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„Marvel’s The Defenders“ im TV : Okay, dann gehen wir mal die Welt retten

Die etwas anderen Superhelden: Krysten Ritter, Finn Jones, Charlie Cox und Mike Colter (von links) wirken als „The Defenders“ in Zivil fast normal. Bild: Netflix

Die Superheldentruppe „The Defenders“ war die B-Auswahl des Comic-Verlags Marvel. In der Fernsehserie sorgt nun besonders Krysten Ritter dafür, dass davon keine Rede mehr ist. Die vier räumen ab.

          Gruppen, Teams und Mannschaften, mit denen man im wirklichen Leben arbeiten muss, sind bekanntlich immer nur so leistungsfähig wie ihre inkompetentesten Mitglieder. Die findet man deshalb oft im Chefsessel, da sie ja im konkreten Geschäft, unter den Bodentruppen, mit ihrer Unfähigkeit zu viel Schaden anrichten würden. Gruppen, Teams und Mannschaften in der Kunst (sagen wir: als Rockband, Schauspielensemble oder Zirkustruppe) wiederum sind immer nur so interessant, das heißt: sehens- und hörenswert, wie ihre seltsamsten und eigensinnigsten Individuen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das gilt ganz besonders für Superheldenteams, bei denen ohnehin alles größer, breiter und schwerer sein muss als im Leben. Was wären die Avengers ohne den Schlingerkurs, auf dem Tony Stark alias Iron Man zwischen Alkoholismus und Ingenieurgenie durch sein unendliches Blechschaden-Epos eiert? Was wären die X-Men ohne den von unzähligen Kriegen, die er gesehen hat, heimgesuchten Berserker Wolverine? Auch die Defenders sind eins dieser Superheldenteams aus der Welt der Marvel-Comics, aber weder coole Außenseiter wie die X-Men noch ein internationales Donnerrollkommando wie die Avengers.

          Absolut perfekt besetzt: Krysten Ritter als Jessica Jones.

          Die Defenders sind Marvels B-Auswahl; wer immer seit den siebziger Jahren in der zentralen Charakterdatenbank des Verlags zwar wichtig, aber nicht unverzichtbarer Knotenpunkt eines Sozialdiagramms der Oberliga war, schloss sich früher oder später für ein Weilchen den Defenders an, von Daimon Hellstrom, dem Sohn des Satans, bis zum interstellaren Einzelgänger Silver Surfer. Weil Film, Fernsehen und Internetstreaming zurzeit alte und neue Superheldenheftchen fressen, als gäb es für sie keine andere Nahrung, gibt es auch die Defenders jetzt als Serie, bei Netflix, hier zusammengesetzt aus dem Metakataratekämpfer Iron Fist, dem blinden Akrobaten Daredevil, dem schwarzen Nachbarschaftsbeschützer Luke Cage und der hartgesottenen Detektivin Jessica Jones. Alle vier gab es schon in Soloserien, wie in der Kino-Eroberungsstrategie von Marvel Studios zunächst abendfüllende Dramen über Thor, Captain America und Iron Man lanciert wurden, um deren weitläufige Abenteuerlinien dann in „Marvel’s The Avengers“ (2012) zum Giga-Kommerzknoten zu schürzen.

          Die erste von acht Folgen „Marvel’s The Defenders“ beginnt mit einem Schwertkampf in Kambodscha, in der Kanalisation, und streckt sich gleich nach Kino-Schauwerten: Tony-Scott-Black-Rain-Tropfen-Rost, schweißkalte Fäuste, Matrixgrünleuchten und eine Stimme, die sagt, die Entscheidungsschlacht, die sich da ankündigt, sei nicht diesem Ort bestimmt, sondern werde in New York City ausgetragen.

          Superschurkin. Sigourney Weaver spielt in „The Defenders“ eine Ikone teuflischer Eleganz und perfider Willensstärke.

          Die vier Defenders sind New Yorker mit Leib und Seele, der stilisierte Serienvorspann zeigt auf ihren Leibern die Straßenverläufe der Stadt wie Adern, Narben oder Muttermale. Atmosphärisch und tonal orientiert sich „Marvel’s The Defenders“ an der „Daredevil“-Netflix-Show und ist damit gut bedient: Die sanfte Anlehnung jener Serie an Christopher Nolans Bild- und Soundsprache, der leicht batmanisierte Protagonist und dessen ausgezeichneter Darsteller Charlie Cox, der als Anwalt genauso einleuchtet wie im roten Kostüm, sind kein schlechter Ausgangspunkt. Auch aus der streamerprobten Luke-Cage-Serienbearbeitung und der Film-noir-Hommage, als die man bei Netflix die Geschichte von Jessica Jones aufgefasst hat, wird das Beste in die Teamshow rübergezogen. Das gilt bestimmt auch für den vierten im Bunde, „Iron Fist“, bloß weiß der Rezensent nicht recht, was daran das Beste war, weil er die erste „Iron Fist“-Staffel zwar, als unheilbarer Marvel-Zombie, brav angeschaut, aber leider sofort wieder vergessen hat.

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