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Europäische TV-Serien : In der Klasse der „Mad Men“

  • -Aktualisiert am

Ciro Di Marzio und Genny Savastano (Marco D’Amore (links) und Salvatore Esposito) in einer brenzligen Szene von „Gomorrha“ Bild: Betafilm

Die aufregendsten Serien Europas kommen zurzeit aus Italien. In Deutschland werden gute Drehbuchautoren händeringend gesucht: Fast alle Filmschulen sind noch auf die traditionelle Produktion von Filmen konzentriert.

          Sie wird jedes Jahr länger, die Liste jener Länder, in denen die gar nicht mehr allzu revolutionäre Revolution des Serienfernsehens angekommen ist. Während man dort, wo sie begann, in den Vereinigten Staaten, inzwischen eher darüber diskutiert, ob die besten Fernsehserien überhaupt noch im Fernsehen laufen oder nicht schon bei Netflix oder Amazon, kann man endlich auch in Europa sehen, wie sich die neue Art, Geschichten fürs Fernsehen zu erzählen, ausbreitet. Großbritannien oder Skandinavien gelten schon lange als erobert, auch aus Frankreich kamen zuletzt aufregende Serien. Aber die wohl interessanteste Entwicklung findet zurzeit in Italien statt.

          Elena Starace als Noemi und Salvatore Esposito als Genny Savastano in „Gomorrha“
          Elena Starace als Noemi und Salvatore Esposito als Genny Savastano in „Gomorrha“ : Bild: Betafilm

          Im vergangenen Jahr hatte die Mafia-Serie „Gomorrha“, die einen schonungslosen Einblick in die brutale Welt der Camorra bietet, international Begeisterung ausgelöst. Vor wenigen Tagen feierte „1992“ auf dem Bezahlsender Sky ihre europaweite Premiere, deren erste zwei Folgen bereits bei der letzten Berlinale große Anerkennung fanden. „1992“ erzählt von einem schicksalhaften Jahr für Italien, dem Jahr, als die juristischen Untersuchungen „mani pulite“ („saubere Hände“) begannen, die ein ungeheuerliches Netz von Korruption, Amtsmissbrauch und illegaler Parteienfinanzierung im ganzen Land aufdeckten. Italien wird bis heute vom tragischen Nachspiel der Ermittlungen bestimmt: dem unaufhaltsamen Aufstieg von Silvio Berlusconi.

          Großes Kino, große Literatur

          „1992“ ist eine tollkühne und großartig erzählte Serie. Wie auch schon „Gomorrha“ vor ihr, hat sie keine Angst, sich gnadenlos mit der eigenen jungen Geschichte auseinanderzusetzen, den Zuschauer mit komplexer Handlung und roher Gewalt zu konfrontieren und zu versuchen, dabei kunstvoll eine Tragödie zu erzählen, die nicht nur großes Kino ist, sondern vor allem: große Literatur. Wie ist das passiert?

          Dekadenz im Whirlpool: „1992“ läuft derzeit auf Sky
          Dekadenz im Whirlpool: „1992“ läuft derzeit auf Sky : Bild: Betafilm

          Nicola Lusuardi, Drehbuchautor und Dozent am Centro Sperimentale di Cinematografia in Rom, ist der Mann, der den Überblick über die Arbeit der Autoren von „1992“ behält. Seit einigen Jahren untersucht er auch die Besonderheiten und die kulturelle Bedeutung des Phänomens der Fernsehserie. Diesen Untersuchungen hat er 2010 das Buch „La Rivoluzione Seriale“ gewidmet. Für Lusuardi ist der Aufschwung, den Italiens Fernsehen gerade erlebt, das Ergebnis unterschiedlicher Faktoren. „Italien erlebt seit Jahrzehnten das Böse in der Form organisierter Kriminalität, und es gibt eine Tradition von Mafiageschichten. Als Roberto Saviano 2006 sein Buch ,Gomorrha‘ schrieb, hat man sofort gemerkt, dass die Fülle an Figuren und Konflikten in der Welt der Camorra eine ideale Vorlage für eine Geschichte ist, die sich komplexer und langsamer entwickelt, als man es von Filmen kennt“, sagt er.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Die Macher der Serie „Gomorrha“ hatten serielles Erzählen bereits durch die Arbeit an der Mafia-Serie „Romanzo Criminale“ geübt, die in Italien zwischen 2008 und 2010 mit Erfolg ausgestrahlt wurde. „Aber das Ausschlaggebende“, betont Lusuardi, „war Sky Italia.“ Der Sender habe entschieden, eine führende Rolle im italienischen Fernsehsystem zu übernehmen, und verstanden, dass es nur einen Weg gibt, Qualitätsserien zu produzieren: „Indem man den Autoren und Produzenten zuhört, sie bei ihrer Arbeit in Ruhe lässt und ihnen ermöglicht, ein Konzept bis zu seinen letzten Konsequenzen zu führen.“ Die große Resonanz von „Gomorrha“ habe Sky ermuntert, und so kam die Idee einer weiteren Serie mit internationalem Anspruch: „1992“.

