Berlin natürlich, die goldenen Zwanziger, die Stadt als brodelndes Kulturlabor und Epizentrum einer wankenden Republik: „Dreigroschenoper“, „Berlin Alexanderplatz“, Bubikopffrisuren, „Metropolis“, Dada, Bauhaus, Charleston, Straßenschlachten, Lumpenproletariat, Kriegsversehrte, Weltwirtschaftskrise, Lunapark – der letzte Tanz auf dem Vulkan, bevor die Nationalsozialisten aufmarschierten.

          Ermittelt in einem mysteriösen Fall, der immer weitere Kreise zieht: Der Kölner Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch).

          Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) redete sich auf der Premierenbühne denn auch gleich fast um Kopf und Kragen, als er schwärmte, heute sei Berlin ja fast wieder da, wo es damals gewesen sei – womit er wohl meinte, die Stadt sei so wunderbar kreativ, nicht so verelendet und von Radikalisierung bedroht wie im Jahr 1929, in dem die ersten Folgen von „Babylon Berlin“ spielen.

          Auf dem Weg nach oben oder ganz unten: Die Stenotypistin Lotte (Liv Lisa Fries)

          Millionenbudget, Bestsellervorlage, Starregisseur

          Die Serie steht für einen beispiellosen Willen zum Erfolg: Erstmals haben sich ARD, deren Filmtochter Degeto und Sky zusammengetan, dazu kamen die Produzenten X-Filme und Beta Film. Die große Koalition aus öffentlich-rechtlichem und Bezahlfernsehen sorgte für ein Budget von rund vierzig Millionen Euro, zu dem die Filmförderungen kräftig beisteuerten. Als Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten treten Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries auf. Sie inszenieren die Romanreihe „Babylon Berlin“ von Volker Kutscher: Bestseller-Krimis um den jungen Kölner Kommissar Gereon Rath in der Hauptstadt. Volker Bruch verkörpert ihn. Gedreht wurde in Deutschland, auf Deutsch, auch darauf ist man stolz und schreibt schon an der dritten Staffel, noch bevor die erste Mitte Oktober auf Sky und 2018 im Ersten auf Sendung geht.

          Spielt sein ganz eigenes Spiel: Kommissar Bruno Wolter (Peter Kurth)

          Und wie ist sie nun, diese zur nationalen Aufgabe stilisierte Serie? Die erste Doppelfolge lässt hoffen, dass sie nicht enttäuscht. Von trotzkistischen Konspirationen gegen Stalin in Russland bis nach Neukölln reicht der Handlungsbogen. Unter ihm versammeln sich hemmungslose Partys in Tanzsälen, Blicke in Berliner Elendsquartiere, Menüs in verrucht noblen Restaurants, Gänge in Verhörzellen, Razzien in der frühen Pornofilmindustrie, Verfolgungsjagden, Gewehrsalven, Liebe und Verrat. Tykwer ist ein Meister darin, seinen Filmen Tempo und Rhythmus zu geben, er erklärt nicht viel, sein Berlin pulsiert, und es wirkt, bis auf wenige zu sauber computeranimierte Rekonstruktionen, vor allem: lebendig.

          Berliner Luft atmet vor allem einer

          Weil er Zeit hat – sechzehn Folgen zählt die erste Staffel – , gewinnen die tragenden Charaktere im Panoptikum langsam Kontur. Rath, ein hölzerner Typ, der nur mühsam das von der Front mit zurückbehaltenen Zittern verbergen kann, ist als Kommissar der Sittenpolizei hinter einem Erpresser her, der es auf Adenauer abgesehen hat. Als bettelarme Stenotypistin Lotte leuchtet Liv Liesa Fries, immer freundlich, munter und haferflockengesund, obwohl sie kaum zu beißen hat, die Nächte durchtanzt und nebenher als Prostituierte arbeitet.

          Wirklich Berliner Luft atmet aber nur einer: Peter Kurth als Raths Vorgesetzter Bruno Wolter. Gnadenlos verprügelt er Verdächtige beim Verhör, geht krumme Wege und ist doch einer, der zu bärbeißige Wärme ausstrahlt für einen schablonierten Finsterling. Über diese Type, das zeigt Kurth in jeder Szene, gäbe es noch viel mehr zu erzählen. Vielleicht hat sich „Babylon Berlin“ in seiner Hauptfigur geirrt? Es wird sich zeigen. Der Tanz hat noch nicht begonnen.

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