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ZDF kann Selbstironie : Das Wunder war wahr

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Landfrust: Die ZDF-Redakteurin Sybille Zarg (Eva Löbau) und Showman Sascha (Sascha Hehn) hoffen auf einen Blattschuss. Bild: ZDF / Christopher Aoun

Zackiger, rücksichtloser, witziger: Das ZDF setzt seine Serie „Lerchenberg“ fort. Ein großer Spaß – abgesehen von der Sendezeit.

          Ist das’n Wunder“ nuschelte einst Stephan Remmler, „dass mir da plötzlich klar war/ dass dieses Wunder wahr war?/ Oben auf’m Berg!“ Auf welchen Zauberhügel passte das besser als auf den Mainzer Lerchenberg, denn da, da, da sitzt das ZDF, bis heute – nicht ganz zu Unrecht – verschrien als U-Funk für Gebissverleger, doch seit einigen Jahren eine Wunderheilung durchlebend. An der eigenen Mütze haben sich die Mainzer ein Stück weit neu etabliert als Heimstatt schrägen Humors, woran nicht nur die „heute show“ und das Nischenprogramm von ZDFneo großen Anteil haben, sondern auch die ZDF-Nachwuchsredaktion „Das kleine Fernsehspiel“ mit ihrem TV-Labor Quantum.

          Letzteres war auch dafür verantwortlich, dass das ZDF zu seinem fünfzigsten Geburtstag im Jahre 2013 mit einer überraschenden Portion Selbstironie aufwartete, die man bei der ARD vergeblich sucht. In der Miniserie „Lerchenberg“, auf dem Mainzer Sendegelände selbst gedreht, sollte ein abgehalfterter, selbstverliebter, vollkommen untalentierter Sascha Hehn durch die junge ZDF-Redakteurin Billie Zarg (Eva Löbau) zurück auf den Bildschirm geholt werden. Natürlich musste das grandios scheitern, bot aber viel Anlass zu Witzen auf Kosten des Zweiten deutschen Beamtenparadieses. Der größte Gag nach der finalen Niederlage war die Ankündigung Hehns, dann eben auf das „Traumschiff“ zurückzukehren, als Kapitän – damals längst beschlossene Sache.

          Auf Zack gebracht

          Nun kehrt „Lerchenberg“ unter der Regie von Felix Binder (Drehbuch Niels Holle, Marc O. Seng, Felix Binder) mit einer zweiten Staffel zurück. Sie weist exakt dieselbe Handlung und dasselbe Kernpersonal wie Staffel eins auf: Neben Hehn, als Kapitän jetzt ein wenig chefiger, und der wieder schön ungeschliffen spielenden Eva Löbau sind das vor allem Stephan Kampwirth als praktikantinnenverschlingender Redaktionsleiter Berthold Bode, die zugehörige Blondine Judith (Cornelia Gröschel) und Billies Gegenspielerin Frau Dr. Wolter (Karin Giegerich). Und die Serie legt noch einmal extrem zu an Tempo und Frechheit. Was sympathisch handgestrickt erschien in der ersten Staffel, aber manchmal etwas durchhing, wurde gestrafft, aufwendiger produziert und mit Gaststars wie Antoine Monot Jr. („der Typ aus ,Hangover‘“) oder Pfleger Mischa aus der „Schwarzwaldklinik“ (Jochen Schröder) aufgewertet. Und es wird uns plötzlich klar, dass das Wunder wahr war: Das ZDF kann Selbstironie, auch da, wo es weh tut.

          So gilt hier als zweitsicherster Weg nach oben – an Bode vorbei – das richtige Parteibuch; die CDU lässt dafür Lutscher springen, ist aber trotzdem abgemeldet. Nicht einmal vor dem Mainzer Wehrmachtsspleen macht die Sitcom halt. Wir haben kurz den Eindruck, uns in „Unsere Mütter, unsere Väter“ verzappt zu haben, doch es ist natürlich wieder Sascha Hehn, der in Uniform zwischen den Bomben herumflitzt: im Einsatz als „Hitlers Hundeführer“ im gleichnamigen „ZDF Eventmovie“. Den Schwedenkrimi-Charakterdarsteller hat er da schon hinter sich, dafür musste er extra (weil die Schweden das verlangten; beim ZDF interessiere das längst niemanden mehr) einen zweiten Gesichtsausdruck lernen, und zwar – „die Ferres war auch schon da“ – beim Mimik-Coach Iris Berben, die dann doch alle Rollen, auch die männlichen, selbst wegschnappt. Selbst der Fall Doris Heinze, die ihrem Arbeitgeber NDR unter falschem Namen eigene Drehbücher und solche ihres Ehemanns untergejubelt hatte, wird aufgegriffen, dies freilich eher ein Seitenhieb auf den Konkurrenten. In der letzten Episode hat Jan Böhmermann seinen großen Auftritt, so groß, dass die Folge wie ein langer Einspieler des „Neo Magazins Royale“ wirkt.

          Vielleicht sind es denn doch etwas viele Witze der Sorte: Internetanschluss – beim ZDF? Aber das Buch trifft immer wieder ins Schwarze: „Die besten Ideen entstehen nun mal im freien Wettbewerb“, poltert Bode; „sagt ausgerechnet ein ZDF-Redakteur“, kontert Billie. Und lustig ist es schon, wenn das aus dem Safe des Programmdirektors entwendete „Quotengeheimnis“ aus „drei großen L“ besteht, wobei das dritte „L“ neben „Liebe“ und „Landschaft“ auch noch erraten werden muss, weil es im Eifer des Gefechts abgerissen ist: „Leichtverdaulich?“ „Lafer?“ „Landschulheim?“ „Leichenstarre?“ Den Vogel aber schießt die zweite Episode ab: Obwohl sie längst abgedreht war, ist darin fast wörtlich der trampelhafte Ausrutscher des bayerischen Innenministers mit dem „wunderbaren Neger“ Roberto Blanco enthalten. Hier ist es Hehn, der bald von Protestierenden mit Bananen beworfen wird, während ein betroffen dreinblickender Roberto Blanco („Er hat Neger gesagt“) seine Chance ergreift, die Autobiographie „Ein bisschen Schwarz muss sein“ in alle Kameras zu halten.

          Überragender Vorstoß des ZDF

          Man soll mit Titulierungen der Art „das deutsche xy“ vorsichtig sein, wie die Serie selbst deutlich macht, denn „Das deutsche ,Walking Dead‘“, „Spaziergang der Toten“, stirbt hier beinahe den sogar Untoten den Garaus machenden Quotentod. Und doch darf man sagen: „Lerchenberg“ hat sich gemausert zum deutschen „Episodes“. Die selbstbezügliche britische Erfolgsserie über das Serienfernsehen, in der „Friends“-Star Matt LeBlanc sich ganz ähnlich wie Sascha Hehn selbst spielt, überrascht sogar auch in jeder Staffel mit derselben Handlung. An die schauspielerische Qualität von Stephen Mangan und Tamsin Greig kommen die Darsteller von „Lerchenberg“ zwar nicht heran, aber für hiesiges Humorfernsehen ist der subversive ZDF-Vorstoß überragend. Mit Remmler gesagt: „Firlefanz, Feuer schlägt Funken/ Die Herzen glüh’n/ Lichtermeer, wo lodernde Flammen/ wie Blumen blüh’n“.

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