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TV-Serie „Hackerville“ : Hacker sind auch nur Menschen

Durch einen Cyberangriff verbunden: Kommissarin Lisa Metz (Anna Schumacher) und der junge Hacker Cipi (Voicu Dumitras). Bild: HBO Europe/TNT Serie

Ist das Kunst oder Kriminalität? Die Serie „Hackerville“ taucht in die Welt rumänischer Computerbetrüger ein. Sie zeigt, wie aus scheinbarem Kinderspiel tragischer Ernst wird. Das ist sehr stimmig.

          Als in der rumänischen Stadt Timisoara die Ampeln verrücktspielen, sitzt Lisa Metz in einem Internetcafé und spielt. Wobei es sich weniger um ein Café denn um eine Mischung aus Kommandozentrale und Lan-Party handelt. Dicht an dicht sitzen Jugendliche, manche noch mit Zahnspange, vor ihren Computern. Und zweitens ist das Spiel eines, das reale Konsequenzen hat, von denen Metz aber noch nichts weiß.

          Sie ist Spezialistin für Cyberkriminalität beim Bundeskriminalamt in Frankfurt. Sie versucht gerade, den sechzehn Jahre alten Cipi, alias „Dark Mole“, in einem Spiel zu schlagen, das er selbst programmiert hat. Sie befeuern sich mit DDoS-Attacken. Der Distributed Denial of Service überlastet Server und andere Datennetzwerke. In Cipis Wettstreit werden die Angriffe auf einer Karte von Timisoaras Ampelnetzwerk visualisiert. Rot, Gelb und Grün flimmern jedoch nicht nur in Sekundenschnelle über die Bildschirme. Der junge Hacker erprobt sich am echten Netzwerk, deshalb rauschen draußen die Fahrzeuge wie außer Kontrolle geratene Spielzeugautos ineinander, im blinden Vertrauen darauf, dass die Technik sie genau davor bewahren würde. Ein Sechzehnjähriger belehrt sie eines Besseren, nicht aus Freude an der Karambolage, sondern aus Lust am Spiel.

          Ähnliches gilt wohl auch für die Attacke auf eine deutsche Großbank. Sie bildet den Ausgangspunkt der Serie „Hackerville“. Lisa Metz (Anna Schumacher) kann den Angriff nach Timisoara zurückverfolgen. Die Motive des Hacks sind unklar. Beim ersten Angriff wurde nichts gestohlen, bei einer zweiten Attacke wechselten nur 9,99 Euro das Konto. Gleichwohl wird Metz nach Rumänien geschickt, um dort gemeinsam mit dem Kommissar Adam Sandor (Andi Vasluianu) zu ermitteln. Nun entfaltet sich nicht nur ein gut erzählter Cyberthriller, sondern auch die Familiengeschichte der Beamtin. Lisa Metz ist in der rumänischen Stadt aufgewachsen, bevor sie mit ihrem Vater vor Ceausescu nach Deutschland floh. Dass sie die Sprache noch beherrscht, beschert ihr ihren ersten Feldeinsatz.

          Der kleine Hacker: Weiß Cipi (Voicu Dumitras), was er da macht?

          Rumänien ist hier nicht bloß folkloristisches Setting. Kulturklischees und nostalgische Verklärung fallen aus, was sicherlich auch dem internationalen Team hinter der Koproduktion von HBO Europe und TNT Serie geschuldet ist. Dessen Erfinder, Ralph Martin und Jörg Winger, die „Deutschland 83“ und „Deutschland 86“ entwickelten, haben nicht nur viele rumänische Schauspieler verpflichtet, sondern auch bei Drehbuch, Regie und Technik auf die Expertise der Rumänen gesetzt. Gedreht wurde hauptsächlich in Timisoara, was es dem Zuschauer ermöglicht, die Stadt aus der Fußgängerperspektive zu erleben. Zudem verzichten die Serienmacher darauf, Dialoge zu synchronisieren. Wenn eine Szene nicht gerade in Frankfurt spielt, gibt es übersetzte Untertitel. Die meiste Zeit über wird Rumänisch gesprochen. Der Hauptdarstellerin Anna Schumacher gelingt der Spagat, als Deutschrumänin ist sie in beiden Sprachen zu Hause. Schon nach kurzer Zeit lesen wir als Zuschauer unbewusst mit, die Stimmen sind schnell vertraut, genau wie der geschmeidige Rhythmus des Rumänischen.

          Authentizität und Realismus sind schwierige Label, sie werden oft beschworen, wenngleich sie ja gar kein Kriterium für eine gute Serie sein müssen. In „Hackerville“ wirkt der Anspruch allerdings erfrischend, weil er nicht bei Sprache und Drehorten stehenbleibt. Bilder von Hackern, die sich kapuzenbedeckt in Kammern ohne Licht über grün leuchtende Tastaturen krümmen, sieht man nicht. Der Glaubwürdigkeit der Geschichte tut das gut. Die Serie bedient sich nicht beim Bild des Cyberspace als metaphysischer Blase, die mit dem Alltag nichts zu tun hat, und verzichtet auf technische Dialoge, die dem Zuschauer nur vor Augen führen, dass er in der Welt der Einsen und Nullen nicht zu Hause ist.

          Hacker ist eben nicht gleich Hacker. Die Teenager im Internetcafé vertreiben sich die Zeit mit Spielen oder Betrügereien, denen man im Netz ständig begegnet. Wohnungen, für welche die Kaution vorab überwiesen werden soll, oder Autos, bei denen der Noch-Eigentümer bloß einen Zuschuss zu den Überführungskosten verlangt, obwohl es weder Auto noch Wohnung wirklich gibt. Angeführt werden diese „Scammer“ von Cezar Iacob, dem „Big Daddy of Hacking“ in Timisoara. Der sieht weder aus wie ein osteuropäischer Mafioso noch wie der König der Nerds, sondern als betreibe er einen hippen Laden für Vintage-Rennräder irgendwo in Berlin.

          Als ein Sondereinsatzkommando die Hacker-Zelle hochnehmen will, wirkt das kein bisschen einschüchternd. Die Scammer haben die Einsatzkräfte längst gesehen, ihr Geld zur Nachbarin geschafft und die Festplatten verschlüsselt. Mit einer Razzia hat die Polizei keine Aussicht auf Erfolg. Deshalb stehen Hacker genauso auf der anderen Seite – wie Lisa Metz. Und es gibt jene, die zwischen diese Pole geraten und unterzugehen drohen, für die es beim Hacken nicht um eine politische oder ökonomische Agenda geht, sondern um den Spaß: Safeknacker, für die Hacken zur Kunstform wird.

          Über eine außergewöhnliche Bildsprache verfügt die sechsteiligen Serie nicht, dem deutsch-rumänischen Ermittlerduo Metz und Sandor folgt man dennoch gerne. Das Zusammenspiel vor der Kamera wirkt leicht, die Figuren erscheinen in sich schlüssig. Soweit sich das nach den ersten Folgen sagen lässt, wird die Handlung, die mit dem Diebstahl von 9,99 Euro beginnt, kein rasanter Sprung in die Tiefen des metaphorischen Kaninchenbaus, wie er beispielsweise in der Serie „Mr. Robot“ inszeniert wird. Die Stärke liegt in den Figuren. Beim Staat wie bei Kriminellen wecken Hacker Begehrlichkeiten. Genau das ist der Gegenstand von „Hackerville“.

          Hackerville läuft von heute an donnerstags um 21.50 Uhr bei dem Abosender TNT Serie.

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