          Komplex und moralisch ambivalent

          Diese Geschichte erinnert an das, was vor zwanzig Jahren in den Vereinigten Staaten passierte, als sich der Bezahlsender HBO entschloss, eigene Inhalte zu produzieren, die sich nicht nach dem üblichen bigotten und harmlosen Fernsehen anfühlten. HBO gab zwei Autoren, Tom Fontana und David Chase - deren Serienideen verschiedene Sender jahrelang für zu komplex, gewalttätig, moralisch ambivalent und dementsprechend nicht fernsehtauglich hielten -, einen Freibrief. Fontanas Serie „Oz“, die zwischen 1997 und 2003 ausgestrahlt wurde, handelt von einem multiethnischen Gefängnis, das eine Hölle von Intrigen, Vergewaltigung und Mord ist - und ein äußerst unangenehmes Spiegelbild der US-amerikanischen Gesellschaft.

          Ein seltener Moment des Friedens in „Die Sopranos“: John Cotelloe als Jim Witowski (links) und Joseph Gannascoli als Vito Spanafore
          Ein seltener Moment des Friedens in „Die Sopranos“: John Cotelloe als Jim Witowski (links) und Joseph Gannascoli als Vito Spanafore : Bild: Picture-Alliance

          Chase wollte vom „schwierigen Mann“ erzählen. Sein Serienkonzept sprach von einem italoamerikanischen Mafiaboss und Familienvater, der zwischen seinen zwei „Familien“ zerrissen ist, angefangen hat, eine Psychotherapeutin zu besuchen, und kurz davor ist zu implodieren. Die Serie, die in den Jahren 1999 bis 2007 zu sehen war, ist, natürlich, „Die Sopranos“. Beide Serien gelten heute als Klassiker und als Wegbereiter von späteren berühmten Serien wie „The Wire“, „Breaking Bad“ oder „Mad Men“.

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          Eiskalte Stimmung in der Werbefirma: Elisabeth Moss, Jon Hamm und Rich Sommer bei „Mad Men“ : Bild: AP

          Ist Italien also so weit? Hat jetzt auch die europäische Serienrevolution begonnen?

          „Nicht wirklich“, sagt Nicola Lusuardi. „Gomorrha“ sei zunächst ein „geglückter Einzelfall“. Ob die weiteren Staffeln der Serie, sowie „1992“, auch internationale Anerkennung finden, sei abzuwarten. Zweifellos fangen europäische Fernsehmacher an zu verstehen - wenn auch mit einer Verspätung von zwei Jahrzehnten -, dass Serien zu produzieren, die die Qualität und thematische Vielschichtigkeit von amerikanischen oder britischen Serien haben, eine Überlebensfrage ist. Die vollen Kinosäle bei den Serienaufführungen auf der vergangenen Berlinale machten es sehr deutlich, dass das Interesse der Zuschauer enorm ist. Und ausgezeichnete Produktionen wie „Borgen“ und „Die Brücke“ aus Skandinavien oder die französische „Les Revenants“ zeigen, dass sich die Ansprüche bereits geändert haben.

          Spezifische Dramaturgie der Serien

          Doch damit die Serienrevolution in Europa ankommt, muss noch einiges geschehen, meint Lusuardi. „Serien sind ganz andere Mechanismen als Filme, für die hauptsächlich die Geschichte zählt. Eine Fernsehserie muss eine Welt und Figuren ins Leben rufen, die in der Lage sind, eine unendliche Anzahl von Konflikten und somit unzählige Geschichten zu generieren. Und eine Serie, die wirklich besonders sein will, muss schon bei der ersten Folge Fragen stellen, ja sogar metaphysische Fragen, die sie gegebenenfalls jahrelang offenhalten kann.“

          Morde wollen gut geplant sein: Bryan Cranston als Walter White mit Michael Bowen als Uncle Jack in „Breaking Bad“
          Morde wollen gut geplant sein: Bryan Cranston als Walter White mit Michael Bowen als Uncle Jack in „Breaking Bad“ : Bild: AP

          Die Autoren der besten amerikanischen Serien sind Erzeugnisse eines äußerst betriebsamen und kompetitiven Fernsehsystems. Bevor Vince Gilligan „Breaking Bad“ konzipierte, hatte er jahrelang „Akte X“-Drehbücher geschrieben; Matthew Weiner, der Mann hinter „Mad Men“, und Terence Winter, Erfinder von „Boardwalk Empire“, waren beim Autorenteam der „Sopranos“. In Europa, erklärt Lusuardi, „gelten ganz andere Strukturen. Fast alle Filmschulen sind noch auf die traditionelle Produktion von Filmen konzentriert, und während die Arbeit an Qualitätsserien ein gut funktionierendes Team von Autoren voraussetzt, herrscht hier noch das Prinzip des Einzelautors. Damit wir brillante europäische Serien haben, müssen wir die Leute, die sie machen können, erst ausbilden.“

