http://www.faz.net/-gsb-8umm7

Neue Arte-Serie „Jimmy Rose“ : Der verlorene Großvater kehrt zurück

  • -Aktualisiert am

Nach zwanzig Jahren im Knast findet sich Jimmy Rose (Ray Winstone) in der freien Wildbahn nicht so leicht zurecht. Bild: © ITV Studios Limited/GroupM

Nicht noch so eine Geschichte vom Gangster mit gutem Herzen wolle man sehen, fanden Kritiker in Großbritannien. Dann kam die Serie „Die Bewährung des Jimmy Rose“, und sie mussten Abbitte leisten.

          Eine Menge studiert habe er im Gefängnis, Physik beispielsweise. Newton im Besonderen. „Auf jede Aktion folgt eine Reaktion“, das sei eben nicht nur ein Naturgesetz, sondern seine lebenslange Handlungsmaxime. „Hat mir eine Menge Ärger eingebracht“, resümiert Jimmy Rose (Ray Winstone) illusionslos, aber ohne Resignation. Zwölf Jahre Haft nach bewaffnetem Raubüberfall, vorher schon einmal zehn. Zweiundzwanzig Jahre weggesperrt. Nun ist Jimmy Rose einundsechzig Jahre alt, einigermaßen fit, Gangster und Großvater, auf Bewährung entlassen und will als Familienoberhaupt da an sein Leben anknüpfen, wo er es verlassen musste. Seiner Bewährungshelferin Kerry Irvin (Pippa Bennett-Warner) kann er nichts vormachen, sie kennt ihre Klientel und baut nicht darauf, dass er auf seine alten Tage gesetzestreu wird. Fallstricke gegen den guten Willen gibt es überall. Einige reichen aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein, einige haben sich in der Zwischenzeit geknüpft. Die Welt ist nicht mehr so, wie sie war, auch wenn Jimmy Rose der Alte geblieben ist und die uralte dünne Jacke aufträgt, in der er friert und die aussieht wie aus einem Film des Sozialkritikers Ken Loach oder einem Roman des Schotten Ian Rankin.

          Jimmy Roses abgetragener Kleinkriminellenlook passt nicht mehr in seine Familie. Haus wie Ehefrau haben eine elegante Verwandlung durchgemacht. Nur der Billardraum ist unangetastet geblieben. Seine Tochter Julie (Charlotte Randle) scheint depressiv, Enkeltochter Ellie (Montanna Thompson) lebt mit einem Junkie. Enkelsohn Elliot (Jadon Carnelly- Morris), ein Kind mit viel Durchblick, scheint als Einziger bereit, dem Großvater noch zu vertrauen. Sohn Joe (Tom Cullen) ist Immobilienunternehmer mit gehobenem Lebensstil. Er will seine aparte Frau Maria (Leticia Dolera) und seine kleinen Kinder vom Großvater fernhalten.

          Jimmy, besserungswillig und mit Nachholbedarf an guten Taten, versucht sich als Verkäufer im Baumarkt und kämpft mit den Tücken des Alltags. Auf Smartphones sucht er die Tasten, Kneipen und Restaurants existieren nicht mehr, sein schicker BMW hat den Geist aufgegeben, einfach wird es also nicht werden. Manche Dinge aber sind so einfach, dass sie sich nie ändern. Jimmy liebt Jacky (Amanda Redman). Seit er neun war, hatte er Augen nur für sie. Er, der den größten Teil des Lebens seiner Kinder nicht für sie da war, hat immer noch Familiensinn für zwei. Kriminell wird er nur wieder, um seine heroinabhängige Enkelin aus den Fängen der organisierten Drogenhändler zu befreien. Die Privatmoral ist intakt. Mit Drogen hatte Jimmy prinzipiell nie was am Hut, er war immer nur auf schöne blanke Scheine aus. Die Geldwäsche mit spanischen Immobilien hat Schwager Roy (Paul Jesson) allerdings gründlich vergeigt. Dafür kümmert er sich jetzt rund um die Uhr um den Haftentlassenen, was seiner energischen Frau Sue (Marion Bailey) missfällt: „Bist du wieder Mantelträger? Roy, das ist nicht der Pate.“

          Zärtliche Familiengeschichte

          Mit jeder gutgemeinten Aktion scheint Jimmy seine Familie wieder reinzureiten. Lakonisch erzählen Alan Whiting (Buch) und Adrian Shergold (Regie), und die Kamera von Tony Slater Ling findet Bilder, die die kühle Anschaulichkeit mit dem Ausforschen von Räumen und Gesichtern verbinden. Jimmys alter Gegenspieler Tony Chivers (Mel Raido) arbeitet jetzt für den reichen Biedermann Mehmet Guzman (Akin Gazi). Jimmys Plan: ein Job nur, um Ellies Drogenschulden zu bezahlen. Eine Faust nur, die im Gesicht des Nebenbuhlers landen darf, denn seine Frau hat eine Affäre. Aktion und Reaktion als schiefe Ebene. Aber in „Die Bewährung des Jimmy Rose“ kommt manches anders, als man denkt. Die dreiteilige Miniserie, die Arte hintereinanderweg zeigt, ist, genauer betrachtet, noch nicht einmal ein Krimi. Sie ist vielmehr eine äußerst zärtliche Familiengeschichte mit einem durch eigene Schuld dauerabwesenden Vater im Mittelpunkt. Und eine anrührende Liebesgeschichte mit einem Paar, das sich einmal sehr, sehr nahe stand. Ray Winstone und Amanda Redman, die schon in „Sexy Beast“ ein Ehepaar verkörperten, spielen dieses Paar fabelhaft.

          Angefangen von den „Sopranos“ bis zu „Breaking Bad“: Verbrechen aus der Alltagsperspektive sind nicht gerade ein brandneues Seriensujet. „Noch einen Berufskriminellen mit goldenem Herzen“ wolle man nicht sehen, stöhnte der „Guardian“ 2015 entnervt, als „Die Bewährung des Jimmy Rose“ in Großbritannien beim Sender ITV lief (der uns auch „Broadchurch“ beschert hat). Um sich umgehend zu entschuldigen: „Schlichtweg glänzend“ („utterly splendid“) sei „The Trials of Jimmy Rose“ (Originaltitel). Das Wort „Trials“ schillert - sein Bedeutungsspektrum reicht von Prüfung, Probezeit, Belastung bis zu Stresstest und Gerichtsverhandlung. Genauso vielfältig wie das englische Wort schillert die Miniserie. Es könnte sein, dass man sich Jimmy Rose am Ende seiner Ab- und Irrwege als glücklichen Menschen vorstellen muss.

          Die Bewährung des Jimmy Rose, an diesem Donnerstag um 20.15 Uhr bei Arte. 

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Eine Bühne, 5 Präsidenten Video-Seite öffnen

          Vereinigte Staaten : Eine Bühne, 5 Präsidenten

          Barack Obama, George W. Bush, dessen Vater George, Bill Clinton und Jimmy Carter waren in College Station in Texas zusammengekommen, um gemeinsam mit Künstlern Geld zu sammeln. Damit soll den Opfern geholfen werden, die durch die verheerenden Stürme der letzten Monate geschädigt wurden, 31 Millionen US-Dollar kamen zusammen.

          Topmeldungen

          Martin Schulz (rechts) mit dem designierten SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil

          Martin Schulz unter Druck : Vorsitzender auf Abruf

          Die SPD akzeptiert die Personalpolitik ihres Vorsitzenden nur mit Zähneknirschen. Für Martin Schulz wird der Weg bis zum Bundesparteitag im Dezember steinig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.