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Emmy Awards 2016 : Die Avantgarde fackelt nicht lange

  • -Aktualisiert am

Neue Miniserien wie „American Crime Story: The People v. O.J. Simpson“ geben dem Fernsehen neue Richtungen vor. Oscarpreisträger John Travolta ist als bester Darsteller in einer abgeschlossenen Serie nominiert. Bild: AP

Miniserien sind das Format der Stunde: Sie kommen beim Publikum an und sind beim Fernsehpreis Emmy angesagt. „The People v. O.J. Simpson“ mit John Travolta ist nur ein Beispiel.

          Fünf Jahre ist es her, dass die Academy of Television Arts and Sciences, die mit den Emmy Awards die wichtigsten Fernsehpreise Amerikas verleiht, die Kategorien „Beste Miniserie“ und „Bester Fernsehfilm“ miteinander verschmolz. Die Academy quittierte damit, wie sie damals wissen ließ, einen „allgemeinen Abwärtstrend“, was sogenannte abgeschlossene Serien betraf.

          Vorausschauend war das nicht. Denn wider alle Erwartungen rekrutiert sich inzwischen aus dem von Fachleuten schon abgeschriebenen Genre die Avantgarde des amerikanischen Seriengewerbes. In den sogenannten Anthologien, Serien mit in sich abgeschlossenen Staffeln, findet man inzwischen, was man einst im anspruchsvollen Independent-Kino suchte: Ausgerechnet in den Miniserien werden Grenzen überschritten, wird Bedeutsames geschaffen und verbindet sich Handwerkskunst mit erzählerischem Können.

          Bei der diesjährigen Verleihung der Emmys an diesem Sonntag versammelt sich denn auch in der Kategorie „Limited Series“, die es seit 2014 wieder gibt, das Beste, was das amerikanische Fernsehen derzeit zu bieten hat: Um die Trophäen bewerben sich eine zeitgemäß aufgearbeitete Geschichte um Homophobie, Rassismus und soziale Ungleichheit in „American Crime 2“, eine scharfe soziologische Analyse in Gestalt der fiktionalen Aufbereitung des Strafprozesses um O.J. Simpson („The People v. O.J. Simpson“) und die zweite Staffel des filmisch und erzählerisch ausgefeilten Kleinstadtgangster-Krimis „Fargo“. Auch die Serien-Adaption von John Le Carrés Roman „The Night Manager“, die stilistische Anleihen bei James-Bond-Filmen nimmt und mit großen Schauspielerleistungen aufwarten kann, zählt zu den Nominierten.

          Nicht mehr, sondern gleich gut

          Im Vergleich dazu sehen die meisten Kandidaten für die beste Langserie im Wortsinne alt aus. Die einst schockierende Polit-Farce „House of Cards“ wurde in ihrer vierten Staffel von der absurden Wirklichkeit des amerikanischen Wahlkampfs überholt, und dem Ränkespiel in der Fantasy-Welt von „Game of Thrones“ merkte man in der sechsten Saison streckenweise an, dass die Vorlage von George R.R. Martins fehlte. Das britische Kostümdrama „Downton Abbey“ wirkte in seiner sechsten Staffel ebenso formelhaft wie die Spionageserie „The Americans“ in ihrer vierten Runde.

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          Das beweist nur: Ein Drama von Folge zu Folge und Staffel zu Staffel auf gleichbleibend hohem Niveau über einen langen Zeitraum zu entwickeln ist eine enorme Herausforderung. Was „Breaking Bad“ in fünf und „Mad Men“ in sieben Staffeln schafften, nämlich eine interessante Ausgangsidee in ein packendes Epos zu übersetzen, gelingt selten – nicht zuletzt, weil in der traditionellen Fernsehproduktion der Zuschauerzuspruch über die Fortführung einer Serie bestimmt. Das macht die sukzessive Entfaltung einer zusammenhängenden Erzählung schwierig und leistet stattdessen der Tendenz Vorschub, dem Vorangegangenen gewissermaßen auf Zuruf immer noch eins draufzusetzen.

          Seit aber im Herbst 2011 Ryan Murphys „American Horror Story“-Reihe debütierte, öffneten sich dem Autorenfernsehen neue Horizonte. Mittlerweile hat sich im Miniserien-Format nicht nur erstklassige Erzählkunst etabliert, es bietet auch der Blockbuster müden Filmschauspielern und Regisseuren neue Möglichkeiten, um sich kreative Freiheiten zu nehmen – ohne gleich Verpflichtungen über Jahre hinweg einzugehen. Als beste Darsteller in abgeschlossenen Serien sind in diesem Jahr unter anderen der Oscar-Preisträger Cuba Gooding junior und John Travolta nominiert, der in „The People v. O.J. Simpson“ auftritt. Zu den Emmy-Kandidaten gehören auch Kirsten Dunst in „Fargo“, Tom Hiddleston in „The Night Manager“ und Kathy Bates in „American Horror Story: Hotel“. Allerdings erinnern spektakuläre Flops wie die zweite Staffel von „True Detective“ mit Rachel McAdams, Vince Vaughn und Colin Farrell oder das kürzlich beendete 100-Millionen-Dollar-Projekt „Vinyl“ von Martin Scorsese und Mick Jagger daran, dass große Hollywoodnamen allein noch keine herausragende Serie machen. Was sie allerdings können, ist eine gute Serie noch besser machen.

          Sterling K. Brown (l.) als Christopher Darden und Cuba Gooding Jr. als O.J. Simpson in „The People v O.J. Simpson“ Bilderstrecke
          Sterling K. Brown (l.) als Christopher Darden und Cuba Gooding Jr. als O.J. Simpson in „The People v O.J. Simpson“ :

          Selbst wenn limitierte Serien als „zehnstündige Independent-Filme“, wie es der Regisseur Judd Apatow formuliert, neue Qualitätsstandards im amerikanischen Fernsehen setzen, finden sich auch unter den Langzeitserien zwei echte Perlen. „Mr. Robot“, der einzige Neuzugang unter den Nominierten in dieser Kategorie, bietet eine exzellente Zeitgeist-Diagnose mit einem Protagonisten, den das digitale Zeitalter in die existentielle Angst vor der totalen Vereinsamung treibt. Und „Better Call Saul“ besticht auch in seiner zweiten Staffel mit der bedachtsamen Entfaltung der Geschichte von einem, der eher unfreiwillig vom Saulus zum Paulus wird. Letztere stammt aus der Feder des „Breaking Bad“-Schöpfers Vince Gilligan. Und der weiß bekanntlich, wie man im Fernsehen auch über mehrere Staffeln ein großes Drama entrollt.

          Quelle: F.A.Z.

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