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Veröffentlicht: 17.07.2017, 18:05 Uhr

Serie „Friends from College“ Früher war mehr Freundschaft

In „Friends from College“ wühlt sich Netflix durch das Beziehungs-Wirrwarr einer alten College-Clique. Trotz guter Hauptdarsteller sollte man nicht zu viel erwarten.

von Matthias Hannemann
© David Lee/Netflix Lisa (Cobie Smulders, links) und Sam (Annie Parisse, rechts) im Duett.

Das Tempo, mit dem Netflix eine Eigenproduktion nach der nächsten raushaut, ist beeindruckend. Und es sieht kaum danach aus, dass der Streaming-Dienst seinen guten Ruf verspielen würde, wenn man aus den Neuerscheinungen des Jahres 2017 die gelungenen durchgeht: Die Zombie-Komödie „Santa Clarita Diet“ zum Beispiel oder das herausragende Teenie-Drama „Tote Mädchen lügen nicht“. Doch nicht alles, was Netflix anfasst, wird Gold. „Gypsy“ beispielsweise, eine Psychoserie mit erotischem Touch, die nicht von der Midlife-Crisis einer Therapeutin handeln will, die ihre sexuelle Orientierung wechselt, und doch von wenig anderem handelt, bleibt trotz der engagierten Hauptdarstellerin Naomi Watts bis zur letzten Folge mittelprächtig.

Auch die Beziehungskomödie „Friends from College“, die sich an eine ähnliche Zuschauergruppe richtet – um die vierzig, vornehmlich weiblich –, bleibt als humoristisches Zimmerfeuerwerk so weit unter den Erwartungen, dass die Wettbewerber für einen Moment durchatmen können. Originelle Drehbücher kann selbst Netflix nicht auf Knopfdruck bestellen.

© Netflix Trailer: „Friends from College“

Man sollte sich allerdings auch nicht vertun: „Friends from College“, entwickelt von Nicholas Stoller, ist bei allen Schwächen immer noch amüsantes Entspannungsfernsehen – was die Produktion den Hauptdarstellern verdankt, zwischen denen die Chemie einfach stimmt. Bekanntestes Gesicht ist die kanadische Schauspielerin Cobie Smulders, die in der CBS-Sitcom „How I Met Your Mother“ bis 2014 als Nachrichtenjournalistin Robin Scherbatsky zu sehen war.

Tête-à-tête an der Upper-Westside

Sie spielt in „Friends from College“ die Anwältin Lisa, eine patente Frau ohne Allüren, die ihren Gatten Ethan (Keegan-Michael Key) seit dem Studium kennt, aber nicht weiß, dass er seit langem eine Affäre mit der Innenarchitektin Sam (Annie Parisse) hat, die ebenfalls zur alten Harvard-Clique zählt und mit Mann und Kindern im fernen New York lebt. Sam und Ethan treffen sich zum Tête-à-tête gelegentlich in Hotels.

Mit der Szene ihres Zusammenseins beginnt „Friends from College“, Ethan und Sam haben ungelenk Sex. Wie das Leben so spielt, bekommen sie dazu bald öfter die Gelegenheit. Der Umzug von Ethan und Lisa an den Hudson River steht vor der Tür. Weshalb die Affäre offiziell für beendet erklärt wird. Das klappt ja bekanntlich sehr gut.

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In New York lebt allerdings nicht nur Sam, sondern auch der Rest der alten Truppe aus Harvard. Die Schauspielerin Marianne (Jae Suh Park) hat ein Klappsofa für Lisa und Ethan frei, bis eine Wohnung parat steht; sie müssen sich nur hin und wieder um ihr Kaninchen kümmern, was genauso gut funktioniert wie Ethans Vorhaben, Sam nicht mehr zu nahe zu kommen.

Partylaune und ein Schuss Melancholie

Der Literaturagent Max (Fred Savage) freut sich, mit seinem Schriftstellerkumpel Ethan intensiver an einem neuen Projekt arbeiten zu können; er muss Ethan nur noch eröffnen, dass sich irgendetwas mit Vampiren und „Badewannen-Momenten“ besser vermarkten lässt als ernste Literatur. Dazu kommt Lebemann Nick (Nat Faxon), ein unterhaltsamer Typ mit viel Geld und wechselnden Bekanntschaften; Lisa mag ihn recht gerne, während sie in einer Sexistenhölle namens Hedgefonds anfängt.

Die dortigen Sitten sind geschmacklos und derb. Gleich am ersten Tag zieht ein bemitleidenswerter Kollege blank. Doch der Humor von Ethan, Max und Nick ist im Grunde kaum besser, wenn die Jungs unter sich sind (zu Harvard-Zeiten planten sie eine Show namens „Monica Lewinsky – Das Musical“), und auch die ungleich gefestigter wirkenden Frauen sind in Partylaune nicht ohne. Wer solches nicht mag, sollte „Friends from College“ von der persönlichen Binge-Watch-Liste streichen.

Gleiches gilt für alle, die von den acht Folgen à dreißig Minuten eine turbulente Geschichte voller Überraschungsmomente erwarten. Die Handlung der ersten Staffel kreist allein um die Frage, wie sich die alte Affäre von Ethan und Samantha mit dem neuen Leben im Upper-West-Dunstkreis verträgt – und was aus Lisas Vorhaben wird, über eine künstliche Befruchtung, die komplexe Planungen und logistische Meisterleistungen verlangt, vielleicht doch noch Mutter zu werden. Das gibt der Serienkomödie „Friends from College“, die witzige Dialoge leider allzu oft durch reines Gehampel ersetzt, teils eine melancholische Note. Eine ausbaufähige Serie für Regentage, an denen nichts anderes läuft.

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