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TV-Serie „Ad Vitam“ : Geburt und Tod sind verboten

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Am Abzug: Christa (Garance Marillier) sucht Vergeltung. Bild: © Ivan Mathie 2017

Die Alten lassen den Jungen keine Chance: In der französischen Serie „Ad Vitam“ geht es um den Fluch ewigen Lebens. Das klingt nach Science-Fiction, ist aber ein packender, gegenwärtiger Gesellschaftsthriller.

          Sieben tote Jugendliche werden am Strand einer ungenannten Stadt angespült, mit Kopfschüssen ums Leben gebracht. Sie tragen das Zeichen von „Saul“, eine Tätowierung mit zwei Punkten – für Anfang und Ende, Geburt und Tod. „Saul“ ist eine Rebellenorganisation juveniler Selbstmordattentäter, die zehn Jahre zuvor mit einer Welle von Massentötungen die ideologischen Grundlagen dieses Staates, angesiedelt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in Frage stellte.

          Das Ziel war Systemzerstörung. Ihr Anführer Caron (Niels Schneider) kam mit vielen anderen in einem Stadion von eigener Hand ums Leben. Ist die Terrororganisation wieder aktiv? Ist Caron wirklich tot? Warum gerade jetzt, wo das große Referendum zur ausnahmslosen Geburtenkontrolle ansteht? Für Darius Asram (Yvan Attal), den Polizisten, der gerade vor der Zwangsumschulung steht, ist der Fall eine Wiederbegegnung. Schon im Fall der Stadionselbstmorde hat er erfolglos ermittelt. In den letzten Jahren sind zudem mehrere hundert Heranwachsende spurlos verschwunden. Einige wurden später entsetzlich deformiert, die Körper molluskengleich, aus dem Meer gefischt.

          Asram ist müde, auch, weil er das Gewicht seines Gedächtnisses verkraften muss. Es wird wieder einmal Zeit für Vergessensdrogen. Zeit zur turnusmäßigen Neuerfindung der eigenen Person. Das regelmäßige biochemische Regenerationsbad erneuert zwar die Zellen in Rekordzeit, aber der Alterungsprozess hinterlässt Spuren im Geist. Asram ist hundertneunzehn Jahre alt, eigentlich überhaupt kein Alter, wo doch die älteste Frau gerade ihren hundertneunundsechzigsten Geburtstag feiert.

          Hat schon zuviel gesehen: Der Polizist Darius (Yvan Attal).

          Der Tod ist in der französischen Science-Fiction-Serie „Ad Vitam“ zwar nicht abgeschafft, aber praktisch verschiebbar ad infinitum. Hier ist fittes Weiterleben Staatsdoktrin. Die Rekreationstauglichen, das sind beileibe nicht alle, haben die Verpflichtung zur steten Erneuerung des Körpers in speziell ausgerüsteten Badeanstalten, erkennbar, wie die Krankenhäuser auch, die nur noch zur Notfallbehandlung da sind, am neonleuchtenden Unendlichkeitszeichen. Die Friedhöfe werden eingeebnet. Beerdigungen finden höchst selten statt.

          Alles Kreatürliche – wie lebende Tiere – ist aus dem Alltagsleben verbannt. Nur Quallen, vorwiegend Leuchtquallen, sind als Haustiere en vogue. Schon im Jugendalter – die Volljährigkeitsschwelle wurde auf dreißig Jahre heraufgesetzt –, so will es das Gesundheitsamt, werden Organismuswerte als Zulassungsparameter fürs Steinaltwerden erfasst. Wer raucht, trinkt oder unflätig ist, minimiert seine Chancen. Das Leben ist zu einem nahezu perfekten Kreislauf der Selbstkontrolle geworden. Wer nicht passt, wie die junge Christa Novak (Garance Marillier), wird ins Umerziehungsheim gebracht.

          Ein Traum, das ewige Leben. Beziehungsweise ein Albtraum. In „Ad Vitam“ von Thomas Cailley (Buch und Regie) wird er, den Gedanken der mutwilligen Unsterblichkeit fein verästelnd bis ins gewaltsame Untergangsszenario, in dystopischer Konsequenz unerbittlich entromantisiert. Spannend ist die Geschichte der Ermittlung der Hintergründe des Massensuizids, die Darius und Christa sechs Folgen lang auf einen gemeinsamen Ermittlungsweg führt; noch spannender aber sind die gesellschaftlichen Fragen. Der Kampf der Alten gegen die Jungen wird hier auf die Spitze getrieben. Die Alten leben in fitter Verfassung immer weiter, die junge Generation wird überflüssig. Das Problem wird hier durch Anpassungszwang gelöst. Die Suizidrebellen verstehen ihre Selbsttötung als Akt der Autonomie. Bald werden Geburten verboten sein.

          Bei Schiller heißt es – oft missverstanden, entsetzlich missbraucht – „Das Leben ist der Güter höchstes nicht“. So sehen es in „Ad Vitam“ auch die älteren Widerstandskämpfer um die Priesterin der Untergrundkirche der Seligpreisungen (Hanna Schygulla), die dem Lebenszwang ein Natürlichkeitspathos entgegensetzen, das die Vergänglichkeit bejaht. Für sie ist der natürliche Tod eine Gnade, der mit einer gemeinschaftlichen Feier in Würde zelebriert wird. Falten bedeuten Dignität. Trauer wird in „Ad Vitam“ ansonsten gesellschaftlich überwacht – durch offizielle Trauerbegleiter, die das Maß an Emotion kontrollieren. Will man das, das ewige Leben, auch wenn es von eigenem Elend frei ist? Diese französische Serie stellt die brisante Frage mit einer auch sinnlich-praktisch ansprechenden Ernsthaftigkeit auf, die man hierzulande vom Fernsehen kaum gewohnt ist.

          Ad Vitam beginnt heute, Donnerstag 8. November, um 20.15 Uhr bei Arte.

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