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Schweden-Serie „Midnight Sun“ : Rätselhafte Morde an symbolischen Orten

  • -Aktualisiert am

Die französische Polizeibeamtin Kahina Zadi (Leila Bekhti) ist in den hohen Norden gereist, um ihre Kollegen zu unterstützen. Doch kann sie überhaupt helfen? Bild: ZDF und Ulrika Malm

Im höchsten Norden von Schweden geschehen grausame Morde. Der Täter scheint mit bösen Geistern im Bunde zu sein: Mit „Midnight Sun“ zeigt das ZDF eine der düstersten Krimiserien seit langem.

          Wie Überreste eines grauenvollen Rituals sind Gebissteile des Toten um ein geheimnisvolles Hochplateau herum verstreut. Dort, in der rentierbesiedelten Landschaft nördlich der Bergwerksstadt Kiruna, gibt es Transportwege weder zu Land noch zu Wasser. Allein aus der Luft wird die überwältigende Weite der Natur sichtbar. Zu unwegsam ist das Gebiet, um hier Bodenschätze zu heben. Von oben erscheinen vereinzelte Menschen nur als winzige Orientierungspunkte im Gelände. Oder sehen aus wie gekreuzigt. Mit dem Auge des Betrachters, der aus den Wolken auf ein schlimmes Treiben schaut, beginnt die französisch-schwedische Serie „Midnight Sun“. Eine Ästhetik der weit aufgerissenen Augen bestimmt die kommenden acht Stunden (Kamera Eric Sohlström).

          Der Körper des Unbekannten wurde an das Rotorblatt eines Hubschraubers gefesselt. Die Momente, in denen der Motor gestartet wird und die Blätter sich immer schneller drehen, sind von archaischer Grausamkeit und für manche sicher schwer erträglich. Oberstaatsanwalt Burlin (Peter Stormare) übergibt sich später allein bei der Vorstellung des Mordes; sein Assistent Anders Harnesk (Gustaf Hammarsten) tappt unsicher im Geschehen herum.

          Die nächste menschliche Rachegabe liegt in einer Senke an fließendem Wasser. Die dritte wurde in einer Vorratshütte der indigenen Bevölkerung von einem Jagdspeer durchbohrt. Drapierte Ringe aus Kupfer, zu unbekannten Zwecken verwendet, wandern in Beweismittelbeutel. Die Anordnung von Steinen rund um einen Platz sieht nicht zufällig aus. So symbolisch die Orte scheinen, so rätselhaft sind die Taten und hermetisch die Zeichen.

          Von allen guten Geistern verlassen? Die Schamanin Naid (Sofia Jannok) befragt das Knochenorakel.

          Die Identität des ersten Toten wird bald bekannt in Kiruna, wo sich alle auf die große Umsiedlung vorbereiten und viele Häuser schon verrammelt sind. Profitieren werden neben dem Konzern vor allem die gut bezahlten Steiger. Der ermordete Pierre Carnot (Denis Lavant), ein Franzose, hatte Verbindungen zum nahegelegenen „Nordic Space Center“, einem Forschungslabor, in dem neuartige Waffensysteme getestet werden. Kahina Zadi (Leila Bekhti), Pariser Polizistin mit algerischen Wurzeln, soll die schwedischen Kollegen unterstützen. Sie reist in die Schlaflosigkeit. Das liegt nicht nur an ihrem Trauma, das in Rückblenden Konturen erhält. Tag und Nacht scheint die Mitternachtssonne in diesem mystisch verschachtelten, elektrisierend spannenden und drastisch naturalistisch umgesetzten Serienprojekt von Mans Marlind und Björn Stein („Die Brücke – Transit in den Tod“).

          Nachdem auch Oberstaatsanwalt Burlin ermordet wurde, ist es am überfordert scheinenden Anders und der rücksichtslosen französischen Polizistin, sich der verborgenen Lesart eines Serienmordfalls zu nähern, bei dem der Verdacht vielleicht gezielt auf die Bevölkerungsminderheit der Sami gelenkt wird. Die Sami, diskriminiert als „Scheiß-Lappen“, und vor allem ihre Schamanen, könnten die Schlüssel zur Aufklärung liefern. Anders, ein halber Sami, und Kahina stoßen auf die Aktivisten der „Jungen Sami“ und ihre verstorbene Anführerin Evelina (Maxida Märak).

          „Midnight Sun“ handelt in bewährter ZDF-Schwedenkrimi-Qualität von einem lange zurückliegenden Verbrechen und seiner Vertuschung durch zweiundzwanzig Personen, die jemand nun zur Strecke bringt. Es geht um Umweltzerstörung und Naturbewahrung, kulturelle Identität und Verfolgung von Minderheiten sowie extravagante Lebensentwürfe, kleine Vorteilsnahmen und große Machenschaften. Das ZDF stellt ganz netflixmäßig mit Ausstrahlung der ersten Folge alle weiteren in die Mediathek ein.

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