          Mit diesem Ziel startete an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) vor zwei Jahren der englischsprachige Intensivstudiengang „Serial Eyes“, an dem Nicola Lusuardi an der Seite prominenter Fernsehschaffender aus Europa und den Vereinigten Staaten wie „Oz“-Erfinder Fontana, „Akte X“-Autor Frank Spotnitz oder des dänischen Produzenten Sven Clausen unterrichtet. Das Programm bietet jedes Jahr zwölf bereits berufstätigen Drehbuchautoren und Filmproduzenten aus ganz Europa, die bereit sind, 4500 Euro zu bezahlen und dem Programm acht intensive Monate zu widmen, die Möglichkeit, die spezifische Dramaturgie, Bedeutung und Sprache von Fernsehserien zu erlernen und ein eigenes Serienkonzept zu entwickeln. Dafür nimmt sich „Serial Eyes“ die Arbeitsweise aus den Vereinigten Staaten und inzwischen auch Skandinavien zum Vorbild: die Zusammenarbeit im „Writers Room“ unter der Führung eines sogenannten „Showrunners“ - wie man den Hauptautor einer Serie nennt.

          Nah an der Fernsehindustrie

          Das Ausbildungsprogramm, bisher einmalig in Europa, sei aus einem praktischen Problem entstanden, erzählt „Serial Eyes“-Mitbegründer und Produzent Klaus Zimmermann („Die Patin“, „Borgia“ und „Transporter“). Bei den Vorarbeiten für „Borgia“ im Jahre 2011 - einem der ersten Versuche, eine englischsprachige Qualitätsserie in Europa zu machen - suchte man nach jungen europäischen Autoren, die in Tom Fontanas „Writers Room“ schreiben könnten. „Wir haben gemerkt, wie wenig Leute es in Europa gibt, die die Ausbildung oder überhaupt die Erfahrung haben, um gute Fernsehserien zu schreiben“, erzählt Zimmermann. Dies wolle „Serial Eyes“ ändern - und so eine neue Generation von Autoren und Produzenten schaffen, die die Produktion von Qualitätsserien in Europa endlich aus dem Bereich der „geglückten Einzelfälle“ holen könnte.

          Sundenpfuhl Vatikan: Bei „Borgia“ ist Giulia Farnese (Marta Gastini) die Geliebte von Rodrigo Borgia
          Sundenpfuhl Vatikan: Bei „Borgia“ ist Giulia Farnese (Marta Gastini) die Geliebte von Rodrigo Borgia : Bild: ZDF / Larry Horricks

          Einfach ist es nicht. Zwar ist eine Priorität von „Serial Eyes“, „so nah wie möglich an der europäischen Fernsehindustrie zu arbeiten“, erklärt Leiterin Lorraine Sullivan, die in Paris und Los Angeles bei privaten Sendern gearbeitet hat und das Serien-Festival „Totally Serialized“ organisiert. So gehört zur Ausbildung, dass die Teilnehmer Sender und Produzenten in London, Kopenhagen und Cannes kennenlernen und regelmäßig üben, wie sie ihre Serienideen so anschaulich darstellen können, dass sogar der phantasieloseste TV-Redakteur sie interessant findet. Doch die europäische Fernsehindustrie, insbesondere die risikoaverse öffentlich-rechtliche, bewegt sich sehr langsam. Gerade der deutsche Fall scheint da viel zu sagen. „Serial Eyes“ wird unterstützt vom EU-Förderprogramm Creative Europe, der London Film School und RTL. Wie Sullivan höflich sagt, hat das ZDF „ein gewisses Interesse gezeigt“. Dass die Sendeanstalt sich zu einer realen finanziellen oder institutionellen Unterstützung bereit erklärt - die für das auf hohem Niveau konzipierte und kostenaufwendige Programm wichtig wäre -, hat man bisher nicht hinbekommen.

          Braucht Europa eigene Serien?

          In wenigen Wochen werden die Teilnehmer des zweiten Jahrgangs von „Serial Eyes“ auf den Markt geschickt. Unter ihren Konzepten gibt es einige, die das Zeug dazu hätten, die nächsten großen europäischen Serien zu werden. Aber haben die Autoren in Europa wirklich eine Chance? Oder sollten sie besser, wie manche „Serial Eyes“- Teilnehmer selbstironisch sagen, in Los Angeles oder London ihren „Writers Room“ suchen?

          Denn am Ende ist die Frage, ob Europa überhaupt gute Fernsehserien braucht oder ob wir nicht einfach weiter die aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien gucken können. Nicola Lusuardi denkt, es braucht sie dringend. Denn es geht um viel mehr als nur Fernsehen. „Es geht auch um Politik“, sagt Lusuardi energisch. „Wenn die europäische Politik die rein wirtschaftlichen Grundlagen der EU überwinden soll, muss sie von einem Gemeinschaftsgefühl der europäischen Bürger bekräftigt werden. Die europäischen Autoren, Produzenten und Regisseure haben die historische Möglichkeit und die Verantwortung, dieses Gefühl zu fördern. Wie? Indem sie Mythologien und Welten erschaffen, in denen die Europäer ihr Leben widergespiegelt sehen und durch die sie ästhetische und kulturelle Werte teilen können. Natürlich braucht man gute Fernsehserien. Und sie müssen die ,Odysseen‘ des neuen Europas werden.“

          Quelle: F.A.S.

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