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Die zweite „Borgia“-Staffel im ZDF Dieser Papst ist ein Pate

 ·  Die Geschichte des berüchtigtsten aller päpstlichen Familienclans geht weiter. Leider sieht „Borgia“ oft so aus, als sollte die Serie eine Weihrauch-Variante der „Tudors“ sein.

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© Michael Driscoll Vergrößern Er hat bei „Law and Order“ für die Rolle des Papstes geübt: John Doman spielt Rodrigo Borgia alias Alexander VI.

Der Mönch Savonarola hängt an einem Seil, die Hände auf den Rücken gebunden, die Schultern fast ausgerenkt, und schreit. Vor ihm steht der chief executive torturer in schwarzer Dienstkleidung, und hinter dem Oberfolterer warten der ehrwürdige Cesare Borgia im roten Kardinalshabit und sein Freund Niccolò Machiavelli, demnächst Sekretär der Florentiner Staatskanzlei und späterer Verfasser des politischen Handbuchs „Der Fürst“.

Er solle gestehen, ein Ketzer zu sein, ruft Cesare dem schreienden Mönch zu, doch der will nicht. Der Kardinal zögert. Jetzt dürfe er Savonarola nicht vom Haken lassen, geifert von hinten der blutrünstige Niccolò. „Zieht ihn wieder hoch!“, befiehlt Cesare. Abermals quietschen die Seilwinden, und das Geschrei und Gestöhne beginnt von vorn. Es wird ein langer Abend bei den „Borgia“ im ZDF.

Die Serie könnte witzig sein, aber sie will es nicht

Es ist die beste Szene der ersten beiden Folgen der zweiten „Borgia“-Staffel, auch wenn sie frei erfunden ist: Borgia und Savonarola sind sich nie begegnet, und Machiavelli hat das lebende Vorbild seines „Fürsten“ erst Jahre später kennengelernt. Aber die Folterszene zeigt, was der Film erreichen könnte, wenn er konsequent in die Richtung gehen würde, die ihm der Erfolg von Serien wie „Rome“ und „Die Tudors“ weist. Es ist das, was Susan Sontag „Camp“ genannt hat: die freche, grelle, respektlose Projektion von Maßstäben und Vorstellungen der Gegenwart auf eine neu erfundene Vergangenheit. Geschichtskarneval zu Pop-Rhythmen. Die siebziger Jahre und achtziger Jahre waren die große Zeit dieses Camp-Historismus, Richard Lester („Toll trieben es die alten Römer“) und Pier Paolo Pasolini („Decameron“) haben im Kino ihr Scherflein dazu beigetragen.

Leider gibt sich „Borgia“ größte Mühe, in jedem Augenblick so bierernst zu sein, als drohte der Serie beim kleinsten Witzchen die sofortige Exkommunikation durch den Nachfolger des Borgia-Papstes im Vatikan. Aber selbst in seiner Verbissenheit ist dieser Sechsteiler nicht konsequent - allerdings eher unfreiwillig.

Um bei „Borgia“ richtig herzhaft lachen zu können, muss man nur einmal die Augen schließen und sich anhören, wie die madonnenhafte Isolda Dychauk als Lucrezia Borgia („Vater, ich will den Tudor-Prinzen nicht heiraten!“) und die deutsche Synchronstimme des frisch aus einem Foto-Shooting von Versace entsprungenen Mark Ryder als Cesare ihre Dialogzeilen aufsagen. Wem dann nicht der Hut der historischen Erkenntnis hochgeht, dem ist in diesem Fernsehleben nicht mehr zu helfen. Der ganze sündhaft teure Renaissance-Rummel ist, rein auditiv betrachtet, nichts anderes als das, was früher Schulfernsehen hieß und heute „Terra X“ oder „ZDF History“ heißt - nur schlechter.

Erinnerungen an Loriots sprechenden Hund

Wenn Fräulein Dychauk dem Vatikan-Luder Lucrezia ihr apart verschnupftes Stimmchen leiht, glaubt man sich in einen Schauspielkurs bei Loriot selig versetzt („da hat sie was Eigenes!“). Und wenn der offenbar unter Kostümhypnose stehende Sebastian Urzendowsky den Nachwuchskardinal Juan Borgia Lanzol spricht, ist die Serie nicht mehr parodierbar - sie eilt jeder Verulkung meilenweit voraus. Loriots sprechender Hund Bello, der damals leider nichts „aus dem kirchlichen Bereich“ vortragen durfte, wäre eine ideale Zweitbesetzung für diesen Part.

Insgesamt gilt für „Borgia“, was man schon vor zwei Jahren über die erste Staffel der Serie sagen konnte: Sie ist weder als Komödie noch als Kostümthriller gut. Dabei hätte die Nachrede der Geschichte über den Borgia-Clan alles hergegeben, was man für einen Thriller braucht, Mord, Verrat, Machtgier, Bruder- und Vaterhass. Aber bei Tom Fontana, dem Erfinder der Serie, und seinen Regisseuren geht jedes stärkere Aroma des Stoffes in einem Wust von Nebensächlichkeiten unter.

Am Ende, nach sechshundert Fernsehminuten, ist „Borgia“ gerade mal im Jahr 1499 angelangt, sieben Jahre nach dem Amtsantritt des Borgia-Papstes. Wäre es nicht endlich Zeit, wieder ein paar richtige Schandtaten zu zeigen, statt eine Weihrauch-Variante der „Tudors“ abzuspulen?

Da wir beim Thema sind: Einmal kommt auch ein Bischof aus London zu Besuch ins Borgia-Reich. „Ihr habt Gnocchi und Ravioli, und in England haben wir Hammel!“, jammert der Mann. Ein anderer Kleriker, ein Kardinal Farnese, sagt: „Ich bin wie ein Bergsteiger, gefangen in einer Felsspalte.“ Ein dritter nennt Savonarola einen „elenden Grottenolm“. „Löst eure Fesseln und führt euer Leben!“, ruft Cesare den von Savonarola eingeschüchterten Florentinern zu.

Ja, sie reden genau so, wie uns der Schnabel gewachsen ist, sie tragen nur buntere Kleider, essen Spanferkel mit dem Dolch und sehen befriedigt zu, wie ein Homosexueller mit der „Birne des Papstes“ zu Tode gefoltert wird. Kulturindustrie schlage alles mit Ähnlichkeit, schrieben die deutschen Emigranten Adorno und Horkheimer in ihrem kalifornischen Exil, und man fragt sich, ob diese allerersten Hollywoodhasser nicht etwas erkannt haben, was heute noch gilt.

John Doman, dem Darsteller des alten Borgia, haben die Kritiker der ersten „Borgia“-Staffel nachgerühmt, er habe seine päpstlich-patenhafte Mimik in zahllosen Polizei- und Gangsterfilmen und -serien zur Perfektion geschliffen. Dasselbe könnte man über Iain Glen sagen, der den Savonarola als fanatischen Bruder jenes Jorah Mormont spielt, als der er in „Game of Thrones“ berühmt wurde. Leider stirbt Savonarola schon am Ende der zweiten Folge auf dem Rathausplatz in Florenz. Der Abschiedsblick, den er uns zuwirft, ist schrecklich. Ich habe es hinter mir, heißt das, und ihr müsst noch vier Folgen lang durchhalten. Und die nächste Staffel kommt bestimmt.

Borgia läuft an diesem Montag und am 1., 3., 7., 9. und 10. Oktober jeweils um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
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