http://www.faz.net/-gsb-83kf9

„Im Knast“ bei ZDFneo : Und noch ein Käfig voller Narren

  • -Aktualisiert am

Die drei von der Haftstelle: Tristan Seith, Manuel Rubey und Denis Moschitto Bild: Stefan Erhard

Die neue Gefängnis-Sitcom „Im Knast“ bietet charmanten Gangsta-Klamauk mit Herz. ZDFneo, die Jugendstrafvollzugsanstalt des ZDF, beschert uns eine heilige Knackifamilie mit Jungfrau und Bauerntheater hinter Gittern.

          „Gefängnis ist wie Zoo“, doziert der schön schräge Gefängnisdirektor Dr. Kempers (Wilfried Hochholdinger), nachdem er sein Direktorenspray eingeschnüffelt hat: „Alle sitzen sie stumpf in ihren Käfigen, die Lemuren, die Hängebauchschweine und die hinterhältigen kleinen Erdmännchen. Und alle wollen sie nur eins: raus, raus, raus!“ Und weil Zoo wie Fernsehen ist, nur mit Geruch, und Fernsehen wiederum wie Gefängnis, nur mit Hirn- statt Fußfessel, sind Knastserien so beliebt, neuerdings auch in der Comedy-Variante. Kürzlich erst zeigte BBC Three die ziemlich komische Odd-Couple-Serie „Crims“, in der zwei ungleiche Freunde im Arrest landen. Und ZDFneo, die Jugendstrafvollzugsanstalt des ZDF, beschert uns jetzt die erste Staffel der Eigenentwicklung „Im Knast“. Im Mittelpunkt stehen drei liebenswürdige Idioten, die hinter Gittern zu besten Freunden wurden, sowie ihre Lieblingstherapeutin Nora (Marleen Lohse), die ans Gute im Menschen glaubt.

          Eine heilige Knackifamilie mit Jungfrau also. Auch sonst sind die Rollen klar verteilt: Das Sensibelchen unter den Insassen ist der ehemalige Sparkassenangestellte Manni (Tristan Seith), der ausrastete, als er seine Frau in flagranti mit dem eigenen Chef erwischte. Für die verstrahlten Dialoge ist „der Graf“ (Manuel Rubey) zuständig, ein Drogen wie Naschwerk konsumierender Immobilien-Hochstapler. Beide aber sind nur Sidekicks der eigentlichen Hauptfigur Erdem Azimut. Denis Moschitto spielt den gutherzigen türkischen Straßenmacho mit solcher Kleinkriminellen-Verve und solcher Lust am Was-guckst-du-Deutsch („Bei einem Russen sein Gehirn ist so groß wie ein Kolala“), dass der Rest – mit Ausnahme des Direktors – da einfach nicht mitkommt. Es ist eine perfekte Moschitto-Rolle, wie er sie ganz ähnlich schon in der überdrehtesten Episode der Ferdinand-von-Schirach-Serie „Verbrechen“ („Tanatas Teeschale“) innehatte.

          Bauerntheater hinter Gittern

          Die Handlung ist nicht weiter der Rede wert: Mal muss man sich mit der Russengang arrangieren, mal mit einer Drag-Queen, dann wieder mit Nora die Haftentlassung vorbereiten. Zu mehr als Situationskomik führt das selten, aber die ist doch oft recht lustig. Gleich zu Beginn nimmt etwa Oberrusse Ivan (Anton Levit) Erdem als Geisel, um Borschtsch-Tage in der Kantine durchzusetzen. Erdem: „Was ist das für ein beschissene Forderung? Sag doch Nutten. Sag, ich will Nutten, ja, oder ein Million Euros, ja, sag, du willst eine Helikopter nach Kubas“; Ivan, halb überzeugt, brüllt: „Ich will ein Borschtsch-Tag – und eine Million Nutten!“. Bemühter wirken die Running Gags: zum einen der ständig aus „Block C“ herübergrüßende Martin Semmelrogge, als Einsitz-Rekordhalter unter den deutschen Schauspielern ein gerngesehener Gast in allen Gefängnisserien von „Frauenknast“ bis zu „Promi Big Brother“, zum anderen die Gaststars aus der Ulkbranche von Anke Engelke über Wolfgang Trepper bis Serdar Somuncu.

          Die Sturm-und-Drang-Abteilung des ZDF bombardiert das Publikum gegenwärtig mit Sitcoms – und nein, sie sind noch nicht auf internationalem Niveau (vor allem im Vergleich mit englischen Produktionen), doch ja: sie werden immer besser. Eben erst lief die sehr gelungene Kurzserie „Eichwald“ über einen politikmüden Politiker; im Juni muss Alexander Schubert als gestresster Sternekoch in „... und dann noch Paula“ einigermaßen vorhersehbar mit einer plötzlich aufgetauchten Teenie-Tochter klarkommen, und im Juli katapultiert das Comedy-Schicksal die Kindergarten-Leiterin Cordula Stratmann über Nacht in die Lokalpolitik („Ellerbeck“). Vielleicht hat das alles mit einer Neuausrichtung des ZDF selbst zu tun, das seit dem immensen Erfolg der „heute show“ immer offener zum Schmunzelsender zu mutieren scheint. Was keine schlechte Idee sein muss.

          Die in der stillgelegten JVA Söhtstraße in Berlin-Lichterfelde gedrehte Knast-Serie (Produzent: Network Movie, Regie Daniel Rakete Siegel und Torsten Wacker) ist die slapstickhafteste der aktuellen Eigenproduktionen, aber damit auch die einförmigste. Weil die Charaktere hoffnungslos überzeichnet sind, drehen sich die Gags schnell im Kreis. Selbst das Durchbrechen der Stereotypien ist hier keine Überraschung, sondern wird polternd eingeleitet: Bauerntheater hinter Gittern. Aber dann purzelt wieder Denis Moschitto ins Bild. Und diesem niedlichen Gangster mit nicht allzu üppigem Verstand, aber dafür umso mehr Herz, kann niemand widerstehen, wenn er mit seinen Ideen um die Ecke kommt: „Wir haben Boxers, ja, die ziehen wir drei, vier, fünf Wochen an, und dann, wenn Aroma richtig ist, verkaufen wir sie Japan, ja. Japaner sind doch verrückt.“ Ein bisschen ist das auch das Konzept der neuen Sitcoms, und die Japaner sind wir.

          Weitere Themen

          Mussolinis Architektur als Welterbe?

          Griechische Insel Leros : Mussolinis Architektur als Welterbe?

          Die griechische Insel Leros will für ihre Architektur den Welterbestatus. Die dort gelegene Stadt Lakki wurde als Einheit im Stil des Rationalismus gebaut, sie entstand, als die Insel zu Italien gehörte.

          Topmeldungen

          Vereinigte Staaten : Wer kann Donald Trump besiegen?

          Sollen die Demokraten nach links rücken oder doch lieber die Mitte besetzen? Die Welt verfolgt gebannt den Ausgang des Richtungskonflikts in den Vereinigten Staaten. Nicht wenige hoffen auf eine Empfehlung des ehemaligen Präsidenten Obama.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.